AR Feature, das keinen Mehrwert für Besucher:innen hat, Foto: nuseum.ai
Wie KI Museumsarbeit souveräner macht
Von:
Julian Harbort (nuseum.ai), Wien
Digitale Vermittlung hat in Museen ein Umsetzungsproblem. Nicht, weil es an Engagement fehlt – sondern weil die Rahmenbedingungen der Branche eine nachhaltige Entwicklung digitaler Angebote systematisch erschweren. Julian Harbort, Co-Founder des Wiener Startups nuseum.ai, skizziert warum Künstliche Intelligenz nicht als Ersatz, sondern als Werkzeug für souveränere Vermittlungsteams verstanden werden sollte – und wie das in der Praxis bereits funktioniert.
Die Ausgangslage: Ein systemisches Problem
Technologie ist zunächst neutral. Ob sie in der Museumsbranche sinnvoll eingesetzt wird, hängt davon ab, welche konkreten Probleme sie adressiert. Der Blick auf die Zahlen ist dabei ernüchternd: Eine Untersuchung von nuseum.ai mit über 150 Museums-Apps im deutschsprachigen Raum zeigt, dass rund 90 % der nativen Museums-Apps von weniger als 3 % der Besucher:innen genutzt werden. Der vollständige Datensatz inklusive Methodik ist öffentlich zugänglich.
Museen setzen durchaus auf vielversprechende Trends wie Gamification oder Augmented Reality. Doch diese Technologien werden in den seltensten Fällen in einen konkreten Mehrwert für Besucher:innen verwandelt – sie bleiben eher technische Spielerei, als dass sie das Besuchserlebnis wirklich unterstützen. Dahinter steht kein Versagen einzelner Häuser, sondern ein strukturelles Problem.
Der strukturelle Kern: Projektlogik statt Kontinuität
Dieses Problem hat tiefere Ursachen. Museen – insbesondere öffentlich getragene Häuser – sind in ihren Handlungsspielräumen und Prozessen stark durch ihre Träger:innen und Finanzierungsstrukturen geprägt bzw. begrenzt. Beispielsweise stammen Budgets für digitale Vorhaben häufig aus Förderungen oder zweckgebundenen Zuwendungen, die projektbezogen vergeben werden: mit klarem Anfang, klarem Ende und festen Vorgaben. Dazu kommt der administrative Aufwand für Antragstellung, Abrechnung und Nachweis. Digitale Vermittlung wird unter diesen Bedingungen fast zwangsläufig als temporäres Projekt angelegt – nicht als fortlaufender Prozess.
In anderen Branchen wäre diese Arbeitsweise undenkbar. Dort gilt längst ein anderer Standard: Produkte werden iterativ entwickelt. Man startet möglichst niederschwellig mit einer ersten Version, sammelt Feedback, analysiert die Nutzung und passt die Lösung schrittweise an die Bedürfnisse der Nutzer:innen an – als kontinuierlicher Prozess. Für Museen war dieser Weg aufgrund hoher Arbeitsaufwände und Kosten für einen herkömmlichen Audioguide bzw. eine Museums-App bisher schlicht nicht gangbar. Genau das möchte nuseum.ai ändern.
KI als Werkzeug für eine neue Arbeitsweise
nuseum.ai bietet Museen eine Web-App für Besucher:innen mit einem dazugehörigen CMS – dem nuseum CuratorSpace –, das vom Museumsteam selbständig bedient wird. Künstliche Intelligenz kommt dabei zum Einsatz, um Texte einzusprechen, in bis zu 20 Sprachen zu übersetzen und die Inhaltserstellung zu unterstützen. Entscheidend ist das Prinzip „Human-in-the-Loop": Jeder Text, der im Guide angehört werden kann, wird von einem Menschen geprüft und freigegeben. KI bereitet vor – die kuratorische Verantwortung bleibt beim Museumsteam.
Das Ziel: ein Baukastensystem, aus dem sich jedes Museum die passenden Werkzeuge zusammenstellt, um das digitale Besuchserlebnis für das eigene Haus zu gestalten – zeiteffizient, flexibel und ohne Abhängigkeit von externen Dienstleistern.
Praxisbeispiele aus dem Partnernetzwerk
Was dieser Ansatz konkret ermöglicht, zeigt sich an den unterschiedlichen Einsatzszenarien der Partnermuseen.
Klimt Villa und Ernst Fuchs Museum (Wien): Beide Häuser sind privat geführt und arbeiten ohne Förderungen. Für Museen dieser Größe war ein hochwertiger Audio-Guide bisher nur schwer umsetzbar. nuseum.ai ermöglicht den Betrieb ohne Vorabinvestition – finanziert über eine Umsatzbeteiligung an den verkauften Guide-Tickets. Der Betrieb ist für das Museum damit budgetneutral.
Wiener Secession: Der Schwerpunkt der Secession liegt auf zeitgenössischen Ausstellungen, die alle drei Monate wechseln. Ein auditives Vermittlungsformat für diese Wechselausstellungen war bisher zeit- und ressourcentechnisch nicht realisierbar. Durch den CuratorSpace kann das Team der Secession nun Dokumente wie Ausstellungskataloge oder Pressemitteilungen hochladen, die ohnehin im Arbeitsalltag entstehen, und daraus innerhalb eines Nachmittags einen Audio-Guide erstellen. Aus derselben geschlossenen Datenumgebung können auch Besucher:innenfragen per Chatfunktion beantwortet werden – ohne Risiko von Halluzinationen, da die Antworten ausschließlich auf den vom Museum bereitgestellten Materialien basieren.
Salzburg Museum (Orangerie im Schloss Mirabell): Hier entwickelt nuseum.ai gemeinsam mit dem Museum und dem Blindenverband Österreich eine Version des Guides, die speziell für blinde und sehbeeinträchtigte Besucher:innen optimiert ist. Die Web-App wird für VoiceOver und TalkBack angepasst. Entscheidend dabei: Die Entwicklung findet im Austausch mit der Zielgruppe statt. Was dabei entsteht, kommt als neues Werkzeug in den Baukasten – und steht damit allen Partnermuseen zur Verfügung.
Samurai Museum Berlin: Das Museum verfügt über eine Sammlung von 4.000 Objekten, die alle mit Beschreibungstexten in der Datenbank hinterlegt sind. KI ermöglicht es, sämtliche Objekte im Guide zugänglich zu machen – inklusive Übersetzung in 20 Sprachen. Besucher:innen können ein Foto eines Objekts mit dem Smartphone machen, woraufhin der Guide direkt das passende Kapitel abspielt. Ergänzend lassen sich Transkripte anzeigen und Fachbegriffe erklären.
Souveräne Vermittlungsteams als Ziel
Das übergeordnete Ziel von nuseum.ai ist es, Vermittlungsteams zu befähigen, souverän und unabhängig zu arbeiten – AI-empowered, aber keineswegs ersetzt. Die Teams sollen im Fahrersitz bleiben, ohne von Budgetfragen oder externen Dienstleistern abhängig zu sein. Dies sehen wir als Grundvoraussetzung, um ein möglichst bereicherndes (digitales) Besuchserlebnis zu ermöglichen. nuseum.ai versteht sich dabei als Sparring-Partner, der Erfahrungswerte aus dem Partnernetzwerk einbringt. Prinzipiell arbeiten die Museen aber eigenständig.
KI verschiebt digitale Vermittlung damit von einem einmaligen Projekt hin zu einem kontinuierlichen Prozess – näher an den Besucher:innen, flexibler in der Umsetzung, nachhaltiger in der Wirkung.
Credits und Zusatzinfos:
Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten im Rahmen der ARGE Digitales Museum Was gibt es Neues? Edition 2026 des Museumsbund Österreich am 17./18. März 2026.










