Inklusion als Gestaltungsprinzip
Sieben Ansätze für eine zugängliche digitale Vermittlung
Von:
Andreas Guggenbühl (Audio-Cult), Zürich
Inklusion bedeutet nicht, einzelne „Sonderlösungen“ anzubieten, sondern Wahlfreiheit zu schaffen. Ziel ist es, dass möglichst viele Menschen kulturelle Angebote auf ihre jeweils passende Weise nutzen können – idealerweise ohne sich als „Ausnahme“ zu fühlen.
Perspektivwechsel: Nicht Technik, sondern Menschen im Mittelpunkt
Gerade im digitalen Bereich besteht die Versuchung, Herausforderungen primär über neue Tools zu lösen. Doch entscheidend ist zunächst eine andere Frage: Fühlen sich Menschen überhaupt angesprochen und willkommen?
Die Perspektive der Nutzer:innen – insbesondere jener, die bislang wenig erreicht werden – muss Ausgangspunkt jeder Vermittlungsstrategie sein. In der Praxis zeigt sich dabei immer wieder: Was als „inklusive Lösung“ gedacht ist, entspricht nicht zwangsläufig den tatsächlichen Bedürfnissen.
Diverse konkrete Beispiel aus der Zusammenarbeit mit Betroffenen, Sehbehinderten- und Gehörlosenverband, verdeutlichen, spezielle Angebote sind wichtig – doch viele wünschen sich vor allem, die gleichen Angebote wie andere nutzen zu können, nur in angepasster Form.
Sieben Wege zu mehr inklusiver Vermittlung
Aus der Projektarbeit wurden sieben zentrale Ansatzpunkte abgeleitet, die Museen konkret umsetzen können:
1. Sprachliche Zugänglichkeit erweitern
Ein grundlegender Baustein ist die Bereitstellung von Inhalten in unterschiedlichen sprachlichen Varianten:
▪ Standardsprache
▪ Leichte Sprache
▪ regionale oder Minderheitensprachen
Erfahrungen zeigen, dass insbesondere Angebote in leichter Sprache stark nachgefragt werden – nicht nur von Menschen mit Einschränkungen, sondern auch von einem breiteren Publikum.
2. Mehrsprachigkeit systematisch mitdenken
Über klassische Übersetzungen hinaus eröffnet digitale Vermittlung neue Möglichkeiten:
▪ Hauptsprachen idealerweise gesprochen von echten Menschen
▪ zusätzliche Sprachen durch KI-gestützte Systeme
▪ niedrigschwellige Erweiterung bestehender Inhalte
▪ flexible Anpassung an Zielgruppen
Gerade für internationale Besucher:innen oder Menschen mit Migrationshintergrund kann dies entscheidend für die Zugänglichkeit sein.
3. Feedback aktiv einbinden
Digitale Vermittlungsformate bieten die Chance, kontinuierlich Rückmeldungen zu sammeln:
▪ integrierte Feedbackfunktionen
▪ spielerische Formate wie Quiz oder Bewertungen
▪ systematische Auswertung und Weiterentwicklung
Zuhören ist ein zentraler Bestandteil inklusiver Vermittlung.
4. Gebärdensprache integrieren
Die Einbindung von Gebärdensprache ist ein wichtiger Schritt für mehr Teilhabe. Digitale Tools können hier Prozesse deutlich vereinfachen:
▪ einfache Integration von Videoformaten
▪ Zusammenarbeit mit Gehörlosen-Communities ermöglicht per Klick die Erweiterung um Gebärdenvideos
Was früher mit hohem Produktionsaufwand verbunden war, lässt sich heute deutlich niedrigschwelliger umsetzen.
5. Deskriptive Zugänge für sehbeeinträchtigte Menschen
Für blinde und sehbeeinträchtigte Besucher:innen spielen auditiv-deskriptive Inhalte eine zentrale Rolle:
▪ VoiceOver-kompatible Anwendungen
▪ detaillierte sprachliche Beschreibung von Räumen und Objekten
▪ Hinweise zur Orientierung im Raum
Besonders relevant ist hier der Gedanke der Freiheit: Unterschiedliche Menschen sollen Ausstellungen zur gleichen Zeit und auf vergleichbare Weise erleben können wie andere.
6. Alternative Navigationswege anbieten
Digitale Vermittlung kann auch physische Barrieren adressieren:
▪ Routen ohne Treppen
▪ angepasste Wegeführung innerhalb von Ausstellungen
▪ individuelle Navigation je nach Bedarf
So entstehen parallele, gleichwertige Zugänge zur gleichen Ausstellung – ein zentraler Aspekt inklusiver Gestaltung.
7. Inklusion als Prozess verstehen
Alle genannten Maßnahmen haben eines gemeinsam:
Sie sind keine einmaligen Lösungen, sondern Teil eines fortlaufenden Prozesses.
Inklusion entsteht durch:
▪ kontinuierliche Anpassung
▪ Austausch mit Communities
▪ Weitergabe von Erfahrungen zwischen Institutionen
Zwischen Anspruch und Praxis
Viele Museen stehen vor der Herausforderung, inklusive Angebote mit begrenzten Ressourcen zu realisieren. Digitale Tools können hier helfen, Prozesse zu vereinfachen und skalierbar zu machen.
Technologie allein garantiert keine Inklusion. Entscheidend ist die Haltung, mit der sie eingesetzt wird.
Inklusive digitale Vermittlung geht über Barrierefreiheit im engeren Sinne hinaus. Es geht nicht nur darum, Zugang zu ermöglichen, sondern darum, unterschiedliche Zugänge gleichwertig nebeneinander zu stellen.
Für Museen bedeutet das:
▪ Angebote vielfältig denken
▪ Nutzer:innen konsequent einbeziehen
▪ digitale Möglichkeiten strategisch nutzen
Oder zugespitzt: Inklusion beginnt nicht mit dem Tool, sondern mit der Perspektive.
Wir leben für die Kulturvermittlung. Sehr gerne teilen wir Erfahrungen in Zusammenarbeit mit Seh- und Gerhölosenverbänden und Wissen zu technischen Lösungen. Unverbindlich. Melden Sie sich für eine Video-Kaffee an simon@audio-cult.com.
Credits und Zusatzinfos:
Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten im Rahmen der ARGE Digitales Museum Was gibt es Neues? Edition 2026 des Museumsbund Österreich am 17./18. März 2026.










