Digitale Erinnerung neu denken
Wie Museen vergessene Biografien zurück ins kollektive Gedächtnis holen können
Von:
Patricia Rahemipour (Institut für Museumsforschung, Berlin ), Kathrin Grotz (Institut für Museumsforschung ), Berlin, Wien
Wie können Museen digitale Technologien nutzen, um historische Leerstellen zu schließen – und insbesondere jene Biografien sichtbar zu machen, die durch gesellschaftliche Brüche aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind?
Museen zwischen Speicher- und Funktionsgedächtnis
Ausgangspunkt der Überlegungen ist eine klassische, aber hochaktuelle Aufgabe von Museen: Sie vermitteln zwischen dem sogenannten Speicher- und Funktionsgedächtnis der Gesellschaft. Sammlungen bewahren kulturelles Wissen langfristig – doch gesellschaftliche Relevanz entfalten sie erst, wenn dieses Wissen aktiv genutzt, interpretiert und neu kontextualisiert wird.
Die Digitalisierung hat hierfür neue Möglichkeiten geschaffen. Sammlungen können heute global sichtbar gemacht, Daten vernetzt und Forschungsprozesse international koordiniert werden. Entscheidend ist dabei nicht primär die Menge der digitalisierten Objekte, sondern die Qualität ihrer Erschließung:
Gut strukturierte, verknüpfte und auffindbare Daten bilden die Grundlage für neue Erkenntnisse.
Gleichzeitig bleibt die Praxis hinter den technischen Möglichkeiten zurück. Museen arbeiten in komplexen, oft langsamen Strukturen, während digitale Entwicklungen hohe Dynamik verlangen. Zudem wirken bestehende Machtverhältnisse und historische Ausschlüsse bis heute in Datenbeständen fort – etwa durch lückenhafte Dokumentation oder fehlende Verknüpfungen.
Perspektivwechsel: Nicht das Objekt, sondern der Mensch
Vor diesem Hintergrund schlägt das Institut für Museumsforschung einen Perspektivwechsel vor: Nicht mehr das Objekt steht im Zentrum der Betrachtung, sondern die Menschen, die es geschaffen haben – Urheber:innen, Hersteller:innen, Unternehmer:innen.
Dieser Ansatz rückt eine zentrale Frage in den Fokus: Welche Spuren haben diese Personen im kollektiven Gedächtnis hinterlassen – und wie stabil sind diese Spuren?
Gerade bei historischen Brüchen zeigt sich, dass viele Biografien systematisch aus dem gesellschaftlichen Funktionsgedächtnis verdrängt wurden. Digital setzt sich diese Unsichtbarkeit häufig fort – etwa durch fehlende Normdaten, unzureichende Verschlagwortung oder nicht vorhandene Referenzeinträge.
Der Fall Siegfried Hirschmann: Ein unsichtbarer Industriepionier
Als exemplarischer Fall wurde der Unternehmer und Erfinder Siegfried Hirschmann vorgestellt – eine prägende Figur der deutschen Industriegeschichte um 1900.
Hirschmann gründete bereits im Alter von 26 Jahren ein Unternehmen, das sich innerhalb weniger Jahre zu einem bedeutenden Kabelhersteller entwickelte. Seine Firmen produzierten unter anderem Starkstromkabel für die Berliner S-Bahn sowie Überseekabel. Darüber hinaus expandierte er in die Automobil- und Reifenindustrie und etablierte ein weit verzweigtes Industrieimperium, das auch international tätig war.
Und doch ist Hirschmann heute kaum präsent: Es existieren nur wenige digitale Spuren, keine umfassende enzyklopädische Aufarbeitung und kaum systematische Verknüpfungen in musealen Datenbanken.
Der Grund liegt in der historischen Zäsur: Als jüdischer Unternehmer wurde Hirschmann ab 1933 verfolgt, enteignet und zur Flucht gezwungen. Sein Lebenswerk wurde zerstört, seine Erinnerung weitgehend ausgelöscht.
Diese Auslöschung wirkt bis heute fort – auch im Digitalen.
Das Problem: Fehlende Verknüpfungen im digitalen Sammlungsraum
Der Vortrag machte deutlich, dass es weniger an Objekten fehlt als an deren Kontextualisierung. In vielen Museen existieren Objekte, die direkt oder indirekt mit Hirschmann verbunden sind – etwa Produkte seiner Unternehmen oder Dokumente aus deren Umfeld. Doch ohne Verknüpfung zu seiner Person bleiben diese Zusammenhänge unsichtbar.
Typische Probleme sind:
- fehlende Einträge in Normdateien (z. B. GND)
- unzureichende oder uneinheitliche Verschlagwortung
- fehlende Querverweise zwischen Institutionen
- isolierte Datenbanksysteme ohne Vernetzung
Das Ergebnis: Selbst bei vorhandenen Beständen laufen Recherchen ins Leere.
„Reclaiming Hirschmann“: Ein Projekt als Modell
Hier setzt das vorgestellte Projekt „Reclaiming Hirschmann“ an. Ziel ist es, solche digitalen Leerstellen aktiv zu identifizieren und zu schließen – und zwar nicht ausschließlich durch Expert:innen, sondern partizipativ.
Im Zentrum steht eine Projektwoche mit Schüler:innen, die:
- in Museumsdatenbanken und Archiven recherchieren
- mit Normdaten und digitalen Referenzsystemen arbeiten
- Inhalte in öffentlich zugängliche Plattformen wie Wikipedia einpflegen
- eigene digitale Zugänge zur Geschichte entwickeln
Ein vorausgegangenes Bildungsprojekt zeigte bereits das Potenzial: Schüler:innen rekonstruierten Hirschmanns Industrieanlagen mittels 3D-Druck und entwickelten immersive Anwendungen mit VR- und AR-Technologien. Die Ergebnisse wurden in einer Ausstellung präsentiert und machten Geschichte unmittelbar erfahrbar.
Partizipation als Schlüssel zur digitalen Erinnerungskultur
Das Besondere am Ansatz liegt in seiner doppelten Wirkung: Neben der Ergänzung des digitalen Gedächtnisses werden fehlende Informationen werden recherchiert und dauerhaft verankert.
Teilnehmende erleben, dass sie selbst zur Gestaltung von Erinnerung beitragen können.
Damit verschiebt sich die Rolle des Publikums: Von passiven Konsument:innen hin zu aktiven Mitgestalter:innen kulturellen Wissens.
Gerade für Museen eröffnet dies neue Perspektiven:
- partizipative Vermittlungsformate
- niedrigschwellige Zugänge zu Sammlungen
- nachhaltige Einbindung junger Zielgruppen
- Erweiterung institutioneller Wissensproduktion
Über den Einzelfall hinaus: Ein Modell für strukturelle Lücken
Obwohl Hirschmann als Ausgangspunkt dient, ist das Projekt bewusst skalierbar angelegt.
Viele Biografien sind aus ähnlichen Gründen unterrepräsentiert:
- Verfolgung und Enteignung
- koloniale Kontexte
- marginalisierte Gruppen
- fehlende institutionelle Dokumentation
Das Konzept des „digital reclaiming“ bietet hier ein übertragbares Modell, um solche Leerstellen systematisch sichtbar zu machen und zu bearbeiten.
Digitale Technik braucht Engagement
Die technischen Voraussetzungen für ein vernetztes, inklusives kulturelles Gedächtnis sind vorhanden. Doch ohne aktives Engagement bleiben sie ungenutzt. Museen stehen vor der Aufgabe, ihre Daten nicht nur zu digitalisieren, sondern sinnvoll zu verknüpfen,
historische Ausschlüsse kritisch zu reflektieren und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.
Credits und Zusatzinfos:
Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten im Rahmen der ARGE Digitales Museum Was gibt es Neues? Edition 2026 des Museumsbund Österreich am 17./18. März 2026.










