Die „Wandtext-Wüste“ überwinden
Wie digitale Erweiterungen analoge Vermittlung neu lesbar machen
Von:
Jana Walter (fluxguide), Wien
Der Wandtext: Kaum ein Vermittlungsformat ist so etabliert – und zugleich so umstritten. Zwischen Platzmangel, Informationsdichte und begrenzter Aufmerksamkeit der Besucher:innen entsteht häufig das, was im Vortrag augenzwinkernd als „Wandtext-Wüste“ bezeichnet wurde.
Die zentrale Frage lautete daher nicht, ob Wandtexte noch zeitgemäß sind, sondern wie sie in einer hybriden Vermittlungslandschaft sinnvoll weitergedacht werden können.
Wandtexte bleiben – aber nicht unverändert
Wandtexte sind nach wie vor ein essenzieller Bestandteil musealer Vermittlung. Studien zeigen, dass sie eine zentrale Rolle für Kontext und Verständnis spielen. Gleichzeitig stehen sie zunehmend unter Druck. Besucher:innen bewegen sich durch komplexe Ausstellungen, nehmen viele Eindrücke gleichzeitig auf und stoßen dabei schnell an kognitive Grenzen.
Gerade in thematisch dichten Ausstellungen entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits besteht der Wunsch, möglichst viel Wissen zu vermitteln, andererseits sinkt die Aufnahmefähigkeit mit zunehmender Textfülle.
Ein konkretes Beispiel: Lernen und Erinnern in Gießen
Das vorgestellte Projekt am Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen verdeutlicht diese Herausforderung: Die Ausstellung behandelt Flucht- und Migrationsgeschichte über mehrere Jahrzehnte hinweg – ein inhaltlich komplexes und emotional vielschichtiges Thema.
Die Ausstellung selbst ist vergleichsweise kompakt, die Inhalte sind jedoch dicht. Zahlreiche Begriffe, historische Kontexte und individuelle Geschichten müssen vermittelt werden. Die Wandtexte sind entsprechend umfangreich, teilweise kleinteilig und nicht immer auf den ersten Blick zugänglich.
Genau hier setzte das digitale Konzept an.
Die Lösung des Multimediaguides besteht nicht darin, die Wandtexte zu ersetzen, sondern sie zu erweitern. Über eine App können Besucher:innen Texte direkt scannen. Einzelne Begriffe werden erkannt und führen zu vertiefenden Inhalten.
Die zusätzliche Information wird nicht pauschal angeboten, sondern gezielt dort, wo sie benötigt wird. Besucher:innen entscheiden selbst, welche Begriffe sie näher erkunden möchten und wie tief sie in ein Thema einsteigen.
Damit entsteht eine neue Form der Vermittlung, die nicht mehr linear funktioniert, sondern selektiv und individuell.
Vom Wandtext zum interaktiven Glossar
Im Hintergrund arbeitet eine Texterkennung, die die Inhalte der Wandtexte analysiert und mit einem redaktionell gepflegten System verknüpft. Im Grunde entsteht so ein dynamisches Glossar, das direkt mit der Ausstellung verbunden ist.
Begriffe können jederzeit ergänzt, angepasst oder erweitert werden. Die digitale Ebene bleibt somit beweglich, während die analoge Ausstellung unverändert bestehen kann.
Die Wandtexte liefern weiterhin die Basis, während die digitale Erweiterung Raum für Differenzierung schafft.
Gestaltung als Voraussetzung
Ihre Funktionalität hängt stark von der Ausstellungsgestaltung ab.
Faktoren wie Lichtverhältnisse, Schriftgröße, Kontrast und die Lesbarkeit der Texte beeinflussen direkt, wie gut die Technologie funktioniert. Damit wird sichtbar, dass digitale und analoge Gestaltung enger zusammengedacht werden müssen.
Einführung und Nutzung: Der oft unterschätzte Faktor
Damit Besucher:innen solche Angebote tatsächlich nutzen, müssen sie verständlich erklärt werden, intuitiv zugänglich sein und in den Besuchsablauf integriert werden.
Erfahrungen zeigen, dass dies häufig unterschätzt wird. Selbst gut entwickelte Features bleiben ungenutzt, wenn ihre Funktionsweise nicht klar vermittelt wird.
Individualisierung statt Vereinheitlichung
Das Projekt zeigt exemplarisch, wie digitale Erweiterungen zur Individualisierung beitragen können.
Nicht alle Besucher:innen haben die gleichen Bedürfnisse: Manche möchten nur einen Überblick, andere suchen gezielte Vertiefung, wieder andere benötigen sprachliche oder inhaltliche Anpassungen
Durch die Kombination aus Wandtext und digitaler Erweiterung entsteht ein System, das unterschiedliche Zugänge parallel ermöglicht.
Ergänzen statt ersetzen
Das Konzept Wandtext kann weiterentwickelt werden. Digitale Technologien können dieInformationsdichte entzerren, individuelle Zugänge ermöglichen und komplexe Inhalte verständlicher machen
Voraussetzung ist jedoch, dass sie nicht isoliert eingesetzt werden, sondern als integraler Bestandteil der Ausstellung gedacht sind.
Der Wandtext bleibt – aber er wird durch digitale Ebenen erst wirklich lesbar.
Credits und Zusatzinfos:
Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, gehalten im Rahmen der ARGE Digitales Museum Was gibt es Neues? Edition 2026 des Museumsbund Österreich am 17./18. März 2026.










