Publikumsstimmen zum OP-Zangenspiel auf Feedback-Karten, Foto: Annette Knors, DASA
Von Fakten bis Feeling
Wissen im Ausstellungskontext greifbar machen
Von:
Annette Knors (ehemals wissenschaftliche Mitarbeiterin Ausstellungs- und Besuchendenforschung, DASA Arbeitswelt Ausstellung), Dortmund
Treffen Ausstellung und Publikum aufeinander, entsteht bei der Rezeption ein wechselseitiger Prozess der Wissenskommunikation [1]: Die Ausstellung bietet Wissen an, Besuchende gestalten den Dialog durch ihr Handeln aktiv mit und erschließen sich einen Sinn, indem sie das Erlebte in ihr Vorwissen integrieren.[2] Das Gegenstück zum „Meaning making“ Besuchender ist das „Exhibition making“ – die didaktisch durchdachte, multimedial aufbereitete Präsentation von Wissen im Ausstellungsraum. In der DASA Arbeitswelt Ausstellung untersuchte ein Forschungsprojekt die Wissenskommunikation zwischen der Dauerausstellung Gesundheitswesen und ihrem Publikum. Die Ausstellung stellt Heil- und Pflegeberufe anhand ihrer Aufgaben und Tätigkeiten vor, beleuchtet ihre gesellschaftliche Bedeutung und informiert allgemein zu Gesundheitsthemen.
Wissen handhabbar machen – ein praxisorientierter Zugang
Ob bei der Konzeption oder Evaluation einer Ausstellung – um differenziert über Wissen sprechen zu können, muss es auf einer analytischen Ebene handhabbar gemacht werden. Denn Wissen geht weit über reine Fakten hinaus: Es ist „die Gesamtheit an Kenntnissen, welche Menschen zur Lösung von Problemen einsetzen.“[3] Entscheidend für das Verstehen von Wissenskommunikation ist nicht nur, welches Wissen eine Person aus der Beschäftigung mit einem Ausstellungsmedium „macht“ (Outcome), sondern auch welches Wissen das Medium selbst kommuniziert (Output) und so für das „Meaning making“ zur Verfügung stellt.
Wie in der zwischenmenschlichen Kommunikation ist dies nicht deckungsgleich, weil beispielsweise eine Faktenaussage weit mehr implizieren kann, als nur zu informieren:[4] An einer interaktiven Station in der Ausstellung Gesundheitswesen können Besuchende zum Beispiel den vorgesehenen Zeitaufwand verschiedener Tätigkeiten einer Pflegekraft schätzen. Die Auflösung richtet sich über den Informationswert hinaus an das „Apell-Ohr“-Besuchender und lädt ein, den Zeitdruck von Pflegekräften empathisch nachzuempfinden.
Die Knows – fünf Wissensdimensionen
In der DASA-Forschung wurden Prozesse der Wissenskommunikation anhand konkreter Interaktionen Besuchender mit Ausstellungsmedien wie interaktiven Stationen oder Videos nachvollzogen. Um Wissensinhalte analytisch zu betrachten, wurde ein Schema zur Ausdifferenzierung von Wissen entwickelt, das sowohl auf Ausstellungen als auch Erfahrungen des Publikums anwendbar ist. Ausstellungsbezogene Modelle5 beschreiben vorwiegend (Lern-)Erfahrungen als Outcome beim Publikum. Um auch Ausstellungsund Kommunikationsinhalte einzubeziehen, erwiesen sich Konzepte aus Organisationsentwicklung und Wissenskommunikation als hilfreich, da sie Wissen im Zusammenspiel von Menschen, Medien, Inhalten und Kommunikation betrachten. Ausgangspunkt wurde schließlich das aus dem Personalmanagement stammende 3K1C-Modell [6], das die Expertise von Mitarbeitenden in die vier Wissensdimensionen Know-What, Know-How, Know-Why und Care-Why unterteilt. Im DASA-Forschungsprojekt wurde das Modell auf den Ausstellungskontext übertragen, indem angepasste Dimensionen als Kategorien zur Analyse von Befragungsdaten getestet und dabei präzisiert wurden.
Know-What beschreibt im DASA-Modell kognitives Basiswissen, also explizite Daten- und Faktenkenntnisse. Dazu zählen etwa das unmittelbare Erkunden von Objekten in einer Ausstellung oder Informationen auf Labels wie Autor:innenschaft und Titelangaben ebenso wie Vorwissen der Besuchenden – beispielsweise zu historischen Ereignissen oder Personen. Know-How ist das Handlungswissen, das oft implizite Verständnis davon, wie bestimmte Tätigkeiten ausgeführt werden.
Eine Ausstellung kann derartiges Wissen etwa in Videos präsentieren oder durch Ausprobieren erlebbar machen kann. Das Systemverständnis, Know-Why, bezeichnet größere Zusammenhänge wie Ursache-Wirkungs-Beziehungen oder Prognosen. Auch wenn Besuchende persönliche Bezüge herstellen und neue Inhalte vielschichtig mit Vorwissen verknüpfen, wurde dies als Know-Why interpretiert. Care-Why umfasst die reflektierte Haltung gegenüber neu erfahrenem Wissen bis hin zur Anpassung eigener Einstellungen oder Verhaltensweisen. Beispiele sind der Vorsatz, künftig häufiger Übungen zur Feinmotorik zu machen oder medizinischem Personal mehr Verständnis entgegenzubringen. Im Forschungsverlauf wurde Feel-Why als fünfte Dimension hinzugefügt, um ein eher intuitives, schwer greifbares Verständnis für das durch die Ausstellung kommunizierte Wissen zu beschreiben, das häufig durch persönliche Bezüge starke emotionale Resonanz auslöst. Auf Ausstellungsseite erwiesen sich hierfür Raumgestaltung und Inszenierung als zentrale Elemente: Sie schaffen Atmosphäre und kommunizieren dadurch auf emotionaler Ebene. Ihr „Feeling“ beschrieben Besuchende als Motivator für eine tiefere Auseinandersetzung mit Ausstellungsinhalten, sodass Feel-Why häufig als implizite Brücke zwischen verschiedenen Wissensdimensionen mit expliziteren Erfahrungen fungierte.
Wissenskommunikation verstehen und gestalten – die Knows als Werkzeug
Aus den Befragungsdaten konnten auch Erkennt nisse zum Zusammenspiel der Knows gewonnen werden, wie sich dies beispielhaft an der Nutzung des sogenannten OP-Zangenspiels zeigen lässt. An der interaktiven Station bewegen Besuchende mit chirurgischen Zangen unter anderem Ringe auf gebogenen Drähten. Dabei erfahren sie zunächst, wie OP-Zangen aussehen (Know-What) und wie sie zu bedienen sind (Know-How). Mehrere Befragte erklärten, ihre Schwierigkeiten beim Umgang mit den Instrumenten hätten ihnen ein Gefühl für das zum Operieren nötige feinmotorische Geschick vermittelt (Feel-Why). Im Bewusstsein um die Verantwortung chirurgischer Berufe (Know-Why) habe das intuitive Verständnis wiederum zu gesteigerter Wertschätzung für diese Berufsgruppe geführt (Care-Why).
Eine solche Vernetzung der Knows kann auch medienübergreifend stattfinden, wie sich bei der häufig anschließenden Rezeption einer benachbarten Station mit dem Video einer minimalinvasiven Operation zeigte: Das zuvor entstandene „Feeling“ motivierte Besuchende dazu, das Video anzusehen, und diente als Referenzpunkt für ihr meaning-making. Umgekehrt wurde die Beobachtung der komplexeren Handgriffe im Video zum Referenzrahmen für die nachträgliche Einordnung der eigenen Handhabung der OP-Zangen.
Dass vielfältige und vernetzte Zugänge wichtig für erfolgreiche Wissenskommunikation sind, wurde nicht nur in der DASA beobachtet, sondern auch in einer Studie zu Erfahrungspräferenzen:[7] Besuchende steuerten bevorzugt Medien an, die ihren Vorlieben entgegenkamen. Besonders bereichernd waren jedoch Situationen, in denen sie ausgehend von vertrauten Erfahrungsweisen in andere Modi überglitten. Die interaktiven Stationen in der DASA leisteten ebendies, wenn von intensiven, motivierenden Feel-Why-Erfahrungen der Brückenschlag zu weiteren Knows gelang – entweder indem die Ausstellung das Ausprobieren kontextualisierte oder indem Besuchende derartige Bezüge durch ihr Vorwissen selbst herstellten.
Um für erfolgreiche Kommunikation nicht auf wissendes Publikum angewiesen zu sein, treibt eine Ausstellung im Idealfall die Wissenskommunikation wie in einem Dialog durch immer neue Aspekte vertiefend voran, indem sie die Interaktion durch Überleitungen zwischen verschiedenen Wissensdimensionen und -inhalten moderiert. Die Knows können bei der Konzeption helfen, fehlende Dimensionen herauszuarbeiten und gezielt nachzubessern. Für die Evaluation können sie wie in der DASA sowohl zur inhaltsanalytischen Betrachtung der Ausstellung genutzt werden als auch zur Interpretation von Befragungsdaten. Damit bilden die Knows ein Konzept, das die praxisrelevanten Perspektiven auf Wissenskommunikation zwischen Ausstellung und Publikum vereint und dadurch das Sprechen über Wissen erleichtert: Es macht komplexe Prozesse handhabbar, indem es sie nach Wissensdimensionen strukturiert – für Forschung und Praxis.
Credits und Zusatzinfos:
Anmerkungen
Anmerkungen
[1] Siehe hierzu: Wolfgang Kesselheim, Ausstellungskommunikation. Eine linguistische Untersuchung multimodaler Wissenskommunikation im Raum, Berlin 2021.
[2] Dies ist das Prinzip des Model of Contextual Learning: John H. Falk, Lynn D. Dierkin, The museum experience, Washington D. C. 1992.
[3] Rüdiger Reinhardt, Martin J. Eppler, „Zur Einführung: Das Konzept der Wissenskommunikation“, in: Rüdiger Reinhardt, Martin J. Eppler (Hg.): Wissenskommunikation in Organisationen, Berlin, Heidelberg 2004, S. 1–12.
[4] Vgl. Schulz von Thun Institut für Kommunikation (Hg.), Das Kommunikationsquadrat, www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat (12.01.2026).
[5] Z. B. die Generic Learning Outcomes (GLOs) und das Multifaceted Model of Visitor Experience: Research Centre for Museums and Galeries (RCMG) (Hg.), Measuring the Outcomes and Impact of Learning in Museums, Archives and Libraries. The Learning Impact Research Project. End of Project Paper, Leicester, 2003, und Jan Packer, Roy Ballantyne: „Conceptualizing the Visitor Experience: A Review of Literature and Development of a Multifaceted Model“, in: Visitor Studies, 19. Jg., Heft 2, 2016, S. 128-143.
[6] James B. Quinn, Philip Anderson, Sydney Finkelstein, „Managing Professional Intellect. Making the Most of the Best“, in: Harvard Business Review, 74. Jg., Heft 2, 1996, S. 71–80.
[7] Andrew J. Pekarik, James B. Schreiber, Nadine Hanemann, Kelly Richmond, Barbara Mogel, „IPOP. A Theory of Experience
Preference“, in: Curator. The Museum Journal, 57. Jg., Heft 1, 2014, S. 5–27.










