Zur Vertiefung folgte ein Besuch im Atelier der Künstlergruppe Gelitin / Foto: Torsten Mächtel
„Under Pressure“ g’schmeidig bleiben. Wellbeing-orientierte Kulturvermittlung mit Lehrlingen
Von:
Katharina Karner (Kunstvermittlung, Dom Museum Wien), Katrin Prankl (Projektleitung GO.FOR.CULTURE, BASiS.KULTUR.WiEN), Roman Schanner (OeAD-GmbH – Agentur für Bildung und Internationalisierung, Wien), Wien
Kann partizipative Kunst- und Kulturvermittlung zum persönlichen „Wellbeing“ von Jugendlichen beitragen? Und wenn ja, was sind wichtige Einflussfaktoren dafür? Das Kunstvermittlungsteam des Dom Museum Wien hat bei zwei Projekten mit Lehrlingen von Jugend am Werk mögliche Wege beschritten.
Ausgangspunkte bildeten die Ausstellungen In aller Freundschaft und Alles in Arbeit. Zwei Lehrlingsgruppen von Jugend am Werk [1] waren eingeladen, anhand der ausgestellten Kunstwerke unterschiedliche Facetten von Freundschaft bzw. der Arbeitswelt zu erkunden, zu diskutieren und zu reflektieren. Der Annahme folgend, dass Museen als soziale Räume wirken können, die individuelles und kollektives Wohlbefinden stärken, wurden jeweils dreiteilige Langformate mit 15–18 Stunden Durchführungsdauer konzipiert: G’schmeidig bleiben – Knete, Kunst und Teamgeist, durchgeführt im Juni 2025, und das Projekt Under Pressure – Unter Druck im April 2026. Denn Vertrauensaufbau als Basis fürs Wohlfühlen an einem vorerst unbekannten Ort braucht auch Zeit …
So setzen die Workshops mit Lehrlingen in ihrem Ablauf bewusst auf niederschwellige, interaktive und kreative Vermittlungsformate. Ziel war es, individuelle Anknüpfungspunkte zum Museum zu schaffen, die Teilnehmenden in ihrer Meinungsbildung zu stärken und Räume für selbstbestimmtes kreatives Handeln zu eröffnen. Durch die künstlerisch-kommunikative Auseinandersetzung mit den beiden Themen Freundschaft und Arbeit entstanden nicht nur neue Perspektiven auf gesellschaftliche Beziehungen, sondern auch persönliche Erfahrungsräume, in denen Teamarbeit, Austausch und gegenseitige Unterstützung im Vordergrund standen. [2]
Das erste Format startete mit einer ausgiebigen Museumserkundung. Kunstwerke vom Mittelalter bis hin zu zeitgenössischen Positionen provozierten und motivierten eine Befassung mit den vielfältigen Aspekten von „Freundschaft“. Zur Vertiefung folgte ein Besuch im Atelier der Künstlergruppe Gelitin. Dies ermöglichte Einblicke in künstlerische Arbeitsprozesse und bot – angeleitet von Wolfgang Gantner – Gelegenheit zur eigenen gestalterischen Arbeit mit Ton. Aufbauend auf diesen Erfahrungen entwickelten die Lehrlinge gemeinsam mit dem Comic-Künstler Teer (Torsten Mächtel) Stop-Motion-Filmsequenzen: Sie stellten eigene Knetmasse her, erarbeiteten Figuren und Szenen und präsentierten ihre Ergebnisse abschließend im Dom Atelier.
Das zweite Projekt Under Pressure – Unter Druck bot wiederum in der Ausstellung Alles in Arbeit eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Facetten von Arbeit. Angesichts wirtschaftlicher Krisen, globaler Ungleichheit und einer sich wandelnden Arbeitswelt ist die Verunsicherung von jungen Erwachsenen oft groß. Die Kunstausstellung bot ihnen die Möglichkeit, sich in einem geschützten Rahmen mit dem Thema „Ich und Arbeit“ näher zu befassen. Ergänzend zu einer interaktiven Ausstellungserkundung anhand eines kreativen Leitfadens erwarteten die teilnehmenden Lehrlinge Teambuilding-Übungen und gestalterische Sequenzen, bei denen die gewonnenen Eindrücke vertieft werden konnten. Hier kam wieder der Comic-Künstler Teer ins Spiel. Unter seiner Anleitung gestaltete die Lehrlingsgruppe eigene Drucke in Linolschnitt-Technik zum Thema, die abschließend präsentiert wurden.
In beiden Formaten wurde künstlerische, praktische Arbeit eingesetzt, um ein nochmaliges Reflektieren des zuvor Erlebten und Diskutierten über die haptische Umsetzung und damit aus einem anderen Blickwinkel anzuregen. Die Präsentationen der dabei entstandenen Produkte signalisierten Wertschätzung für die teilnehmenden Lehrlinge.
Die Vermittlungsprojekte zeigten exemplarisch, wie partizipative Kulturvermittlung zur Förderung von Selbstwirksamkeit, mentaler Resilienz und Teamgeist beitragen kann. „Gemeinsamkeiten [zu] finden und aktiv Zeit miteinander [zu] verbringen“ wurde etwa auch im Feedback der Lehrlinge explizit als positiver Aspekt der gemeinsamen Projektarbeit genannt.[3] Auch die kreative Praxis wirkte sich unmittelbar auf das Wohlbefinden der Teilnehmenden aus: Das Ausloten eigener gestalterischer Möglichkeiten, gemeinsames Problemlösen und die Präsentation der Ergebnisse stärkten Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Die Jugendlichen schätzten es, eine Vielfalt an künstlerischen Techniken ohne Leistungsdruck und in wertschätzender Atmosphäre auszuprobieren.[4] Teilweise zeigten sie sich von den eigenen kreativen Prozessen und Ergebnissen positiv überrascht. Gleichzeitig wurden soziale Kompetenzen, Kommunikationsfähigkeiten und kreative Strategien entwickelt, die sowohl im Arbeitsalltag als auch im persönlichen Umfeld relevant sind.
Partizipative Formate in Projekten bieten folglich einen Weg für Museen, um als unterstützende und verbindende Orte wirken zu können, die mentale, soziale und kulturelle Resilienz der Besuchenden befördern. Indem das Museum Raum für Begegnung, kreatives Experimentieren und gemeinschaftliche Erfahrung schafft, wird es zu einem Ort des Wellbeing – für junge Menschen ebenso wie für die beteiligten Vermittler:innen.
Lehrlinge während ihrer Ausbildung mit Kunst- und Kultur in Verbindung zu bringen, kann eine große Wirkung darauf haben, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die ihnen in ihrem Arbeitsalltag unter Umständen nicht begegnen. Mit künstlerischen Praktiken zu arbeiten ist auch ein Handwerk, das eines bestimmten Wissens bedarf. Es ermöglicht außerdem, kreativ über das eigene Leben oder Herausforderungen im eigenen Alltag nachzudenken. Die Vermittlung dieser Praxis und das Reflektieren darüber bewirken darüber hinaus noch eines – Selbstwirksamkeit zu erleben. Und genau diese Erfahrung des eigenen Könnens und Gehörtwerdens sehen Jugendliche als Schlüssel für ihr Wohlbefinden [5].
Projektreihen und Programme wie K3-PROJEKTE und GO.FOR.CULTURE stellen eine Verbindung zwischen Betrieb, Berufsschule und Orten der Kunst und Kultur her, die sehr vielfältig sind und sein können. Dieser Kontakt kann junge Erwachsenen unterstützen, neue Orte und Menschen kennenzulernen und die Stadt somit aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Da viele Kunst- und Kulturbetriebe für Lehrlinge nach wie vor eine große Schwelle aufweisen, soll diese durch solch punktuelle Projekte langsam, aber stetig abgebaut werden.
Credits und Zusatzinfos:
Weitere Informationen:
Beteiligte an diesen beiden Projekten
Fußnoten:
[1] Beide Lehrlingsgruppen stammten aus dem Jugend am Werk Bildungs:Raum GmbH Lehrbetrieb Moderne Berufsausbildung. Bei der ersten Gruppe handelte es sich um Technische Zeichner:innen, bei der zweiten um Goldschmied:innen.
Empfohlene Zitierweise
Katharina Karner, Katrin Prankl, Roman Schanner, „Under Pressure“ g’schmeidig bleiben. Wellbeing-orientierte Kulturvermittlung mit Lehrlingen, in: neues museum 26/3-4, www.doi.org/10.58865/13.14/2634/7.
Weitere Informationen:
Beteiligte an diesen beiden Projekten
- Lehrlinge von Jugend am Werk, Bildungs:Raum Lehrbetrieb Moderne Berufsausbildung.
- Projektumsetzung: Antonia Heigl, Katharina Karner und Doris Weidacher vom Vermittlungsteam des Dom Museum Wien, in Kooperation mit dem OeAD – Agentur für Bildung und Internationalisierung im Rahmen der K3-PROJEKTE – Kulturvermittlung mit Lehrlingen sowie mit BASiS.KULTUR.WiEN im Kulturvermittlungsprogramm für Lehrlinge – GO.FOR.CULTURE.
Informationen zu der OeAD-Projektreihe K3-PROJEKTE. Kulturvermittlung mit Lehrlingen und zum Projekt GO.FOR.CULTURE der BASiS.KULTUR.WiEN.
Die OeAD Projektreihe K3-PROJEKTE. Kulturvermittlung mit Lehrlingen ist basisfinanziert aus Mitteln des Bundesministerium für Bildung.
Die OeAD Projektreihe K3-PROJEKTE. Kulturvermittlung mit Lehrlingen ist basisfinanziert aus Mitteln des Bundesministerium für Bildung.
Fußnoten:
[1] Beide Lehrlingsgruppen stammten aus dem Jugend am Werk Bildungs:Raum GmbH Lehrbetrieb Moderne Berufsausbildung. Bei der ersten Gruppe handelte es sich um Technische Zeichner:innen, bei der zweiten um Goldschmied:innen.
[2] Zur Bedeutung kultureller Kontexte als Orte sozioemotionaler Entwicklung und Regulierung, der Selbstwirksamkeit und des Wohlbefindens, siehe auch: Charlotte Prokop, „Das Theater war für mich immer ein sicherer Ort“: Wie kreative Räume Jugendliche stärken und Resilienz fördern (2026)</i>, kubi-online.de/artikel/theater-war-mich-immer-sicherer-ort-kreative-raeume-jugendliche-staerken-resilienz-foerdern (29.07.2026)
[3] Feedback einer:s Jugendlichen zum Kulturvermittlungsprojekt G’schmeidig bleiben – Knete, Kunst und Teamgeist auf die Frage „Was hat dir besonders gut gefallen?“ im Juni 2025 im Dom Museum Wien.
[4] Vgl. etwa folgende Feedbacks der Lehrlinge zum Projekt Under Pressure – Unter Druck auf die Frage, was sie „cool fanden“: „Meiner Fantasie freien Lauf gelassen zu haben,“ „Linolschnitt und die entspannte Atmosphäre (Kafee & Snacks)“, „kreative Freiheiten,“ „So viele Techniken ausprobiert [zu] haben“.
[5] YEP – Stimme der Jugend (2025), zitiert nach Prokop (2026)
Empfohlene Zitierweise
Katharina Karner, Katrin Prankl, Roman Schanner, „Under Pressure“ g’schmeidig bleiben. Wellbeing-orientierte Kulturvermittlung mit Lehrlingen, in: neues museum 26/3-4, www.doi.org/10.58865/13.14/2634/7.










