Foto: Raffael F. Lehner
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Mit Kunst leben. Über persönliche Beziehungen zu Kunst, Wohlbefinden und die soziale Dimension der Kunstleihe

Was verändert sich, wenn ein Kunstwerk nicht nur kurz betrachtet wird, sondern über Monate Teil des Alltags ist?

Die Forschung beschäftigt sich seit rund zwei Jahrzehnten verstärkt mit Kunstbetrachtung und Wohlbefinden. Die Artothek Niederösterreich in Krems eröffnet dazu eine weitere Perspektive: Seit 2002 können Originalwerke aus den Landessammlungen Niederösterreich bis zu einem Jahr lang ausgeliehen werden. Dadurch werden sie Teil des Alltags und über längere Zeit in unterschiedlichen Alltagssituationen erlebt. Während die Begegnung mit einem Kunstwerk im Museum oft nur wenige Minuten dauert, kann ein ausgeliehenes Werk so über Monate hinweg Teil des persönlichen Lebensumfelds werden.
 
Die langjährige Praxis der Artothek Niederösterreich bietet Einblicke darin, wie Menschen Kunst auswählen, wie sich ihre Beziehung zu Kunstwerken über die Zeit verändert und welche Rolle Kunst für Stimmung, Alltag und gemeinsames Erleben spielen kann.
 

Kunstbetrachtung und Wohlbefinden – Was sagt die Wissenschaft?

Eine systematische Übersicht von Trupp et al. (2025) wertet 38 Studien mit 6.805 Teilnehmenden aus. Besonders konsistent sind die Befunde beim eudaimonischen Wohlbefinden, etwa beim Erleben von Sinn. Für andere Bereiche des Wohlbefindens sind die Ergebnisse nicht so eindeutig. Die Autor:innen beschreiben mehrere Wege, wie Kunstbetrachtung auf das Wohlbefinden wirken könnte, darunter emotionale, soziale und persönlichkeitsbezogene Prozesse.
 
Weniger untersucht ist bisher die zeitliche Dimension der Kunstbetrachtung – also wie sich die Beziehung zu einem Kunstwerk entwickelt, wenn es über Monate Teil des eigenen Wohn- oder Arbeitsumfelds ist. Genau solche Erfahrungen gehören zum Alltag einer Artothek.
 

Auswahl und persönliche Zugänge

 
In der Artothek Niederösterreich zeigen sich drei wiederkehrende Zugänge bei der Auswahl von Kunstwerken.
 
  • Die spontane Wahl: Manchmal ist es Liebe auf den ersten Blick – ein Werk spricht jemanden unmittelbar an.
  • Die gezielte Auswahl: Andere suchen nach bestimmten Farben, Formaten oder Künstler:innen.
  • Die Auswahl nach gewünschter Wirkung: Kund:innen suchen etwas Ruhiges, Strukturierendes, Erfrischendes, Lebhaftes oder bewusst Forderndes. Der Raum spielt hier eine große Rolle: Für ein Wohnzimmer wird anders ausgewählt als für ein Arbeitszimmer, eine Ordination oder einen Besprechungsraum. Die Frage lautet dann nicht nur: Welches Werk gefällt mir? sondern auch: Welche Qualität möchte ich mit einem Kunstwerk in mein Umfeld holen?
 
Trupp et al. beschreiben emotionale Regulation und resilienzbezogene Prozesse als mögliche Mechanismen der Kunstbetrachtung. Das heißt aber nicht gleich, dass ein beruhigend wirkendes Werk automatisch Stress reduziert. Interessant ist für uns, dass Leihnehmende in der Artothek solche Qualitäten selbst benennen: „Ich habe mich bisher wenig mit Kunst beschäftigt. Ich bin kein Experte. Für mich ist wichtig, dass Kunst in meiner Wohnung eine positive Stimmung schafft. Danach suche ich ein Werk aus.“
 
Eine Besonderheit ist die Präsentation der Kunstwerke im Schauraum der Artothek Niederösterreich auf der Kunstmeile Krems: Anders als im Museum gibt es keine Labels direkt bei Kunstwerken. Wer durch die Schiebewände stöbert, begegnet zunächst dem Werk selbst. Künstler:in, Titel und weitere Informationen werden erst später relevant. So steht bei der ersten Begegnung das Werk selbst im Mittelpunkt. 
 
Auch Selbstbestimmung spielt bei der Auswahl eine Rolle. Paare und Familien entscheiden gemeinsam, Schulklassen suchen Werke für den Klassenraum aus, bei einem langjährigen Firmenkunden wählen Mitarbeitende selbst für ihr Büro. Knight und Haslam (2010) zeigten in Experimenten mit Büroräumen, dass die Mitgestaltung der Umgebung mit besseren Ergebnissen bei Wohlbefinden und verschiedenen Leistungsmaßen verbunden war.
 

Zeit und Beziehung

Die Kunstwerke der Artothek Niederösterreich sind für sechs Monate leihbar, mit optionaler Verlängerung auf ein Jahr. In dieser Zeit werden sie bei unterschiedlichem Licht, in verschiedenen Alltagssituationen und auch in wechselnden persönlichen Stimmungen erlebt. Dabei können neue Details auffallen, Werke vertrauter werden und persönliche Bezüge entstehen. Diese zeitliche Dimension macht die Kunstleihe besonders. Denn anders als bei einem kurzen Museumsbesuch begleitet das Kunstwerk die Leihnehmenden über Monate durch ihren Alltag. 
 
Gerade diese langfristige Begegnung mit Kunstwerken ist bislang nur wenig erforscht und stellt eine Besonderheit der Kunstleihe dar. Ein Paar brachte zwei überfällige Werke zurück, während eine dritte Grafik noch zu Hause war. Die Leihnehmerin meinte: „Das ist ja fürchterlich, wenn ich jetzt alle meine Babys gleichzeitig hergeben muss.“ Diese Aussage zeigt, wie eng die Bindung an ein geliehenes Werk werden kann.
 
Für andere ist gerade der Wechsel wichtig. Manche Kund:innen leihen dieselben drei bis fünf Werke über Jahre rotierend, andere wählen bei jeder Leihe neu. Eine langjährige Kundin sagt: „Ich liebe die Abwechslung und die Möglichkeit, jedes halbe Jahr die Bilder zu wechseln.“
 

Soziale Dimension der Kunstbetrachtung 

In der Artothek Niederösterreich zeigt sich immer wieder, dass die Begegnung mit Kunst eine soziale Dimension hat. Das beginnt schon bei der Auswahl. Leihnehmende kommen oft mit Partner:innen, Freund:innen oder Familienmitgliedern in den Schauraum und entscheiden gemeinsam. In einem Fall diskutierte eine Gruppe darüber, ob der Gelbton eines Werks eher Zitronengelb oder Sonnengelb sei und wie er mit den Farben im Raum zusammenspiele.
 
Auch nach der Ausleihe kann Kunst zum Bezugspunkt gemeinsamer Gespräche werden. Eine Kundin erzählt, dass ihre Gäste zuerst schauen, welches Kunstwerk aktuell im Wohnzimmer hängt. Bei manchen Familien wird die Auswahl über die Jahre zu einem festen Ritual. Paare wechseln sich beispielsweise damit ab, wer beim jährlichen Besuch die Werke aussuchen darf.
 
Ähnliche Beobachtungen finden sich auch in der Forschung. Trupp et al. (2025) beschreiben soziale Prozesse wie Austausch und soziale Verbundenheit als einen möglichen Wirkmechanismus der Kunstbetrachtung. Auch Cooper und Peristeri (2026) berichten in ihrer systematischen Übersicht zur visuellen Kunst am Arbeitsplatz von sozialer Interaktion und Kunst als Gesprächseinstieg.
Ebenfalls bei Firmenkund:innen zeigt sich diese soziale Dimension: Kunst kann im Besprechungsraum zum Gesprächsanlass dienen, im Aufenthaltsraum zum Austausch anregen oder im Büro zu einem Bezugspunkt für Mitarbeitende werden.
 
Zur sozialen Nachhaltigkeit der Kunstleihe gehört auch der Zugang: Originalkunst kann in der Artothek Niederösterreich unkompliziert und kostengünstig ausgeliehen, selbst ausgewählt und über Monate im eigenen Umfeld erlebt werden. Kunst wird damit Teil des Alltags, ohne dass man sie besitzen muss. Die Beratung vor Ort erleichtert auch Menschen ohne kunsthistorisches Vorwissen den Einstieg. Aus einer ersten Leihe können wiederholte Besuche, gemeinsame Auswahlprozesse, persönliche Beziehungen zu Kunstwerken und ein vertieftes Interesse an zeitgenössischer Kunst entstehen.
 
Die Artothek Niederösterreich auf der Kunstmeile Krems ermöglicht eine Form der Kunstbegegnung, die über den kurzen Besuch hinausgeht: Originale Kunstwerke aus den Landessammlungen Niederösterreich werden für bis zu einem Jahr Teil des persönlichen Alltags. Während Museumsbesuche oft nur wenige Stunden dauern, begleitet ein ausgeliehenes Kunstwerk Menschen über Monate hinweg. Die Erfahrungen der Artothek legen nahe, dass gerade diese langfristige Begegnung neue Perspektiven auf die Rolle von Kunst im Alltag eröffnet. Darin könnte auch ein bislang wenig beachteter Beitrag zu Wohlbefinden und sozialer Nachhaltigkeit liegen.

Credits und Zusatzinfos: 
Literatur

  • MacKenzie D. Trupp, Claire Howlin, Anna Fekete, Julian Kutsche, Joerg Fingerhut, Matthew Pelowski, „The impact of viewing art on well-being – a systematic review of the evidence base and suggested mechanisms“, in: The Journal of Positive Psychology, 20(6), S. 978-1002, 2025, DOI: 10.1080/17439760.2025.2481041, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17439760.2025.2481041 (18.08.2026).
  • Craig Knight, S. Alexander Haslam, „The relative merits of lean, enriched, and empowered offices: An experimental examination of the impact of workspace management strategies on well-being and productivity“, in: Journal of Experimental Psychology: Applied, 16(2), 158–172, 2010, DOI: 10.1037/a0019292, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20565201/ (18.08.2026).
  • Mick Cooper, Maritina Peristeri, „The Psychological Impact of Visual Art in the Workplace on Employees: A Systematic Mixed Studies Review“, in: Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 2026, DOI: 10.1037/aca0000877, https://psycnet.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2Faca0000877 (18.08.2026).

Empfohlene Zitierweise
Isabell Fiedler, Mit Kunst leben. Über persönliche Beziehungen zu Kunst, Wohlbefinden und die soziale Dimension der Kunstleihe, in: neues museum 26/3-4, www.doi.org/10.58865/13.14/2634/10.
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