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Der Wert ist vorhanden, aber wir erzählen ihn noch kaum
Wellbeing und soziale Nachhaltigkeit in den österreichischen Museen
Von:
Sabine Doolin (QWB Lab), Sabine Fauland (Museumsbund Österreich), Wien/Graz
Museen sind Orte des Lernens und der Begegnung, bieten Räume für Austausch und Erholung, schaffen Zugänge zu Wissen und kultureller Teilhabe und können Zugehörigkeit, soziale Beziehungen und gesellschaftliches Engagement fördern. Museen tragen in unterschiedlichen Bereichen zur Lebensqualität und zum gesellschaftlichen Wohlergehen bei, auch „Wellbeing“ genannt.
Die vorliegende Erhebung [1] untersucht erstmals in größerem Umfang, in welchen dieser Bereiche österreichische Museen bereits tätig sind, wie sie ihren eigenen Beitrag einschätzen und wo Hindernisse bestehen: Wie zugänglich sind sie? Welche Möglichkeiten für Begegnung, Erholung und Teilhabe schaffen sie? Welche Rolle spielen sie für Wissen, Gemeinschaft, Gesundheit und kulturelle Kompetenz? Wie gehen sie mit ihren Mitarbeiter:innen um? Und nicht zuletzt: Wissen Museen selbst, welche gesellschaftliche Wirkung sie erzeugen?
Zwölf Dimensionen von Wellbeing: Museen sehen ihren gesellschaftlichen Wert – besonders als Aufenthaltsort sowie bei Wissen und Kultur
Die zwölf Dimensionen von Wellbeing oder sozialer Nachhaltigkeit sind von der „Beyond GDP“ Initiative der OECD beeinflusst. Diese betrachtet gesellschaftlichen Fortschritt nicht nur anhand des Bruttoinlandsprodukts (GDP), sondern umfassender mithilfe einer Reihe zusätzlicher Indikatoren. Inspiriert davon hat QWB Lab ein Rahmenwerk für den Kultursektor entwickelt, das es ermöglicht den gesellschaftlichen Wert von Museen über Besuchszahlen hinaus aussagekräftiger zu erfassen.
Am Ende des Fragebogens wurden die Museen gebeten, ihren eigenen Beitrag zu zwölf Wellbeing-Dimensionen auf einer Skala von 1 bis 10 einzuschätzen. Das Ergebnis zeigt ein ausgesprochen differenziertes Selbstbild, die Auflistung zeigt die durchschnittliche Bewertung für jede Dimension:
- Wissen & Kompetenzen: 8,59
- Kulturelle Kompetenz: 8,37
- Aufenthaltsort: 7,87
- Subjektives Wohlbefinden: 7,82
- Sicherheit: 7,63
- Soziale Kontakte: 7,43
- Zivilengagement: 6,94
- Umwelt & Nachhaltigkeit: 6,76
- Beschäftigung: 6,68
- Work-Life-Balance: 6,55
- Gesundheit: 6,36
- Einkommen: 5,24
Besonders deutlich ist das Selbstverständnis der Museen als Orte des Wissens und der kulturellen Kompetenz. 80,6 % der antwortenden Museen bewerten ihren Beitrag zu Wissen und Kompetenzen mit 8 bis 10 Punkten, bei kultureller Kompetenz sind es 76,3 %. Wenig überraschend gehören Bildung, Wissensvermittlung und die Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte zum traditionellen Selbstverständnis von Museen.
Interessant ist die ebenfalls hohe Einschätzung in Bereichen, die in der klassischen Museumsstatistik kaum sichtbar werden. 67,0 % der antwortenden Museen bewerten ihren Beitrag zum subjektiven Wohlbefinden mit 8 bis 10 Punkten. Auch Aufenthaltsqualität und Sicherheit werden vergleichsweise hoch eingeschätzt. Die Institutionen nehmen sich selbst bereits in hohem Maß als Orte wahr, die über ihre Sammlungs- und Bildungsfunktion hinaus zur Lebensqualität beitragen.
Gesundheit, Work-Life-Balance, Beschäftigung und insbesondere Einkommen werden hingegen zurückhaltender bewertet.
Das Wellbeing-Angebot ist implizit bereits vorhanden
Während Museen ihren Beitrag zum subjektiven Wohlbefinden durchschnittlich mit 7,82 von 10 Punkten bewerten, verfügt knapp ein Viertel (23,0 %) der antwortenden Museen über Formate, die ausdrücklich Entschleunigung oder Erholung fördern. Weitere 11,5 % haben bereits darüber nachgedacht, ein solches Angebot zu schaffen.
Ähnlich ist das Bild bei Gesundheit. Gut ein Fünftel (21,3 %) der antwortenden Museen gibt an, Programme mit einem ausdrücklichen Fokus auf mentale oder körperliche Gesundheit anzubieten. Genannt werden u. a. Angebote für Menschen mit Demenz, Meditation, Yoga, Tanz, Musik, Angebote für Senior:innen und Kooperationen mit Pflegeeinrichtungen. 20,9 % kooperieren mit Gesundheitsorganisationen; weitere 5,5 % streben eine solche Kooperation an.
In den offenen Antworten wird deutlich, dass zahlreiche Museen ihre bestehenden Tätigkeiten selbst als gesundheits- oder wellbeingfördernd wahrnehmen, auch wenn sie kein entsprechendes Programm führen. Genannt werden Musik und gemeinsames Singen, Spazierwege zwischen Museumsgebäuden, Naturerlebnisse, Gespräche, Ruhe, ästhetische Erfahrungen oder das gedankliche Eintauchen in eine Ausstellung.
Hier zeigt sich ein grundlegender Befund der Erhebung: „Wellbeing“ ist in Museen vielfach bereits vorhanden, ohne ausdrücklich als solches konzipiert oder bezeichnet zu werden. Denn nicht jedes Museum benötigt Yoga-Kurse, Meditation oder ein Gesundheitsprogramm, um einen Beitrag zum Wohlbefinden zu leisten. Entscheidend ist, bereits bestehende Wirkungen sichtbar zu machen und bewusster zu gestalten um damit den Wert der Museen, der häufig auf Besuchszahlen reduziert wird, besser darstellen zu können.
Das Museum als Aufenthaltsort und soziale Infrastruktur
Die gesellschaftliche Funktion von Museen ist insbesondere bei der Frage nach dem Museum als Aufenthaltsort sichtbar.
64,3 % der antwortenden Museen verfügen über kostenfrei zugängliche Aufenthaltsbereiche während der regulären Öffnungszeiten, in denen kein Konsumzwang besteht. Weitere 10,6 % weisen darauf hin, dass ihr Museum ohnehin kostenlos zugänglich ist. 57,0 % verfügen über ruhige Rückzugs- oder Ruhebereiche. 18,6 % geben jedoch an, dass ihnen dafür der notwendige Platz fehlt.
Die vorhandenen Bereiche werden hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit durchschnittlich mit 4,06 von 6 Punkten bewertet, ihre Ausstattung mit Sitzgelegenheiten mit 4,47 von 6 Punkten auf einer sechsstufigen Skala (1 = niedrigste, 6 = höchste Bewertung). Die offenen Antworten relativieren dieses insgesamt positive Bild allerdings. Vor allem historische und denkmalgeschützte Gebäude, fehlende Aufzüge und unterschiedliche Ebenen erschweren vielen Museen die physische Barrierefreiheit. Mehrere Häuser versuchen, diese Einschränkungen durch barrierefreie Bereiche, Plattformlifte oder digitale Ersatzangebote zumindest teilweise auszugleichen.
Diese Ergebnisse sind für die Diskussion um Museen als soziale Infrastruktur wesentlich. Aufenthaltsqualität entsteht nicht nur durch Ausstellungen. Sitzmöglichkeiten, Innenhöfe, Gärten, frei zugängliche Bereiche, Rückzugsorte, ein Café oder die Möglichkeit, mitgebrachte Speisen zu konsumieren, können darüber entscheiden, ob ein Museum tatsächlich als öffentlicher und sozialer Ort genutzt wird.
Soziale Beziehungen: eine der unterschätzten Museumsleistungen
Die Dimension „Soziale Kontakte“ erreicht in der Selbsteinschätzung einen Wert von 7,43 von 10 Punkten. 40,6 % der antwortenden Museen erklären ausdrücklich, Begegnung und Austausch zwischen Besucher:innen zu fördern. Weitere Häuser nennen dialogische Vermittlungsformate wie Erzählcafés oder räumliche Angebote wie Sitzecken. In den freien Antworten tauchen Begriffe wie „Treffpunkt Museum“, gemeinsames Singen, Museumsbars, Gärten, Brotbacken, Gespräche nach Veranstaltungen und geselliges Beisammensein auf.
Auch die zeitliche Zugänglichkeit ist vergleichsweise hoch: 69,1 % der Befragten bieten Abend- oder Wochenendformate an. Bei der Veranstaltungsplanung geben 51,6 % an, auf unterschiedliche Lebensrealitäten etwa von Familien oder Berufstätigen Rücksicht zu nehmen; weitere 29,2 % tun dies zumindest teilweise.
Soziale Nachhaltigkeit entsteht nicht ausschließlich durch bestimmte Programme. Sie kann auch darin bestehen, Räume und Anlässe zu schaffen, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsam etwas erleben oder sich überhaupt außerhalb von Wohnung und Arbeitsplatz aufhalten können.
Diese Funktion von Museen als Aufenthaltsorte und Orte der Begegnung sind in Zeiten beengterer Wohnverhältnisse, steigender Lebenskosten und zunehmend polarisierter Gesellschaft nicht zu unterschätzen – Museen haben damit eine „Super Power“, die es wert ist zu fördern.
Der „Wellbeing“-Gedanke erweitert diese Perspektive um die Dauer der Wirkung. Ein Museumsbesuch und das dort erzeugte Wohlbefinden enden nicht zwingend beim Verlassen des Gebäudes. Gespräche, Erinnerungen, neue Interessen oder soziale Kontakte können weiterwirken und das persönliche Umfeld erreichen. Wohlbefinden ist eine gesellschaftliche Ressource, deren Wirkung sich räumlich und zeitlich ausbreiten kann.
Stark vernetzt, formale Partizipation deutlich seltener
76,4 % der antwortenden Museen kooperieren mit lokalen Vereinen, weitere 5,5 % geben an, selbst der „lokale Verein“ zu sein. Die Einbettung in lokale Netzwerke ist damit ausgesprochen stark.
Ganz anders fällt das Ergebnis bei formalisierter Beteiligung aus. 26,6 % verfügen über Beiräte, Community Boards oder Programme, die gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung entwickelt werden. 55,8 % tun dies nicht. Weitere 14,6 % denken darüber nach, finden dafür jedoch keine Zeit.
Die offenen Antworten zeigen eine breite informelle Beteiligungskultur. Museen arbeiten mit lokalen Wissenschaftler:innen, Vereinen, Schulen, Kulturausschüssen und Privatpersonen zusammen, entwickeln Sonderausstellungen mit Menschen aus dem Ort oder organisieren Erzählcafés, Bürger:innenräte und regionale Kulturforen. Museen dienen somit auch als Plattformen für lokale Netzwerke und Zivilengagement.
Kooperation ist weit verbreitet, die Formalisierung von Teilhabe aber deutlich weniger
Der durchschnittlich angegebene Anteil partizipativer Formate am Vermittlungsprogramm liegt bei 37,9 %. Das zeigt, dass Partizipation bereits ein relevanter Bestandteil musealer Arbeit ist, wenngleich Definitionen von „partizipativ“ zwischen den Institutionen vermutlich erheblich variieren.
Zugänglichkeit, Vielfalt und Leistbarkeit
Soziale Nachhaltigkeit bedeutet auch, gesellschaftliche Teilhabe nicht unnötig zu begrenzen.
70,6 % der antwortenden Museen bieten Inhalte in mehreren Sprachen an. Bei der Frage nach leistbarem Zugang antworten 11,1 %, keine entsprechenden Maßnahmen anzubieten. Andere nennen eigene Ermäßigungsmodelle, freien Eintritt, Aktionstage bei freiem Eintritt oder die Teilnahme an „Hunger auf Kunst und Kultur“.
Die Offenheit des eigenen Hauses gegenüber Menschen unterschiedlicher Hintergründe wird mit durchschnittlich 4,96 von 6 Punkten vergleichsweise hoch bewertet. 70,9 % vergeben dabei einen Wert von 5 oder 6. Interessant wäre zu verstehen, wie dies von Besucher:innen und potenziellen Besucher:innen wahrgenommen wird.
Deutlich zurückhaltender fallen die Ergebnisse aus, sobald Vielfalt nicht nur als Offenheit, sondern als aktive programmatische Gestaltung verstanden wird. 41,5 % verfügen über Programme zur Förderung kultureller Vielfalt. 22,1 % geben an, marginalisierte oder unterschiedliche Perspektiven aktiv in Ausstellungen zu integrieren; weitere 20,1 % tun dies teilweise. 11,6 % möchten diesen Bereich zukünftig stärker berücksichtigen.
Die Differenz zwischen „Wir sind offen für alle“ und aktiver Inklusionsarbeit ist damit sichtbar. Offenheit bezeichnet zunächst eine Haltung; Diversität und Inklusion erfordern darüber hinaus oftmals aktive Maßnahmen, Kompetenzen, Ressourcen und eine bewusste Auseinandersetzung mit Programm, Sprache, Personal und Zugangsbarrieren.
Sicherheit: vom Gefühl zum Konzept
Museen bewerten ihren Beitrag zur Dimension Sicherheit mit durchschnittlich 7,63 von 10 Punkten. Die Detailfragen zeigen einen erheblichen Unterschied zwischen wahrgenommener und institutionalisierter Sicherheit.
22,9 % der antwortenden Museen geben an, in ihren Sicherheitskonzepten sowohl physische als auch emotionale Sicherheit zu berücksichtigen. 35,8 % verneinen dies beziehungsweise verfügen über kein Sicherheitskonzept. Weitere 9,0 % arbeiten derzeit an einem Sicherheitskonzept, 5,5 % geben an, dass ihnen dafür das notwendige Know-how fehlt. Auffällig ist, dass 26,9 % die Antwort wählen: „Unser Museum ist auch so ein sicherer Ort.“
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Schulungen zu Deeskalation, Diversität oder Safe-Space-Konzepten. 16,6 % der antwortenden Museen führen regelmäßig entsprechende Schulungen durch. 40,2 % antworten ausdrücklich mit Nein; weitere 28,1 % geben an, dass es in ihrem Haus bislang keine Vorfälle gegeben habe. 8,5 % haben eine solche Schulung bereits einmal durchgeführt, jedoch nicht regelmäßig, und 6,5 % haben sich entsprechende Schulungen vorgenommen.
Auch hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer stark empfundenen positiven Museumskultur und deren organisatorischer Absicherung. Die Daten legen nahe, dass viele Museen Sicherheit als selbstverständliche Eigenschaft des Hauses verstehen. Soziale Nachhaltigkeit würde darüber hinaus bedeuten, diese Sicherheit bewusst zu gestalten und auch auf Situationen vorbereitet zu sein, die bislang noch nicht eingetreten sind.
Nachhaltigkeit: viel Praxis, wachsende strategische Verankerung
32,8 % der antwortenden Museen verfügen über eine Nachhaltigkeitsstrategie, weitere 12,6 % arbeiten daran. 33,3 % erklären, ein kleines Team zu sein, aber bewusst auf nachhaltige Arbeitsweisen zu achten.
In den offenen Antworten werden LED-Beleuchtung, Photovoltaik, Abfallmanagement, Wiederverwendung von Materialien, Green Events, klimafreundliche Anreise, das Österreichische Umweltzeichen und Kooperationen im Naturschutz genannt.
Auch hier zeigt sich, dass nachhaltige Praxis häufig auch ohne formalisierte Strategie stattfindet.
58,7 % erklären, ihre nachhaltigen Maßnahmen gegenüber Besucher:innen nicht sichtbar zu machen oder zu erläutern. Weitere 7,6 % geben an, dass die gestalterische Umsetzung zu schwierig sei. 26,6 % beantworten die Frage ausdrücklich mit Ja; weitere 7,1 % verweisen auf ein sichtbar angebrachtes Umweltzeichen oder eine Klimabündnis-Partnerschaft.
Damit bleibt ein beträchtlicher Teil nachhaltigen Handelns kommunikativ unsichtbar. Dies betrifft nicht nur die ökologische Nachhaltigkeit. Ähnliches lässt sich auch für viele soziale Leistungen von Museen beobachten: Sie werden erbracht, aber kaum systematisch beschrieben.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die wirtschaftliche Verankerung vor Ort. 149 Befragte machten dazu eine quantitative Angabe. Im Durchschnitt schätzen sie, dass rund 68 % ihrer Aufträge an Wirtschaftsteilnehmer:innen im Umkreis von maximal 30 Kilometern vergeben werden. Das ist ein weiterer Aspekt gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit, der in traditionellen Museumskennzahlen kaum vorkommt.
Mitarbeitende und Ehrenamt: soziale Nachhaltigkeit nach innen
Soziale Nachhaltigkeit betrifft nicht nur Besucher:innen, sondern auch die Menschen, die Museen betreiben. Dabei ist wichtig zu wissen, dass rund die Hälfte der österreichischen Museen ehrenamtlich geführt wird.
26,2 % der antwortenden Museen verfügen über formelle Richtlinien zur Chancengleichheit. 35,4 % erklären jedoch, ihr Team sei so klein, dass sie dafür keinen Anlass sähen. Weitere 13,3 % weisen darauf hin, dass sie bereits froh seien, offene Positionen überhaupt besetzen zu können.
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Mitarbeiter:innenbefragungen. 34,2 % führen solche Befragungen durch, 36,7 % halten sie aufgrund der kleinen Teamgröße für nicht notwendig.
Persönliche Feedback- oder Entwicklungsgespräche sind stärker verbreitet: 43,9 % führen sie regelmäßig, weitere 28,3 % geben an, Feedback informell, aber nicht strukturiert auszutauschen.
Die offenen Antworten zeigen, dass kleine und ehrenamtliche Teams häufig von engem persönlichem Austausch, kurzen Kommunikationswegen und hoher Identifikation geprägt sind. Gleichzeitig werden Überlastung, geringe Stundenkontingente, fehlende Mittel für Weiterbildung oder die Belastung ehrenamtlicher Leitungsfunktionen thematisiert.
Das verweist auf eine wichtige Dimension sozialer Nachhaltigkeit, die in der Museumsdiskussion häufig weniger sichtbar ist: Ein Museum kann langfristig nur gesellschaftlich wirksam sein, wenn auch die Menschen, die diese Wirkung erzeugen, unter nachhaltigen Bedingungen arbeiten können.
Wirkung wird kaum systematisch gemessen
Der vielleicht strategisch wichtigste Befund der Erhebung betrifft die Datengrundlage. Nur 12,2 % der antwortenden Museen führen regelmäßig Besucher:innenbefragungen durch. Zwar bieten 71,7 % Möglichkeiten an, vor Ort oder online Feedback zu hinterlassen, doch zwischen einem offenen Feedbackangebot und einer systematischen Wirkungsmessung besteht ein wesentlicher Unterschied.
Auch die vorliegende Erhebung misst nicht die gesellschaftliche Wirkung der Museen selbst, sondern in erster Linie deren Praxis und ihr Bewusstsein für mögliche Wirkungen. Die Ergebnisse beruhen weitgehend auf Selbsteinschätzungen der teilnehmenden Institutionen. Sie können daher als erster Schritt verstanden werden: Sie machen sichtbar, welche gesellschaftlichen Wirkungen Museen sich bereits zuschreiben und in welchen Bereichen künftig eine systematischere Wirkungsmessung ansetzen könnte.
Damit treffen zwei Befunde aufeinander: Einerseits schätzen die Museen ihre gesellschaftlichen Wirkungen in vielen Bereichen sehr hoch ein. Andererseits verfügen nur wenige über systematische Instrumente, diese Wirkung aus Sicht der Besucher:innen und Mitarbeiter:innen zu verstehen.
Auch mehrere quantitative Fragen der Erhebung – beispielsweise nach Teilnehmer:innenzahlen, Vermittlungsangeboten, kostenlosen Angeboten oder Besucher:innen bestimmter Wellbeing- und Vermittlungsprogramme – wurden von vielen Häusern nicht oder in sehr unterschiedlichen Formen beantwortet. Das weist darauf hin, dass entsprechende Daten in den Institutionen bislang nicht einheitlich erhoben werden.
Hier setzt die Idee des Wellbeing-Frameworks an: Der Wert von Museen soll nicht durch neue, möglichst komplizierte Berichtspflichten sichtbar gemacht werden, sondern durch eine bewusste Verbindung bestehender Daten mit wenigen zusätzlichen wirkungsorientierten Indikatoren.
Der Wert ist vorhanden – aber wir erzählen ihn noch kaum
Besonders deutlich wird die Kommunikationslücke in der offenen Frage: „(Wie) vermitteln Sie derzeit den Wert Ihres Museums?“
38,1 % der Befragten beantworteten diese offene Frage. Der überwiegende Teil nennt Kommunikationskanäle wie Webseite, Social Media, Pressearbeit, Folder, Zeitungen, Führungen, Veranstaltungen oder persönliche Gespräche.
Nur vereinzelt wird der gesellschaftliche Wert selbst formuliert. Einige Häuser beschreiben sich als Bildungseinrichtung oder „dritten Ort“, sprechen von Wissen als Bereicherung, von der Bedeutung des Museums für die Region, vom Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft oder ausdrücklich von gesellschaftlichem Wohlbefinden.
Museen kommunizieren sehr viel – aber sie kommunizieren ihren gesellschaftlichen Wert bislang nur selten als solchen. So werden Museen weiterhin vorwiegend mittels Besuchszahlen bewertet.
Gleichzeitig besteht daran ein erhebliches Interesse. Von den Befragten, die diese Mehrfachauswahl beantworteten, würden 73,8 % Daten zum vielfältigen Wert ihres Museums in der Öffentlichkeitsarbeit verwenden, 50,6 % für interne Gespräche und 48,2 % gegenüber Fördergeber:innen.
Es besteht also nicht primär ein Mangel an Interesse, sondern ein Mangel an geeigneten Daten, Begriffen und Instrumenten.
Von einzelnen Maßnahmen zum Wellbeing-Netz
Die offenen Antworten der Erhebung zeigen, wie vielfältig die vorhandenen Ansätze bereits sind. Genannt werden Erzählcafés, kostenlose Feierabendformate ohne Konsumzwang, Lese- und Medienlounges, Programme mit Pflegeheimen, Meditation und gemeinsames Singen, Brotbacktage, Bürger:innenräte, Schulprojekte, Naturschutzführungen, Umweltprogramme und gemeinsame Veranstaltungen mit lokalen Vereinen uvm.
In der einzelnen Institution mögen diese Angebote klein erscheinen. Zusammengenommen ergeben sie jedoch ein anderes Bild von Museum.
Der Gedanke des „Wellbeing-Netz“ betrachtet die gesellschaftliche Wirkung von Museen nicht nur als Moment innerhalb des Museumsgebäudes, er berücksichtigt wie lange eine Erfahrung anhält. Museen können Wohlbefinden erzeugen Gespräche und Beziehungen auslösen und diese Wirkung verbreitet sich im sozialen Umfeld. Museen werden damit zu aktiven gesellschaftlichen Ressourcen, die Resilienz, Zugehörigkeit und Lebensqualität unterstützen können.
Diese Perspektive ist für soziale Nachhaltigkeit besonders produktiv. Nicht jedes Museum muss in jeder Wellbeing-Dimension gleich stark sein. Ein Regionalmuseum kann ein zentraler Treffpunkt einer Gemeinde sein. Ein Kunstmuseum kann besondere Möglichkeiten für Reflexion, Ruhe und emotionale Erneuerung schaffen. Ein technisches Museum kann Kompetenzen, Neugier und Selbstwirksamkeit fördern. Ein Freilichtmuseum verbindet Wissen, Bewegung, Naturerfahrung und lokale Gemeinschaft.
Entscheidend wäre, diese unterschiedlichen Wirkungen bewusst zu erkennen und im Zusammenspiel mit anderen Einrichtungen weiterzuentwickeln, sowie an Eigentümer und Förderer offensiver zu kommunizieren. Dies könnte unter Umständen die Ressourcen ermöglichen, die zur Weiterentwicklung nötig wären.
Was die Erhebung insgesamt zeigt
Aus den Ergebnissen lassen sich vier Beobachtungen ableiten.
- Österreichische Museen leisten bereits heute einen erheblichen Beitrag zu Wellbeing und sozialer Nachhaltigkeit. Besonders ausgeprägt ist das Selbstverständnis als Orte von Wissen, kultureller Kompetenz, Wohlbefinden, Aufenthaltsqualität, Sicherheit und sozialen Beziehungen.
- Viele dieser Leistungen entstehen implizit. Sie sind Bestandteil guter Museumsarbeit, werden aber weder als Wellbeing noch als soziale Nachhaltigkeit bezeichnet. Das betrifft Aufenthaltsräume und Sitzgelegenheiten ebenso wie Erzählcafés, lokale Kooperationen, Vermittlung, Mehrsprachigkeit, freie Angebote oder den persönlichen Austausch.
- Praxis ist vielerorts stärker entwickelt als ihre formale Verankerung. Museen kooperieren intensiv mit lokalen Stakeholdern, verfügen aber seltener über formalisierte Beteiligungsstrukturen. Sie handeln nachhaltig, ohne dies immer strategisch zu verankern oder sichtbar zu machen. Gleichzeitig zeigen die zusätzlichen Antworten, dass formalisierte Ansätze – etwa Nachhaltigkeitsstrategien, Schulungen oder Mitarbeiter:innenbefragungen – in mehreren Bereichen deutlicher vertreten sind, aber noch nicht flächendeckend.
- Die größte Entwicklungschance liegt in der Messung und Kommunikation von Wirkung. Nur wenige Häuser führen regelmäßige Besucher:innenbefragungen durch, gleichzeitig würde eine große Mehrheit Wirkungsdaten für die Öffentlichkeitsarbeit und knapp die Hälfte auch gegenüber Fördergebern oder intern einsetzen.
Österreichische Museen müssen gesellschaftlichen Wert nicht erst erzeugen. Ein beträchtlicher Teil dieses Wertes ist bereits vorhanden. Die Aufgabe besteht darin, ihn zu erkennen, zu messen, sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln.
Credits und Zusatzinfos:
Fußnoten
[1] Die Erhebung wurde an alle ca. 800 registrierten Museen in Österreich (www.museen-in-oesterreich.at) versendet, die Antworten wurden nach Bundesländern getrennt von Juni bis September 2026 gesammelt. Etwa 350 Museen, teils in Museumsverbänden, haben teilgenommen. Rund die Hälfte aller Museen in Österreich wird ehrenamtlich geführt; die Stichprobe nähert sich diesem Verhältnis an, mehr als 50 % der teilnehmenden Museen wird ehrenamtlich geführt. Der Fragebogen bestand aus 40 Fragen.
Empfohlene Zitierweise
Sabine Doolin, Sabine Fauland, Der Wert ist vorhanden, aber wir erzählen ihn noch kaum. Wellbeing und soziale Nachhaltigkeit in den österreichischen Museen, in: neues museum 26/3-4, www.doi.org/10.58865/13.14/2634/0.
Fußnoten
[1] Die Erhebung wurde an alle ca. 800 registrierten Museen in Österreich (www.museen-in-oesterreich.at) versendet, die Antworten wurden nach Bundesländern getrennt von Juni bis September 2026 gesammelt. Etwa 350 Museen, teils in Museumsverbänden, haben teilgenommen. Rund die Hälfte aller Museen in Österreich wird ehrenamtlich geführt; die Stichprobe nähert sich diesem Verhältnis an, mehr als 50 % der teilnehmenden Museen wird ehrenamtlich geführt. Der Fragebogen bestand aus 40 Fragen.
Empfohlene Zitierweise
Sabine Doolin, Sabine Fauland, Der Wert ist vorhanden, aber wir erzählen ihn noch kaum. Wellbeing und soziale Nachhaltigkeit in den österreichischen Museen, in: neues museum 26/3-4, www.doi.org/10.58865/13.14/2634/0.










