Foto: Betrieb Landesmuseen
Heimat zwischen Identität, Politik und Tourismusdruck
Museumstreff in Südtirol im Rahmen von kultur.raum Südtirol-Salzburg 2026
Von:
Angelika Fleckinger (Betrieb Südtiroler Landesmuseen), Sabine Fauland (Museumsbund Österreich), Museumsverband Südtirol, Bozen/Graz/Wien
Der Begriff Heimat ist hoch aufgeladen – kulturell, emotional, politisch. In Südtirol wie in Salzburg wird er nicht nur im Alltag, sondern auch in politischen Debatten zunehmend strategisch verwendet. Heimat erscheint mal als Schutzraum, mal als Projektionsfläche, mal als Marketinglabel. Doch wem gehört Heimat? Wer definiert sie – und wer wird dabei ausgeschlossen? Hinter der gefühlten Selbstverständlichkeit verbirgt sich eine Geschichte von Grenzziehungen, Machtverhältnissen und wechselnden Deutungen.
Gerade im Alpenraum treffen unterschiedliche Erfahrungswelten aufeinander: In Südtirol prägen Mehrsprachigkeit (Deutsch, Italienisch, Ladinisch), Minderheitenrechte und Grenzgeschichte das Verständnis von Zugehörigkeit. In Salzburg verdichten sich Tourismus, Festkultur und ländlich-städtische Lebensrealitäten zu einem vielschichtigen Bild. Beides zeigt: Heimat ist kein statischer Ort, sondern ein umkämpftes Narrativ, das in Medien, Politik, Architektur, Esskultur und Brauchtum immer neu verhandelt wird – oft zwischen Romantisierung und Abwehr, zwischen Öffnung und Abgrenzung.
Zwischen Überfremdungsängsten, Tourismusdruck und kultureller Vielfalt geraten Kultureinrichtungen in ein Spannungsfeld: Wie können Museen, Theater, Festivals, Archive und Bibliotheken sensibel, aber klar Position beziehen? Wie umgehen mit populistischen Heimatbildern, die Komplexität reduzieren und Zugehörigkeit an Herkunft, Sprache oder „Tradition“ knüpfen? Welche Verantwortung trägt Kulturarbeit für gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit Identität, Zugehörigkeit und Wandel – und wo liegen ihre Grenzen?
Wann? 29. Mai 2026, 9 bis 13 Uhr
Wo? Waltherhaus, Schlernstraße, 1, 39100 Bozen
Der Besuch der Veranstaltung ist kostenlos, Anmeldung unter info@museumsbund.at.
Organisation: Betrieb Südtiroler Landesmuseen, Museumsverband Südtirol & Museumsbund Österreich
Wo? Waltherhaus, Schlernstraße, 1, 39100 Bozen
Der Besuch der Veranstaltung ist kostenlos, Anmeldung unter info@museumsbund.at.
Organisation: Betrieb Südtiroler Landesmuseen, Museumsverband Südtirol & Museumsbund Österreich
Programm
09:00 Get-Together bei Kaffee & Kipferl
09:30 Begrüßung
10:00 Elisabeth Vallazza, Direktorin, Südtiroler Archäologiemuseum, Bozen
UNDER PROPAGANDA. Wie politische Systeme Museen und ihre Objekte für ihre Zwecke einsetzen
UNDER PROPAGANDA. Wie politische Systeme Museen und ihre Objekte für ihre Zwecke einsetzen
Archäologie erzählt Geschichte – doch manchmal wird sie selbst Teil der Geschichte. Zwischen 1920 und 1972 nutzten politische Systeme, um ihre eigenen Ideologien zu untermauern. Während faschistische italienische Wissenschaftler römische Relikte als Beweis für die latinischen Ursprünge der Region präsentierten, deuteten nationalsozialistische Forschende urgeschichtliche Funde als Bestätigung für eine „germanische“ Vergangenheit.
Die Wissenschaft geriet dadurch in den Sog der Politik: Archäologische Objekte wurden ideologisch überinterpretiert statt sachlich erforscht, archäologische Ausgrabungen wurden instrumentalisiert. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte der Kampf der Kulturen lange nach.
In der Sonderausstellung UNDER PROPAGANDA wird dieser spannungsreiche Abschnitt der Südtiroler Archäologiegeschichte sichtbar.
10:10 Diskussion in Kleingruppen
10:25 Reflexion
10:35 Peter Heel, Museumsleiter, Museum HinterPasseier
Heimat an der Grenze – Alltag statt Narrativ. Warum der periphere Grenzraum Heimat anders denkt
(und Museen dort anders handeln müssen)
Heimat an der Grenze – Alltag statt Narrativ. Warum der periphere Grenzraum Heimat anders denkt
(und Museen dort anders handeln müssen)
Heimat erscheint oft als eindeutiges Narrativ, wird im Grenzraum jedoch als gelebter, widersprüchlicher Alltag erfahrbar. Ausgehend von der Arbeit im MuseumHinterPasseier in Moos reflektiert der Beitrag Heimat als Prozess zwischen Grenze, Peripherie und sozialem Wandel. Im Fokus steht die Frage, wie Kultureinrichtungen sensibel, aber klar Haltung zeigen können, ohne Komplexität zu reduzieren. Der Impuls versteht Museen als Resonanzräume gesellschaftlicher Aushandlung und thematisiert zugleich Verantwortung und Grenzen kultureller Positionierung.
10:45 Diskussion in Kleingruppen
11:00 Reflexion
11:10 Pause
11:40 Monika Brunner-Gaurek, Regionalmuseumsreferentin, Land Salzburg
Ästhetisiertes Bild des Ländlichen. Museen als Projektionsfläche für einen „Landleben-Lifestyle“
Ästhetisiertes Bild des Ländlichen. Museen als Projektionsfläche für einen „Landleben-Lifestyle“
In den letzten Jahren hat sich das Genre der sogenannten Land-Magazine (etwa Landlust, Servus, Landfrau oder Landapotheke) von einem Nischenprodukt zu einem breit rezipierten Leitmedium für Vorstellungen eines entschleunigten, naturverbundenen Lebens entwickelt. Diese Publikationen produzieren ein ästhetisiertes Bild des „Ländlichen“: überschaubare Alltagswelten, handwerkliche Selbstwirksamkeit, traditionelle Rezepturen, stilisierte Einfachheit. Während sie oft als unpolitische Lifestyle-Magazine erscheinen, formen sie dennoch wirkungsvoll Sehnsuchtsräume, die sich auf das kulturelle Erleben ihrer Leser:innen und auf potenzielle Museumsbesucher:innen auswirken.
Besucher:innen kommen nicht mehr nur mit Vorstellungen von Folklorismus oder Heimatromantik, sondern mit einem durch Land-Magazine geprägten Lifestyle-Verständnis, das das Museum als Schauplatz ihrer medialen Wünsche nutzt. Damit verschiebt sich das Problemfeld: Nicht mehr die Gefahr der folkloristischen Überhöhung allein prägt die museale Vermittlungsarbeit, sondern die Tatsache, dass das Museum zunehmend als authentische Verlängerung eines konsumierten Landlebensbildes gelesen wird. Es wird zum Projektionsraum für idealisierte Alltagsformen, die im realen ländlichen Leben kaum mehr existieren.
11:50 Diskussion in Kleingruppen
12:05 Reflexion
12:15 Martin Hochleitner, Direktor, Salzburg Museum, Salzburg
Kulturerlebnis als Leitthema im Tourismus. Wo stehen Museen zwischen Tourismus, Heimat, Identität und Geschichte?
Kulturerlebnis als Leitthema im Tourismus. Wo stehen Museen zwischen Tourismus, Heimat, Identität und Geschichte?
Touristische Strategien sind zunehmend mit Erwartungen an Authentizität, Regionalität, Lebensqualität und Identitätsangebote verbunden. Diese Erwartungen treffen Museen unmittelbar: Sie werden zu Projektionsflächen, auf denen Gäste und Einheimische ihre Vorstellungen von „Heimat“, „Natur“ und „Geschichte“ verhandeln.
Museen sind genau an diesen Schnittstellen positioniert. Sie können nicht nur touristische Nachfrage bedienen, sondern vor allem als gesellschaftliche Resonanzräume wirken, in denen Fragen von Heimat, Identität, Geschichte und Zugehörigkeit kritisch verhandelt werden. Als vertrauenswürdige Orte kollektiver Selbstverständigung können Museen Authentizität nicht nur darstellen, sondern deren Konstruktion sichtbar machen, kulturelle Narrative öffnen und Besucher:innen zu reflektierten Formen des Natur- und Kulturerlebens anleiten.
12:25 Diskussion in Kleingruppen
12:35 Reflexion
12:45 Fazit
13:00 Gemeinsames Mittagessen










