Foto: KBB
Es soll ein Haus werden, das Freude macht!
Von:
Niko Wahl (freier Kurator, Wien), Eisenstadt
Margit Fröhlich leitet das derzeit wegen Renovierungsarbeiten geschlossene burgenländische Landesmuseum. Mit den Bauvorhaben verbindet sie auch eine komplette Neuaufstellung und Neuausrichtung des Hauses, das ab Herbst 2027 wieder für die Burgenländer:innen zur Verfügung stehen soll. Niko Wahl, freier Kurator, Wien, im Gespräch zu den Transformationen des Burgenländischen Landesmuseums.
Niko Wahl: Du bist Leiterin der Kunstsammlung des Landes Burgenland, des Landesmuseums und auch für das Haydnhaus, das Lisztmuseum und den Ausstellungsbereich auf Burg Schlaining zuständig – was war dein persönlicher Weg zu dieser Position?
Margit Fröhlich: Bevor ich die Leitung des Landesmuseums übernommen habe, war ich zehn Jahre lang als wissenschaftliche Leiterin tätig. Aber bereits als Studentin habe ich bei archäologischen Ausgrabungen mitgearbeitet, unter anderem beim awarischen Gräberfeld in Zillingtal. Das burgenländische Kunstgeschehen verfolge ich ebenfalls seit Langem: Als Redakteurin einer burgenländischen Wochenzeitung und später im Landesmedienservice. Dabei habe ich viele Kunstschaffende und ihre Arbeiten kennengelernt. Mein Zugang zum Museum speist sich weniger aus der akademischen Ausbildung, sondern mehr aus der Praxis zwischen Wissenschaft, Feldarbeit, Vermittlung und Öffentlichkeit. Museen sind für mich Orte, an denen Wissen nicht abgeschlossen präsentiert, sondern sich ständig weiterentwickelt, hinterfragt und neu erzählt. Ich verstehe das Museum als lernende Institution, die sich selbst stets weiterentwickelt und ganz stark als sozialen Ort begreift.
Niko Wahl: Ein Haus neu aufzustellen, ist eine große Herausforderung – hast du konkrete Vorbilder oder Best-Practice-Beispiele, an denen du dich bei dieser Arbeit orientierst?
Margit Fröhlich: Ich habe zuletzt viele Museen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Ungarn besucht, um unterschiedliche institutionelle, kuratorische und gestalterische Qualitäten für unsere Entwicklung des Museumsstandorts in Eisenstadt zu reflektieren. Spannend fand ich zum Beispiel das Museum für Kommunikation in Bern, das sich als sozialer Raum versteht, in dem Menschen zusammenkommen, miteinander in Austausch treten und gemeinschaftliche Prozesse angestoßen werden. Auch wir wollen nicht ausschließlich Inhalte vermitteln, sondern Besucher:innen aktiv einbeziehen und zur Partizipation einladen. Unsere große Aula blieb bisher bis auf einige Veranstaltungen vielfach ungenutzt und soll nun zum lebendigen Zentrum des Hauses transformiert werden. Im – viel kleineren – Schillerhaus Rudolstadt in Thüringen konnte ich nicht nur ein breit angelegtes pädagogisches Programm kennenlernen, sondern auch den dortigen, sensiblen Umgang mit der historischen Bausubstanz: Die ursprüngliche Nutzung als Wohnhaus ist dort bis heute ablesbar und pr.gt wesentlich das Ausstellungserlebnis. Auch in Eisenstadt soll das ehemalige Wohnhaus des Museumsgründers Sandor Wolf wieder stärker erlebbar werden. Beeindruckt hat mich auch das Landesmuseum Zürich. Vor allem die interdisziplinären Ansätze und szenografischen Konzepte, sowie der Umgang mit den vier Landessprachen in der Vermittlung und Objektbeschriftung. Wir wollen in unserer Arbeit künftig den Sprachen Romanes, Kroatisch und Ungarisch mehr Raum geben – sie sind ein wesentlicher Bestandteil unseres kulturellen Erbes und der gesellschaftlichen Gegenwart. Impulse für unsere Arbeit finde ich aber auch an anderen, alltäglichen Orten: Das kann etwa die Gestaltung einer Hotellobby sein, die Anregungen für eine erhöhte Aufenthaltsqualit.t im neu konzipierten Museum liefert, oder ein ansprechend gestalteter Flyer in einem Café.
Niko Wahl: Derzeit befindet sich das Museum in Eisenstadt in einer Transformation. Der bauliche Bestand umfasst barocke und brutalistische Bauteile. Was sind die Herausforderungen im Umgang mit einem derartigen „Komposit“? Und welche neuen Nutzungsmöglichkeiten möchtest du dem Publikum nach Renovierung und Umbau bieten?
Margit Fröhlich: Gemeinsam erzählen der .ätere Bauteil – das Wohnhaus von Sandor Wolf – und der brutalistische Erweiterungsbau aus den 1970er-Jahren von unterschiedlichen Phasen der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung des Burgenlands. Alt und Neu sollen nicht nivelliert werden, sondern gut miteinander verbunden, sichtbar bleiben. Der Dialog zwischen den Baukörpern – Transformationen und Brüche – soll nicht überdeckt oder versteckt werden. Zu meinen liebsten Orten im Haus zählen die Übergangszonen, in denen diese Zeitschichten unmittelbar erfahrbar werden: die fast schon ikonische Doppeltreppe aus den 1970ern, die bisher unzugängliche ehemalige Bibliothek von Sandor Wolf, oder der besonders im Sommer wunderbar kühle Innenhof. Auch einzelne Bereiche, die primär funktional gedacht waren, sollen künftig für Besucher:innen nutzbar werden. Ziel ist es, erweiterte Möglichkeiten für Aufenthalt, Austausch und Partizipation sowie flexible Zonen für Vermittlung und Veranstaltungen zu schaffen. Wir entwickeln uns von einer primär rezeptiven Nutzung hin zu einem offenen, sozialen und dialogischen Museum. Zuletzt wollen wir ein Haus, das nicht nur Geschichte erzählt, sondern selbst als Erfahrungsraum für Gegenwart und Zukunft des Burgenlands funktioniert. Es soll ein Haus werden, das Freude macht!
Niko Wahl: Vom Haus zu seinen Inhalten: Hast du Lieblingsobjekte, Lieblingsgeschichten, die im neuen Haus unbedingt erzählt werden müssen?
Margit Fröhlich: Da gibt es natürlich sehr viele – Objekte wie Geschichten. Spontan fällt mir der Festtagskranz aus der kroatischen Gemeinde Stinatz ein. Die kroatische Festtagskleidung hat einige besondere Merkmale: Gebrochene und grelle Farben, wie grellrosa und schwefelgelb, weit geschnittene Ärmel oder abstehende Kittel durch viele Unterkittel. Hinzu kommen Stickereien, Bänder, bunte Fransen und Knoten. Als Burgenlandkroatin habe ich dazu eine große emotionale Verbindung und viele Kindheitserinnerungen. Kroatische Hochzeiten mit den Liedern, Ansprachen und Tanz – da war das ganze Dorf auf den Beinen und alle feierten mit. Da gibt es viele gute Geschichten zu erzählen und auszutauschen.
Auch die arch.ologischen Objekte lassen mein Herz höherschlagen: Zum Beispiel Mosaikfußböden und Wandmalereien aus der sogenannten Kaiservilla von Bruckneudorf aus dem 4. Jh. n. Chr. Die Villa war vielleicht Residenz der kaiserlichen Familie, von Kaiserin Justina mit ihrem vierjährigen Sohn. Nach dem Tod von Valentinian I. bei Verhandlungen mit den Quaden in Brigetio, soll der Sohn aus Bruckneudorf als Valentinian II. in die Herrschaft eingetreten sein. Eindeutig beweisbar ist dies nicht, aber für uns eine spannende Hypothese und eine gute Geschichte.
Wir haben auch noch ältere Objekte, wie zum Beispiel die 5000 vor Christus entstandene „Venus von Draßburg“ und wir haben natürlich auch umfangreiche Bestände aus der jüngeren Vergangenheit des Landes und der Menschen, die hier lebten oder auch nur durchkamen. An diese Geschichten können Besucher:innen auch unmittelbar persönlich anknüpfen und vielleicht auch selbst dazu beitragen.
Niko Wahl: Du sprichst hier die künftigen Möglichkeiten der Partizipation im Museum an. Wie soll das Haus in Zukunft wirken – sowohl in Eisenstadt als auch im weiteren Umfeld und im ganzen Land?
Margit Fröhlich: In Zukunft soll das Landesmuseum nicht nur Ausstellungsort sein, sondern auch als sozialer und kultureller Treffpunkt funktionieren – für die Eisenstädter:innen ebenso wie für Burgenländer:innen und alle Interessierten. Hier soll man sich gerne in der Freizeit aufhalten, ein Buch aus der Bibliothek zur Hand nehmen, bei einem Kaffee ins Gespr.ch kommen, an Workshops oder Veranstaltungen teilnehmen und auch eigene Inhalte teilen. Das neue Haus soll einen offenen, niederschwelligen Austausch ermöglichen, Wissen teilen und Gemeinschaft fördern. Durch vielfältige Nutzungsangebote, partizipative Formate und eine hohe Aufenthaltsqualität kann das Museum zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltags werden – nicht nur als Ort des Erinnerns, sondern als lebendiger Raum für Gegenwart und Zukunft. Es soll Identität sichtbar machen und Vielfalt abbilden.
Niko Wahl: Eure Pläne klingen sehr spannend, hören sich aber auch nach vielen, großen Herausforderungen für dich selbst und für das Team des Hauses an. Wie geht es euch mit dieser Aufgabe?
Margit Fröhlich: Die strukturellen Veränderungen der vergangenen Monate waren auch für mich persönlich eine große Herausforderung. Es gilt, zwischen Kontinuität und notwendiger Erneuerung zu vermitteln, Entscheidungen transparent zu kommunizieren und Vertrauen aufzubauen. Es gilt, unterschiedliche Erwartungen und Arbeitskulturen zusammenzuführen und dabei Orientierung und Stabilität zu bieten. Auch für das Team stehen grundlegende Veränderungen an. Viele Mitarbeiter:innen sind seit vielen Jahren, manchmal auch seit Jahrzehnten, im Museum tätig und haben ihre Arbeitsweise innerhalb klar definierter Strukturen der Landesverwaltung entwickelt. Mit dem Wechsel in die GmbH mussten zahlreiche Abläufe überprüft, neu gedacht und teilweise grundlegend verändert werden – von administrativen Prozessen über Entscheidungswege bis hin zu Verantwortlichkeiten.
Diese Umstellungen erfordern von uns allen Flexibilität und die Bereitschaft, Gewohntes loszulassen und neue Rollen anzunehmen. Gleichzeitig wollen wir das vorhandene Wissen, die Erfahrung und die Identifikation der Mitarbeiter:innen mit dem Haus erhalten und in den Transformationsprozess aktiv einbinden. Die gemeinsame Herausforderung besteht darin, aus dieser Phase des Umbruchs eine neue, zukunftsorientierte Arbeitskultur zu entwickeln, die auf Vertrauen, Offenheit
und Zusammenarbeit basiert. Es soll ein Haus werden, das den Mitarbeiter:innen ebenso wie den Besucher:innen Freude macht!










