Barbara Holub „WANN WENN NICHT JETZT: „Plaisir Plissée Fahne“ im Museum Vogtturm, Foto: Museum Vogtturm, Barbara Holub
Erinnern an den Salzburger Bauernkrieg 1525/1526: ein Projekt – viele Perspektiven
Von:
Monika Brunner-Gaurek (Regionalmuseumsreferentin, Land Salzburg), Cornelia Mathe (Kuratorin, Salzburg Museum), Andreas Zechner (Kurator, Salzburg Museum), Doris Fuschlberger (Leiterin Projekt Land Salzburg), Michael Span (Leitung Wissenschaft, Salzburger Freilichtmuseum), Salzburg
Vor 500 Jahren erfasste der Bauernkrieg weite Teile Mitteleuropas. Hunderttausende Menschen – Bauern, aber auch Bürger, Handwerker und Bergleute – erhoben sich gegen Adel und Klerus und kämpften für ihre Rechte, für religiöse Freiheiten und für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands und der natürlichen Ressourcen. Im Mai 1525 erfasste der Aufstand auch das geistliche Fürstentum Salzburg und brachte es an den Rand des Untergangs. Die vielstimmige Erinnerung an dieses prägende Kapitel der Salzburger Landesgeschichte steht im Fokus des Projektes Bauernkrieg 1525/1526 in Salzburg.
Unter Federführung des Landes Salzburg wurden die historischen Ereignisse mit Partnern aus Wissenschaft, Archiven, Museen und weiteren (Kultur-)Institutionen sowie Künstler:innen inhaltlich aufgearbeitet und unter einem gemeinsam entwickelten Logo in einem Gesamtprogramm mit Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen gebündelt. Ressourcenschonende Umsetzungen mit nachhaltig produzierten Formaten, eine multiperspektivische Dokumentation und Vermittlung, ein überregionaler Blick bis in die Gegenwart sowie eine abschließende Ergebnissicherung zählen zu den zentralen Zielen.
Die Vielfalt der Beteiligten, Konfliktlinien, Perspektiven und Deutungen wird durch partizipative Vorhaben und das abgestimmte Gesamtprogramm erfahrbar. Gemeinsam realisieren die Projektpartner:innen Ausstellungen sowie analoge und digitale Formate, wie Workshops, die den Diskurs über Freiheit und politische Mitbestimmung ins Heute führen.
Inhaltlich steht Vielstimmigkeit im Zentrum: Statt einer linearen Erzählung setzt das Projekt auf multiperspektivisches Dokumentieren und Erzählen, auf kooperative, partizipative und interaktive Co-Kuration – mit Blick auf das historische Ereignis, seine Rezeption und seine Instrumentalisierungen bis in die Gegenwart. Die Aufstandsbewegungen werden so als Resonanzraum erfahrbar, in dem die historischen Akteur:innen zu Wort kommen. Lücken in der historischen Überlieferung können zum Teil durch neue Forschungen geschlossen, Deutungen transparent gemacht und spätere Instrumentalisierungen reflektiert werden.
Die digitalen Angebote umfassen Aufzeichnungen von Fachvorträgen an der Universität Salzburg, Filme zur Ereignisgeschichte und zu einem Live-Theater in der Burg Hohenwerfen, ein KI-animiertes Video zu einer von den Aufständischen hergestellten Holzkanone sowie KI-Avatare in Regionalmuseen. Historisches Grundlagenwissen wird durch eine transportable Wanderausstellung vermittelt, die in Schulen und öffentlichen Gebäuden im ganzen Land gezeigt wird.
Baustelle Bauernkrieg
Unter dem Titel Heroisch und verklärt. Der Bauernkrieg im Spiegel von Kunst und Diktatur zeigte das Salzburg Museum von November 2025 bis April 2026 im Rahmen seiner Reihe Gastspiel im Nordoratorium des Salzburger Doms (DomQuartier Salzburg) eine Ausstellung zur Rezeption des Bauernkriegs in Kunst und Kultur.
Kaum ein anderes Ereignis der europäischen Geschichte wurde über die Jahrhunderte hinweg so unterschiedlich interpretiert und politisch instrumentalisiert. Während der Bauernkrieg in der Frühen Neuzeit als unrechtmäßige Rebellion gegen die gottgegebene Ordnung galt, setzte im 19. Jahrhundert ein Perspektivenwechsel ein: Der Aufstand wurde zunehmend als Kampf um Freiheit und politische Mitbestimmung verstanden. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts vereinnahmten ihn für ihre Ideologien. Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Kommunismus stilisierten den Bauernkrieg zum Vorläufer der eigenen Bewegung und mißbrauchten ihn als Mittel der politischen Propaganda.
Ausgehend vom Salzburger Bauernkrieg 1525/1526 spannte die Ausstellung des Salzburg Museums den Bogen bis in die Gegenwart. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Umbrüche zeigte sie, wie Künstler:innen verschiedener Epochen das Thema immer wieder neu interpretierten. Das Ausstellungsdesign brach bewusst mit musealen Konventionen: Kunstwerke, Texte und Bildschirme wurden in ein Baugerüst integriert. Die nüchterne Metallkonstruktion bildete einen spannungsreichen Kontrast zu den barock stuckierten Räumen des Nordoratoriums und ließ vielfältige Deutungen zu – darunter jene einer metaphorischen „Baustelle“, die auf die bis heute andauernde gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit dem Bauernkrieg verweist.
AUFSTAND MACHEN!
Dass diese Auseinandersetzung nicht abgeschlossen ist, zeigt sich beispielsweise im Salzburger Freilichtmuseum, das sich noch bis zum Saisonende am 11. November 2026 unter dem Titel AUFSTAND MACHEN! dem Bauernkrieg und seinen Gegenwartsbezügen widmet. Im Zentrum steht hier eine Sonderausstellung mit dem Fokus auf Kommunikation und Psychologie von Protest, Widerstand und Aufstand. Leitmotiv der Ausstellung ist die Vermittlung klarer Botschaften – ein wesentlicher Aspekt der Organisation von Protest und Widerstand. In vier Gebäuden der Dauerausstellung wurden zwölf von der Künstlerin Stefanie Hilgarth illustrierte, großflächige Ausstellungsstationen montiert. Ihre von historischen Bildwelten inspirierten Darstellungen werden ergänzt von prägnanten Kontextualisierungen sowie eindringlichen Aufforderungen an die Betrachtenden, über Fragen wie etwa „Wofür würden Sie alles aufs Spiel setzen?“, „Welche konkreten Forderungen haben Sie?“ oder „Warum, glauben Sie, haben Sie recht?“ nachzudenken und zu diskutieren.
Eine zentrale Rolle im Ausstellungskonzept spielen die im Kern aus dem 16. und 17. Jahrhundert datierenden Gebäude: Sie dienen als Präsentationsräume und fungieren zugleich als begehbare Ausstellungsstücke, die Einblicke in historische (und deshalb fremde) Lebenswelten vermitteln. Im Außenbereich machen bunte Fahnen als zweite Komponente der Ausstellung die historischen Forderungen der Aufständischen sichtbar. Sie wurden in einer überregionalen Kooperation vom Südtiroler Museum für Volkskunde/ Museo degli usi e costumi übernommen. Begleitend zur Ausstellung wurde in weiteren Vermittlungsformaten das Thema Konflikt aus verschiedenen Perspektiven in den Fokus gerückt: „GEH:spräche“ blickten auf das mitunter komplizierte Verhältnis zwischen Stadt und Land, das Workshop-Format „Konfliktlabor“ auf das persönliche Konfliktverhalten der Teilnehmer:innen.
Bauernkrieg in Regionalmuseen – acht Ausstellungen und zeitgenössische Interventionen
Acht Regionalmuseen im Land Salzburg beleuchten den Bauernkrieg 1525/1526 mit Ausstellungen aus verschiedenen Blickwinkeln: Das Montanmuseum Altböckstein zeigt soziale Strukturen des Gasteiner Bergbaus und den „Aufstand am Silberpfennig“, den Auftakt zum Salzburger Bauernkrieg, und schlägt mit der Veranstaltung „Österreich der runden & eckigen Tische“ die Brücke in die Gegenwart. Im Bergbau- und Gotikmuseum Leogang erzählen Kunstwerke von Macht, Prunk und Krisen. Das Museum Schloss Ritzen setzt sich mit der Rolle der Reformation auseinander, der Vermittler Bischof Berthold Pürstinger als interaktiver Avatar steht im Mittelpunkt. Das Museum sammelt Memes von Jugendlichen zum Thema. Das Kaprun Museum deutet „Sturm und Vergeltung“ als sozialen und wirtschaftlichen Umbruch und fragt, was ein Aufstand mit einem Dorf machte. KI-Avatarin <i>M@ria</i> macht Zeitzeugnisse greifbar. Das Museum Vogtturm Zell am See reflektiert das Thema „Helden und Heroisierung“ – bis zu heutigen Vorbildern – mit einem digitalen Nachtwächter. Alle drei Avatare sind multilingual und bei internationalen Gästen als Vermittlungsform sehr beliebt. Das Lungauer Heimatmuseum verknüpft Ereignis-, Beteiligungs- und Rezeptionsgeschichte mit aktuellen Bauernprotesten. Die Museen Altenmarkt, aber auch der Kapuzinerturm Radstadt spannen den Bogen von der Belagerung der Stadt Radstadt und dem anschließenden Blutgericht über den Buchdruck bis zur heutigen Landwirtschaft.
Durch die Reihe SIMULTAN1 tritt regionale Museumskultur in Dialog mit Gegenwartskunst. Gebhard Sengmüllers medienarchäologisches Projekt Bauernkriegsmaschine im Schloss Ritzen untersucht historische Kommunikation. Sonja Böhms Skulptur Die Bäuerin in Radstadt spiegelt die Rolle der Frauen und fragt: Wer waren die in den Quellen meist unsichtbaren Frauen der Frühen Neuzeit? Johanna Binder zeigt im Schloss Mauterndorf Kontinuitäten von Konflikt und bäuerlichem Widerstand: Am Beispiel der Comunidad de Paz in Urabá (Kolumbien) wird die Verflechtung von Konzernen, Staat und ökonomischen Interessen sichtbar. Barbara Holubs Projekt WANN WENN NICHT JETZT im Vogtturm Zell am See fordert Engagement, Zivilcourage und Verteidigung der Demokratie – symbolisiert durch eine in mehreren Workshops entstandene Fahne.
Weitere Positionen zeitgenössischer Künstler:innen werden in der Ausstellung Für die Freiheit? Wovon wir leben ab Anfang Dezember 2026 im Kunstraum Traklhaus vorgestellt. Nähere Infos zum Projekt finden sich unter www.salzburg.gv.at/bauernkrieg.










