Foto: Johannes Stoll
Erfolg verpflichtet – das Belvedere zwischen internationaler Nachfrage und lokaler Verantwortung
Was in den Jahren der Corona-Pandemie niemand für möglich gehalten hätte, ist eingetreten: Der Tourismus ist stärker denn je, vor allem Kurzreisen und Städtetrips boomen. Wien ist bei Reisenden äußerst beliebt. Es mögen sich die Quoten aus den Herkunftsländern verschoben haben – Gäste aus Asien sind (noch?) weniger als vor 2020, dafür kommen mehr aus Europa – doch Ankünfte auf dem Flughafen Wien-Schwechat und Nächtigungszahlen sind auf Rekordniveau. Für das Belvedere bedeutet diese Entwicklung viel: Sie hat dazu beigetragen, dass 2025 erstmals mehr als zwei Millionen Menschen die drei Häuser der Österreichischen Galerie besucht haben – eine Steigerung von eindrucksvollen 60,5 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts.
Seit Jahren ist das Verhältnis von inländischen zu ausländischen Gästen stabil: 20 zu 80 Prozent über alle Standorte hinweg. Der Großteil kommt ins Obere Belvedere (90 Prozent internationale Besucher:innen), und davon wiederum der Großteil, um das weltweit berühmteste Kunstwerk Österreichs zu sehen: Der Kuss von Gustav Klimt, 1908 für die Moderne Galerie auf der „Kunstschau“ in Wien erworben. Was für ein Coup!, möchte man heute ausrufen. Doch es sind nicht nur Der Kuss und die weltweit größte Sammlung an Gemälden von Klimt, sondern auch der prachtvolle Bestand an Werken aus Wien um 1900, dem Mittelalter, dem Barock, dem Biedermeier und dem 20. Jahrhundert. Die beiden Schlossgebäude, 1723 vollendet, und der barocke Garten sind UNESCO-Welterbe und gelten als Must-see für Wien-Reisende – das Gesamtensemble, innen wie außen, erweist sich als Magnet.
Es wäre unaufrichtig, die Freude darüber zu leugnen. Der enorme Zustrom bedeutet erstens, auf dem kompetitiven Feld in unserer Branche zu reüssieren („Das Obere Belvedere ist das mit Abstand bestbesuchte Kunstmuseum Österreichs!“) und zweitens ermöglicht er eine solide finanzielle Basis – mit einem selbst erwirtschafteten Eigendeckungsgrad von rund 73 Prozent. Es ist eine Freude, an jedem beliebigen Tag die ungeheure Vielfalt der Menschen in den Museumsr.umen wahrzunehmen: Junge und Alte, Familien und Teenager-Pärchen, Worte in vielerlei Sprachen. Diversity rules!
Womit wir zu den Chancen und Herausforderungen kommen. Seit 2017 haben wir gemeinsam mit dem kuratorischen Team die Sammlung neu aufgestellt. Wir haben bis dahin nicht vorhandene Textebenen eingeführt und eine Timeline zur Geschichte des Belvedere ergänzt, neue Vermittlungsformate entwickelt und die Sprachen der Audioguides auf zwölf erweitert. Entsprechend unseres Leitmotivs – „Es kommt nicht so sehr darauf an, wie viele Menschen ins Belvedere kommen, sondern mit welcher Erfahrung sie es wieder verlassen“ – vermitteln wir Kunst und Kunstgeschichte als Erzählung, die jeder und jedem, unabhängig von Vorwissen und kulturellem Hintergrund, etwas „Merk-Würdiges“ mitgibt. Auf der Textebene der Ausstellung treten kunsthistorisches Fachwissen und Stilfragen zugunsten konkreter Geschichten zu den Kunstwerken und zur politisch-gesellschaftlichen Epoche in den Hintergrund. Erzählt werden in erster Linie Stories von Künstler:innen als Zeug:innen ihrer Zeit, biografische Details, aber auch Hinweise auf die soziale Einbindung der Kunst. So werden die liebenswerten Familienporträts des Biedermeiers beispielsweise mit Statistiken über die Zahl unehelicher Geburten und armutsgefährdeter Hausangestellter im frühen 19. Jahrhundert kontextualisiert.
In Österreich gibt es ein hartnäckiges Vorurteil gegenüber Museen, die eine besonders hohe Anziehungskraft auf ein internationales Publikum ausüben. Demnach sind diese Häuser „nur“ – horribile dictu – Touristenmagneten und ignorieren ein (potenzielles) lokales Publikum. Als die „Big Three“ der Bundesmuseen – Albertina, Belvedere und KHM – in der Corona-Pandemie durch angeordnete Schließungen und das Erliegen des internationalen Tourismus in existenzielle finanzielle Not gerieten, wussten Fachleute in den Medien unverzüglich auf das angeblich selbst verschuldete Elend hinzuweisen. „Jetzt rächt sich die Vernachlässigung der lokalen Bevölkerung auf katastrophale Weise“, schrieb etwa im Februar 2021 der Kulturchef der Zeitung Der Standard.
Ein Blick ins Programm des Belvedere widerlegt diese Behauptung. Das dichte Vermittlungsangebot richtet sich explizit an die Interessen und Bedürfnisse von hier lebenden Menschen: Führungen für unterschiedliche Interessensgruppen, inklusive Programme, die echte Teilhabe ermöglichen, sowie Workshops für Kinder und Familien. Zehnmal im Jahr laden die Free Friday Nights unter thematischen Schwerpunkten zu Kurzführungen und künstlerischen Performances ins Obere Belvedere.
Ein besonders dichtes Programm bietet das Belvedere 21: 2018 wurde hier eine kuratorische Position für Community Outreach geschaffen. Seither hat sich das frühere „Begleitprogramm“ der Ausstellungen zu einem eigenst.ndigen Tätigkeitsfeld entwickelt. In Synergie mit dem Public Program werden dort diskursive, partizipative, performative, lehrreiche und lustige, konzentrierte und mäandernde, kunst- und öffentlichkeitsorientierte Veranstaltungen im Haus und in der Nachbarschaft angeboten – alle bei freiem Eintritt! Dazu zählen auch die Vorführungen im Blickle Kino.
Diese Angebote sind ein Beispiel für die nachhaltige Reinvestition der Erlöse, die durch die hohen Besuchszahlen im Oberen und Unteren Belvedere erwirtschaftet werden. Zu diesen Reinvestitionen zählen ebenso die kontinuierlichen baulichen Erhaltungsma.nahmen.
Ob barocke Schlossanlagen oder der spätmodernistische Glaspavillon des Belvedere 21 –, keines dieser Häuser wurde ursprünglich als Museum errichtet, weshalb der laufende Sanierungsbedarf entsprechend hoch ist. Die Maßnahmen reichen von der Fenstersanierung über den Brandschutz bis zur Erneuerung von Sanitäranlagen. Zwar stehen dafür Sondermittel
aus dem Bundesbudget (sogenannte „Paragraph-5-Mittel“) zur Verfügung, doch das Belvedere finanziert viele dieser Ma.nahmen selbst – zuletzt etwa die umfassende Renovierung des Goldkabinetts im Unteren Belvedere.
Seit 2019 wird der Besuch des Belvedere mit einem Time-Slot-System geregelt. Dieses dient in erster Linie dem Komfort der Besucher:innen, indem die maximale Anzahl an Personen in den Gebäuden kontrolliert wird. Der oft gehörte Einwand, ein solches System verhindere den spontanen Museumsbesuch, ist unbegründet. Abgesehen davon, dass spontane Museumsbesuche in einer zunehmend durchgetakteten Lebensrealität generell seltener werden, sind – mit Ausnahme von Spitzenzeiten zu Ostern oder um Weihnachten – fast immer zeitnahe Slots verfügbar.
Dennoch: Ja, es wird manchmal sehr voll, es ist manchmal sehr laut, man steht bei den Garderoben und bei den Toiletten an, und wer nicht daran gedacht hat, Eintrittskarten online zu kaufen, steht bei Regen, Schnee und gleißender Sonne im Freien in der Warteschlange. Genau deshalb ist das geplante Visitor Center nicht nur ein Desiderat, sondern eine strukturelle Voraussetzung für das weitere Gedeihen, die Beliebtheit und den anhaltenden Erfolg des Belvedere.
Die vom Grazer Architekturbüro epps entworfene unterirdische Erweiterung des Oberen Belvedere wird mit seiner völlig neuen Dimension, als Ankunftszentrum mit umfassenden Serviceangeboten den Gästen jene Besuchsqualit.t bieten, die sie längst verdient haben. Dass der für 2027 geplante Baubeginn vom Eigentümer bislang nicht bestätigt wurde, gefährdet die Prosperität einer der bedeutendsten Kultureinrichtungen des Landes und eines zentralen österreichischen Wahrzeichens.










