Beispiel für ein städtisches Wellbeing-Netz: Ein schematisches Diagramm, das ein Wellbeing-Netz veranschaulicht und zeigt, wie sich das durch Kulturbesuche erzeugte Wohlbefinden ausbreiten kann / Foto: QWB Lab, Illustration mit KI generiert
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Ein Wellbeing-Netz: Museen, Wellbeing-Lebensdauer und gesellschaftliche Wirkung
Bewerte ein Museum nicht danach, wie viele es betreten, sondern danach, wie viel Wellbeing es verlässt

Museen werden zunehmend als Teil der sozialen Infrastruktur von Städten anerkannt – als Orte, die Lernen, Vernetzung, Reflexion und Wohlbefinden fördern [1]. Eine wichtige Frage wurde jedoch bislang wenig betrachtet: Wie lange hält das durch einen Museumsbesuch hervorgerufene Wohlbefinden an? Diese Frage ist relevant, da die Dauer der Wirkung beeinflussen kann, wie Museen ihren gesellschaftlichen Wert demonstrieren, die Resilienz der Gemeinschaft stärken und Partnerschaften aufbauen. Untersuchungen von QWB Lab zeigen, dass bei rund 90 Prozent der Besucher:innen das Wohlbefinden über den eigentlichen Besuch hinaus anhält. Bei einem Großteil hält es bis zum Ende des Tages an, bei zehn Prozent jedoch bis zu einem Monat, und bei einigen sogar noch länger. Das heißt, Wirkung wird mitgenommen. Dies wirft eine strategische Frage auf: Wie lässt sich die Lebensdauer des Wohlbefindens verstehen und nutzen, um gesellschaftlichen Mehrwert in Gemeinden zu bewirken und zu demonstrieren?

Wellbeing als gesellschaftlicher Wert

Für QWB Lab stellt die Dauer der Wellbeing-Wirkung eine zentrale Chance für Museen dar. Betrachtet man nur das Wohlbefinden während des Besuchs, ist sein Wert begrenzt. Wenn wir jedoch verstehen, wie es anhält, sich ausbreitet und akkumuliert, wird es zu einer Ressource, die Museen für die Gesellschaft schaffen und nutzen können.
 
Wohlbefinden kann als eine Form des gesellschaftlichen Reichtums verstanden werden: als Wertreserve, die die Resilienz stärkt, den sozialen Zusammenhalt fördert und die Rendite von Investitionen in kulturelle und soziale Infrastruktur erhöht. Der Zusammenhang zwischen Reichtum und Wohlbefinden ist nicht nur metaphorischer Natur. Das englische Wort „wealth“ für Reichtum hat seinen Ursprung im altenglischen Begriff „weal“, der Wohlstand oder Wohlergehen bedeutet. Er verweist auf ein umfassenderes Verständnis als allein die wirtschaftliche Leistung. 
 
Die Aufgabe besteht also darin, eine Form des „Gemeinwohls“ wiederherzustellen: ein gemeinsames bürgerliches Wohlergehen, bei dem öffentliches Vermögen wie Museen und andere Kultureinrichtungen von denjenigen, die Ressourcen und Mittel verteilen, als Beitrag zu gesünderen Gemeinschaften, stärkeren Städten und menschlicher Entfaltung verstanden wird. Während einzelne Institutionen das Wohlergehen auf der Ebene eines Besuchenden, eines Stadtviertels oder einer Stadt messen mögen, könnten die kombinierten Auswirkungen für Regionen und Nationen aggregiert werden. Mithilfe eines gemeinsamen Rahmenwerks könnten Museen ihren Wert über traditionelle Wirtschaftsindikatoren wie Arbeitsplätze, Einkommen und Tourismus hinaus aufzeigen und Dimensionen wie soziale Verbundenheit, Umweltqualität, bürgerschaftliches Engagement, Bildung und Gesundheit einbeziehen.

Die Lebensdauer von Wellbeing erzeugt ein Netz 

Wenn kulturelle Erlebnisse für Einzelne einen bleibenden Wert schaffen, wie verteilt sich dieser Wert dann nach einem Besuch oder einer Veranstaltung in einer Stadt? Wer profitiert direkt, wer indirekt, und wie weit reichen diese Vorteile über den Veranstaltungsort selbst hinaus? Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob sich Besucher:innen beim Verlassen des Museums besser fühlen, sondern ob dieses Erlebnis auch einen länger anhaltenden Einfluss hat, beispielsweise durch mehr Selbstvertrauen, Empathie, Gespräche, Kreativität oder verbesserte Beziehungen am Arbeitsplatz und zu Hause.
 
Unsere Analyse legt nahe, dass sich kulturell erzeugtes Wohlbefinden ausbreitet. Die positiven Auswirkungen von Kultureinrichtungen strahlen nach außen, werden jedoch von Faktoren wie Entfernung, Kosten, Zugangsmöglichkeiten, Vertrautheit und Gewohnheiten beeinflusst. Zudem sind sie aufgrund unterschiedlicher Niveaus kultureller Teilhabe häufig ungleichmäßig in der Gesellschaft verteilt. 
 
Das „Wellbeing-Netz“ bietet eine Möglichkeit, dieses Konzept zu veranschaulichen. Es macht sowohl die Intensität des in der Umgebung eines Museums geschaffenen Wohlbefindens als auch dessen anhaltenden gesellschaftlichen Wert sichtbar. Durch die Messung von Lebensdauer, Reichweite und Verteilung des Wohlbefindens können Museen ihre gesellschaftliche Wirkung überzeugender darstellen, neue Formen der Unterstützung gewinnen und Städten dabei helfen, besser vernetzte, präventive und menschenfreundliche öffentliche Systeme zu gestalten. Das Netz lässt sich von der Nachbarschaftsebene auf die Stadtebene und sogar auf die nationale Ebene ausweiten. 
 

Museen, Kooperationen und das Wellbeing-Netzwerk

Ein Wellbeing-Rahmenwerk kann auch Impulse geben, über neue Kooperationen nachzudenken. Mögliche Partner:innen sind dann nicht nur andere Museen, sondern auch Bibliotheken, Parks, öffentliche Räume, Gemeindezentren, Verkehrsnetze und Stadtplanung. Gemeinsam können sie ein Wellbeing-Netzwerk bilden, ein vernetztes System, das soziale Nachhaltigkeit in einer Stadt verbreitet.

Museen und eine gesündere, SMARTere Stadt

Wohlbefinden kann als eine Form der städtischen Erneuerung betrachtet werden. Es stärkt die soziale Resilienz und trägt dazu bei, dass Städte in einer sich wandelnden Welt zusammenhaltend, reaktionsfähig und lebenswert bleiben. Museen leisten dazu einen Beitrag, indem sie die städtische Identität prägen, das öffentliche Leben beleben und Orte schaffen, an denen Kultur den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Erneuerung fördert. Das Wiener MuseumsQuartier veranschaulicht dies. Als Kulturquartier vernetzt es verschiedene Institutionen, bietet einen gemeinsamen „dritten Ort“ für Bewohner:innen wie Besucher:innen und zeigt auf, welchen Beitrag Kultur zur Stadtentwicklung leisten kann.

In einer SMART City tragen „Technologie und Datenerfassung dazu bei, die Lebensqualität sowie die Nachhaltigkeit und Effizienz des Stadtbetriebs zu verbessern“.[2] Es muss jedoch nicht nur um Verkehr, Energie und Infrastruktur gehen, um effizienter zu funktionieren. Die Lebensqualität kann als Bindeglied fungieren, über das Museen und andere kulturelle Einrichtungen das Wohlbefinden im gesamten städtischen System fördern. In diesem Sinne können die nachhaltigen Vorteile kultureller Teilhabe dazu beitragen, einige der negativen Begleiterscheinungen des Stadtlebens wie Isolation, Stress, ungleichen Zugang zu Ressourcen und soziale Fragmentierung auszugleichen. In diesem zivilgesellschaftlichen Gefüge können Museen als vertrauenswürdige Räume fungieren, in denen Wissen, Zugehörigkeitsgefühl, Kreativität und emotionale Erneuerung gepflegt und gefördert werden. Um Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder anderen Zugangsbarrieren eine bessere Teilhabe am Wohlbefinden zu ermöglichen, sollte der physische Zugang zu kulturellen Räumen durch digitalen Zugang ergänzt werden. Wie dies als  Live-Erlebnis mit Interaktion möglich ist, entwickeln wir derzeit im Rahmen des FFG-finanzierten Forschungsprojekts MINERWA [3].
 
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die „Wellbeing-Lebensdauer“ ein neues wirkungsvolles Instrument bietet, um den nachhaltigen gesellschaftlichen Wert von Museen zu verdeutlichen. Sie lenkt den Fokus von der unmittelbaren Erfahrung eines Besuchs auf die nachhaltigen, weitreichenden und verbindenden Vorteile, die Kultur in Stadtvierteln, Städten und Regionen generieren kann. Mithilfe des „Wellbeing-Netzes“ können Museen somit nicht nur als Erlebnisdestinationen, sondern auch als aktive gesellschaftliche Ressourcen dargestellt werden. Sie fördern Wohlbefinden und tragen dazu bei, die Resilienz zu stärken und die negativen Auswirkungen des städtischen Lebens abzumildern. Indem Museen diese Wirkung messen und ausweiten, können sie sich im Zentrum eines inklusiveren Gemeinwohls positionieren, in dem kulturelle Teilhabe direkt zur menschlichen Entfaltung und zum Wohlbefinden der Gesellschaft als Ganzes beiträgt.

Credits und Zusatzinfos: 

Fußnoten:

[1] Sabine Doolin: Den Wert von Museen neu denken, in: neues museum 24/4. www.doi.org/10.58865/13.14/244/3 (5.8.2026)
[2] Alice Gomstyn, Alexandra Jonker, IBM Think, Was ist eine Smart City?,  https://www.ibm.com/de-de/think/topics/smart-city (5.8.2026)
[3] MINERWA ist ein FFG-gefördertes Forschungsprojekt von kärnten.museum, Fluxguide, FH Kärnten und QWB Lab mit dem Ziel mittels 5G eine digital übertragene live Museumsführung mit Interaktionsmöglichkeiten für die Teilnehmer zu ermöglichen. https://projekte.ffg.at/projekt/2cc0453e-f36b-1410-861a-00d3c07d99bb (5.8.2026)


Empfohlene Zitierweise:
Robert Sadleir, Ein Wellbeing-Netz: Museen, Wellbeing-Lebensdauer und gesellschaftliche Wirkung, in: neues museum 26/3-4, www.doi.org/10.58865/13.14/2634/1.
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