Die besten Fragen sind die, die wir nicht beantworten können
Von:
Niko Wahl (freier Kurator, Wien), Wien/Hohenems
Hanno Loewy geht nach über 20 Jahren als Direktor des Jüdischen Museums Hohenems Ende März 2026 in Pension. Er leitete das Haus seit 2004 und prägte es maßgeblich. Niko Wahl, freier Kurator und Historiker, Wien, spricht mit Hanno Loewy über Abschied und Übergabe, über Museen als Orte der Irritation – und über Erinnerungspolitik zwischen Geschichte, Migration und Gegenwart.
Niko Wahl: Wer das Jüdische Museum Hohen ems betritt, steht nicht selten nach wenigen Schritten unvermutet im Direktionsbüro und wurde dort in den vergangenen Jahrzehnten von Hanno Loewy an seinem meist übervollen Schreibtisch begrüßt. Hanno, wie fühlt es sich an, diesen Schreibtisch nun für den Arbeitsbeginn deiner Nachfolgerin Irene Aue-Ben-David aufzuräumen?
Hanno Loewy: Aufräumen ist ein mehrstufiger Prozess. Wenn man 22 Jahre in einem Büro arbeitet, sammelt sich sehr viel an: Akten, Notizen, Ideen.
Man muss entscheiden, was archivwürdig ist, was Textsammlung, was wegkann. Selbst E-Mails erzählen etwas über institutionelle Geschichte. Ich hatte noch rund 3.000 allein im unsortierten Posteingang. Ich habe Monate gebraucht, um Ordnung zu schaffen. Am 1. März übergebe ich meinen Schreibtisch, ab dann arbeite ich mobil – vielleicht im Café, vielleicht bei der Sammlung. Da gibt es auch ein Plätzchen für mich.
Niko Wahl: Nicht alles taugt für die Ablage, welche offenen Agenden übergibst du an deine Nachfolgerin? Und: Nimmst du auch Sachen mit?
Hanno Loewy: Ein zentrales Projekt wird meine Nachfolgerin und auch mich wohl weiter begleiten: die Kooperation mit Schweizer Partnern zur Errichtung eines Vermittlungszentrums zu Flucht und Asyl an der Grenze zwischen der Schweiz und Vorarlberg, als Teil des geplanten Schweizer Memorials für die Opfer des Nationalsozialismus. Wir arbeiten seit fast drei Jahren daran. Es ist ein transnationales Projekt mit langem Atem. Aktuell recherchiere ich Fluchtgeschichten jüdischer Familien, oft aus prekären Verhältnissen, für die 1938 nur die illegale Flucht in die Schweiz blieb. Grenzlage, Flucht und Fluchthilfe waren immer Kernthemen des Museums – nicht nur historisch.
Niko Wahl: Ein Projekt also, das weit über das Historische hinausweist?
Hanno Loewy: Ja. Diese Arbeit berührt unmittelbar Fragen der Gegenwart: Wie verhält sich eine demokratische Gesellschaft in Ausnahmesituationen? Wie agieren Behörden, wo endet Humanität, wo beginnt Abschreckung? In der Schweiz wurden viele Flüchtlinge offiziell abgewiesen, aber faktisch geduldet – allerdings unter Bedingungen, die ein Bleiben möglichst unattraktiv machen sollten. Das ist kein fernes Damals, sondern eine Struktur, die wir heute wiedererkennen. Gerade deshalb ist dieses Projekt so relevant. Es verbindet historische Forschung mit einer gesellschaftspolitischen Gegenwartsdiagnose.
Niko Wahl: Deine Arbeit war immer stark gegenwartsbezogen. War das ein bewusstes Leitmotiv?
Hanno Loewy: Man erinnert sich nur, weil man Fragen hat, vor denen man in der Gegenwart steht. Diese Haltung hat mich am Museum gereizt, schon lange bevor ich es geleitet habe. Bereits Ende der 1990er-Jahre entwickelte das Haus eine intensive Kommunikation mit den Nachkommen der jüdischen Gemeinde von Hohenems – einer kosmopolitischen, weltweit vernetzten Community, die das Museum heute als Treuhänder ihrer Erinnerungen versteht. Diese Community ist selbst Ergebnis von Migration. Migration ist damit kein Rand thema, sondern konstitutiv. Der Dialog mit heutigen Einwanderungsgesellschaften, auch mit muslimischen Communities vor Ort, ist daraus fast zwangsläufig entstanden.
Niko Wahl: Welche Rolle spielen dabei die Sammlungen?
Hanno Loewy: Das Museum verfügt über ein dichtes historisches Wissen: Familiengeschichten, Stammbäume, Friedhofsdaten, Netzwerke. Es ist nicht nur Speicher, sondern Schnittstelle. Unsere Datenbank wird täglich von Menschen aus aller Welt genutzt und wächst auch kontinuierlich weiter. Das mag unspektakulär wirken, ist aber zentral: Das Museum versteht sich im Kern als Ort, an dem Fragen von Zugehörigkeit, Migration und Zusammenleben verhandelt werden – damals wie heute.
Niko Wahl: Trotzdem hast du das Haus stark verändert.
Hanno Loewy: Es gab viele Ressourcen – Expertise, Netzwerke –, aber sie mussten aktiviert werden. Als ich begonnen habe, verfügte das Museum über 2,8 Stellen. Heute haben wir hier rund 14 Stellen, darunter Projektstellen zu Diversität, Rassismus und Antisemitismus oder zur Geschichte von Flucht und Asyl, dazu ein großes Vermittlungsteam. Entscheidend war eine inhaltliche Haltung, die sich über Jahre entwickelt hat: Ausstellungen mit kulturhistorischer Tiefe, die keine fertigen Antworten liefern, sondern vielmehr Fragen stellen, mit denen auch wir selbst umgehen.
Niko Wahl: Das klingt nach einem bewusst offenen Ausstellungsbegriff.
Hanno Loewy: Jede Ausstellung ist ein sozialer Raum. Menschen bringen ihre eigenen Bilder, Erwartungen und Konflikte mit. Das lässt sich nicht vollständig planen – und sollte es auch nicht. Wir arbeiten nicht mit linearen Narrativen, in denen Objekte bloße Belege sind. Uns interessiert ihr Eigensinn, ihre Mehrdeutigkeit, die Fragen, die sie aufwerfen. Gute Ausstellungen halten Widersprüche aus und beziehen ihre Spannung aus offenen Denkbewegungen.
Niko Wahl: Ist das für Besucher:innen nicht herausfordernd?
Hanno Loewy: Ja – aber genau darin liegt der Reiz. Es gibt Ausstellungen, die Ressentiments bestätigen. Das ist bequem, aber langweilig. Fehlstellen, Unschärfen und Neugier machen Ausstellungen lebendig. Als ich nach Hohenems kam, war das Haus gleich im Eingangsbereich stark von einer memorialen Schwere geprägt. Mir war wichtig, einen Perspektivwechsel einzuleiten: Jüdische Geschichte besteht nicht nur aus Verlust, sondern auch aus Widersprüchen, Lust und Kreativität. Das Museum sollte ein Ort sein, an dem man Zeit verbringt, sich aufhält, vielleicht sogar gerne bleibt, um sich dann mit schwierigen Fragen auseinanderzusetzen. Vor allem eines: irritierende Mehrdeutigkeit als Stärke, als Ressource zu entwickeln.
Niko Wahl: Muss ein Museum gesellschaftspolitisch sein?
Hanno Loewy: Nicht jedes Museum, aber kulturhistorische Museen haben eine besondere Verantwortung. Wir leben in einer Zeit, in der Wirklichkeit zunehmend in Meinungen zerfällt und gesellschaftliche Verständigung schwieriger wird. Museen können Orte sein, an denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und Konflikte verhandelbar bleiben. Das ist keine Parteipolitik, sondern eine Frage öffentlicher Verantwortung.
Niko Wahl: Sind Museen dafür ausreichend gerüstet?
Hanno Loewy: Es braucht Bildung, Vermittlung und die Bereitschaft, Ausstellungen als soziale Infrastruktur zu denken. Als ich begonnen habe, hatten wir keinen geeigneten Depotraum, kein Café, kaum Arbeitsräume – aber eine Vollzeitstelle für Vermittlung. Das war entscheidend. Diese zentrale, immer weiter entwickelte Bedeutung der Vermittlung hat es 20 Jahre später ermöglicht, auch nach dem 7. Oktober 2023 hoch konflikthafte Situationen professionell zu begleiten und Formate zu entwickeln, die sich mit Antisemitismus, Rassismus, Migration und Muslimfeindlichkeit auseinandersetzen.
Niko Wahl: Wie blickst du auf die Zeit nach deiner Pensionierung?
Hanno Loewy: Die zentralen Herausforderungen für meine Nachfolgerin bleiben: die dringende Raumfrage und die daraus resultierende mögliche Erweiterung, auch die Dauerausstellung ist nächstes Jahr bereits 20 Jahre alt. Das Haus wächst, die Besuchszahlen steigen. Entscheidend wird sein, den atmosphärischen Charakter des Museums zu bewahren und gleichzeitig neue inhaltliche Akzente zu setzen. Ich denke, meiner Nachfolgerin wird sicher nicht langweilig werden. Ich werde weiter forschen und an dem transnationalen Projekt mit der Schweiz arbeiten. Ich möchte auch mehr reisen. Vieles ist auch gar nicht planbar – frag mich in einem Jahr wieder!










