Arbeitstagung Methoden der Ausstellungsanalyse, 17.–22. Mai 2022, Social Meaning Mapping in der Ausstellung „Enjoy. Die mumok Sammlung im Wandel“ im mumok, Wien Fotos: Karl Pani, Institut für Kunstgeschichte, Universität Wien
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Ausstellungsanalyse im Museumsalltag
Von: Carla-Marinka Schorr, Luise Reitstätter (Herausgeberinnen des Buches Methoden der Ausstellungsanalyse, transcript 2025), Wien

Ausstellungen sind wirkmächtige kulturelle Ordnungen. Dies gilt in der Theorie für die Verortung von Wissen, Repräsentation und Macht ebenso wie in der Praxis, in der Ausstellungen gemacht, besucht und bewertet werden. Doch ist nicht immer vorhersehbar, wie Ausstellungen im Alltag funktionieren. Klar ist, dass Ausstellungen viel Arbeit machen. So stecken oft Monate, teils Jahre des Recherchierens, des Auswählens, des Kreativseins, des Diskutierens, des Verwerfens und des Entscheidens in einer Ausstellung. Bedenkt man, wie viele Ressourcen in das Ausstellungsmachen investiert werden, läge es nahe, sich nach der Eröffnung auch systematisch mit dem Ergebnis auseinanderzusetzen. Aber wer hört nach all den Anstrengungen schon gern die Kritik, dass sich das kuratorische Konzept nur bedingt vermittle, dass die Schrift schwer lesbar sei oder dass zentrale Communities nicht zur Sprache kommen? Wird solche Kritik als grundsätzliche Infragestellung der eigenen Arbeit verstanden und mit Ausstellungsanalyse gleichgesetzt, überrascht das geringe interne Interesse daran nicht. Hinzu kommt ein Mangel an Zeit, Energie und vor allem Methodik, sodass Ausstellungsanalysen im Museumsalltag selten stattfinden. Ausstellungsanalyse, so meinen wir, gehört (gut) gemacht, um die eigene Praxis selbstkritisch zu reflektieren, verschiedene Perspektiven auch abseits der Peer Group zu hören und sie in die weitere Arbeit einfließen zu lassen.
 
Im Gegensatz zu etablierten Methoden der Objektanalyse, musste man explizite Methoden der Ausstellungsanalyse bislang jedoch länger suchen. Nach fünf Jahren der prozessualen Textentwicklung und Anwendungstests mit Nutzer:innen ist nun unser Open-Access-Buch Methoden der Ausstellungsanalyse unter Beteiligung von 34 Autor:innen auf Deutsch und Englisch erschienen. [1] Von A wie Artefaktanalyse über B wie Beobachtung, K wie Kontextanalyse und S wie Social Meaning Mapping, bis hin zu W wie Wissensanalyse versammelt es 19 schlüsselfertige Methoden.
 
Die Einteilung in kulturanalytische, rezeptionswissenschaftliche und praxisorientierte Methoden betont, dass Ausstellungen sowohl als kulturelle Konstrukte als auch als soziale Räume mit Veränderungspotenzial zu betrachten sind. Während sich insbesondere der dritte Abschnitt an die Praxis richtet, lassen sich auch andere Methoden für den Museumsalltag anpassen Die wirkungsreflexive Ausstellungsanalyse wird bspw. im Buch vor allem als museumswissenschaftliche Methode vorgestellt [2]. Mit der Herangehensweise, die eigene subjektive Wahrnehmung für die Analyse zu nutzen, eignet sie sich jedoch auch abseits der Forschung zur Reflexion der eigenen Perspektive. Ist notiert, wie die Ausstellung auf einen selbst wirkt, wird systematisch eruiert, wie dies mit einzelnen Ausstellungselementen vom Highlight-Objekt bis zum Notausgangsschild sowie den übergeordneten Aussagen zusammenhängt. Anstatt vorschnell zu bewerten, geht es Schritt für Schritt darum, der Wirkmacht der Ausstellung auf den Grund zu gehen. Kuratorische Teams können die Methode mit einer fokussierten Fragestellung, etwa zu (unbeabsichtigt) mittransportierten Metanarrativen, für eine erste Selbst-Evaluation oder nachträgliche Bias-Reflexion nutzen. Eingesetzt im Vermittlungsbereich kann das Ziel die Selbstermächtigung der Besucher:innen sein. Sie sind durch die Methode darin bestärkt, ihre eigenen Eindrücke ernst zu nehmen und durch die strukturierte Analyse befähigt, sich zur Ausstellung konkret in Beziehung zu setzen.
 
Erfahrungen von Besucher:innen lassen sich auf vielfältige Weise in die Ausstellungsanalyse einbeziehen. Einen einfachen qualitativen Zugang bieten begleitete Rundg.nge, die Ausstellungen so erfassen, wie sie üblicherweise rezipiert werden: gemeinsam und im Gehen [3]. Für die Durchführung heißt es, relevante Adressat:innen auszuwählen und sie beim gemeinsamen Rundgang zum lauten Denken anzuregen, während man selbst aktiv zuhört. Als Übung in Empathie und im Sinne eines offenen Erkenntnisprozesses empfiehlt es sich, die Strukturierung des Ausstellungsbesuchs über gewählte Wege und kommentierte Exponate ganz der Auskunftsperson zu überlassen. Statt Audio- oder Videodokumentation kann es ausreichen, zentrale Erkenntnisse in einem Gedächtnisprotokoll festzuhalten. Standardisierter ist die von der Designwissenschaftlerin Tabea Schmid vorgeschlagene übertragung des Fragebogens AttrakDiff. [4]  Besucher:innen verorten die Ausstellung auf Skalen zwischen Gegensatzpaaren wie „verwirrend – übersichtlich“ oder „harmlos – herausfordernd“. So lassen sich pragmatische und hedonische Qualitäten der Ausstellung, also ihre Gebrauchstauglichkeit und wie sehr sie für Freude, Wohlbefinden oder Anregung sorgt, quantitativ bestimmen. Aus den Ergebnissen lassen sich in einzelnen Bereichen Optimierungspotenziale ablesen, während der Vergleich der Einzelantworten deutlich macht, wie einig sich die Befragten sind.
 
Ausstellungen zu analysieren, kann auch ein „Moment des Bonding“ sein, wie Anika Reichwald vom Netzwerk museumdenken betont. [5] Sich Ausstellungen mit Kolleg:innen anzusehen, verbindet und öff-net die Augen für das, was andere sehen. Dafür eignet sich besonders die von Beverly Serrell entwickelte Methode Judging Exhibitions, die Jana Hawig und Ria Glaue ins Deutsche übertragen haben. [6] Nach individuellen Besuchen werden Beobachtungen schriftlich festgehalten und die Ausstellung nach vorgegebenen Kriterien bewertet, bevor die Wertungen zu den übergeordneten Dimensionen „Wohlfühlen“, „Anregen“, „Bestärken“ und „Sinnstiften“ in der Gruppe diskutiert werden. Im Fokus stehen Stärken, verpasste Chancen und divergierende Einschätzungen mit dem Ziel eines gemeinsamen resümierenden Gutachtens. Wichtiger als die finale Bewertung ist der kollegiale Austausch – dadurch eignet sich die Methode nicht nur zur Qualitätssicherung, sondern auch zum Teambuilding. 
 
Machen sich also Praktiker:innen Methoden der Ausstellungsanalyse zu eigen, kann dies ein Schritt sein, um sich fundiert mit der eigenen Arbeit auseinanderzusetzen. Dies kann, wie bei der wirkungsreflexiven Ausstellungsanalyse über die Verortung der eigenen Wahrnehmung, bei den begleiteten Rundgängen und Attrakdiff über Reaktionen von Besucher:innen sowie bei Judging Exhibitions über Beurteilungen im Team erfolgen. Welche Methode man auch wählt oder adaptiert – wir möchten dazu ermuntern, im Museumsalltag Gelegenheiten für Ausstellungsanalysen zu schaffen. Denn durch systematische Auseinandersetzungen lassen sich Ausstellungen besser verstehen und Analyseergebnisse als Handlungsanregungen nutzen. 

Credits und Zusatzinfos: 
Anmerkungen

[1] Luise Reitstätter, Carla-Marinka Schorr (Hg.), Methoden der Ausstellungsanalyse / Methods of Exhibition Analysis, Bielefeld 2025. Download in Deutsch: www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7853-6/methoden-der-ausstellungsanalyse/; in Englisch: www.transcript-publishing.com/978-3-8376-7856-7/methods-of-exhibition-analysis/?number=978-3-8394-1859-8 (10.1.2026)
[2] Carla-Marinka Schorr, „Wirkungsreflexive Ausstellungsanalyse. Die eigene Wahrnehmung als Analyseinstrument nutzen“, in: Luise
Reitstätter, Carla-Marinka Schorr (Hg.), Methoden der Ausstellungsanalyse, Bielefeld 2025, S. 115-129.
[3] Luise Reitstätter, Karolin Galter, „Begleitete Rundgänge. Gemeinsam und im Gehen die Ausstellung erkunden“, in: Luise Reitstätter, Carla-Marinka Schorr (Hg.), Methoden der Ausstellungsanalyse, Bielefeld 2025, S. 179–189.
[4] Tabea Schmid, „AttrakDiff. Die Attraktivit.t von Ausstellungen über Gegensatzpaare ermitteln“, in: Luise Reitstätter, Carla-Marinka Schorr (Hg.), Methoden der Ausstellungsanalyse, Bielefeld 2025, S. 209-224.
[5] Gottfried Fliedl, Anika Reichwald, Roswitha Muttenthaler, Regina Wonisch, „Zur Bedeutung von Ausstellungsanalyse. Ein Interview
mit museumdenken“, in: Luise Reitstätter, Carla-Marinka Schorr (Hg.), Methoden der Ausstellungsanalyse, Bielefeld 2025, S. 25-29, S. 26.
[6] Jana Hawig, Ria Glaue, „,Judging Exhibitions‘ von Beverly Serrell. Ausstellungen im Team beurteilen“, in: Luise Reitstätter, Carla-Marinka Schorr (Hg.), Methoden der Ausstellungsanalyse, Bielefeld 2025, S. 225-244.
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