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| neues museum - 2008/2 Thema: Naturmuseen Natur im Museum |
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lebendig präpariert virtuell: Biologie sammeln
Waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch biologische Schau- und Studiensammlung ident, so vollzog sich sehr bald eine Trennung: Das wissenschaftliche Objekt wurde in die Studiensammlung verbannt und fristet dort als Balg- oder Skelettpräparat, aufgespießt oder in Alkohol eingelegt, als Herbarbeleg oder als Exsikkat sein Dasein. Das Interesse des Publikums kann das wissenschaftliche Objekt (im Normalfall) nicht mehr erwecken, und biologische Ausstellungsobjekte werden längst nicht mehr nach ihrem wissenschaftlichen Wert ausgewählt. Eine Geschichte will erzählt werden, doch dafür eignen sich wissenschaftliche Belege meist nicht. Das Tier (sehr oft ein ehemaliges Zootier) wird speziell für die Ausstellung ausgewählt und präpariert. Eine andere Szene kann es schwer darstellen. Auch Bruno wurde (gängige Klischees bedienend) für seine künftige Rolle als Honigdieb präpariert. Hat das Tier im Gegensatz zu Bruno keine mediale Berühmtheit erlangt, so wird das Ausstellungsobjekt zum reinen Anschauungs-, ja Dekorationsmaterial.
Manche Museen gehen einen Schritt weiter. Auch das Fernsehen erzählt, und bewegte Bilder vermögen mehr zu beeindrucken als ein totes Objekt. Filme und Fotos zeigen den Bären in allen Lebenslagen. Im Zoo sieht man das Tier dreidimensional, und auch der Geruchssinn wird im Tiergarten gefordert. Doch eines kann nur ein präpariertes Tier bieten: Wie fühlt sich ein Bär an, wie scharf sind seine Zähne? Bruno ist hinter Glas „geschützt“, aber in der inatura Erlebnis Naturschau Dornbirn darf der Bär ebenso wie (fast) alle anderen Präparate gestreichelt werden. Mit Beschädigungen wird gerechnet, und der Wisent der inatura benötigt demnächst ein neues „Toupet“. Das Dekorationsobjekt wird zum Verschleißmaterial ein Konzept, das mancherorts auf Ablehnung stößt, sind doch gute Präparate kleine Kunstwerke, die nach Meinung vieler (nicht zuletzt der Präparatoren) nicht vorsätzlich der Zerstörung preisgegeben werden sollten.
Hat der Besucher die Möglichkeit, die Tiere zu berühren, so ist es unausweichlich, dass manche Präparate mit der Zeit ersetzt werden müssen. Doch die konsequente Fortführung des Konzeptes ist auch in der inatura nicht vollzogen: Noch sind auch die reinen Dekorationsobjekte in der Schausammlung in der wissenschaftlichen Datenbank erfasst. Obwohl keine Notwendigkeit zur dauerhaften Archivierung besteht, werden die Schauobjekte gleich wie wissenschaftliche Belege behandelt. Eine saubere Trennung auch auf Inventarebene wäre logisch und würde die Entinventarisierung von unbrauchbar gewordenen Objekten erleichtern. Wie inventarisiert man einen Ameisenhaufen? Noch weniger als Objekte zum Be-Greifen passen lebende Tiere in bestehende museologische Konzepte. Bislang waren diese den Zoos vorbehalten. Doch die Grenzen zwischen Naturmuseum und Zoo verschwimmen. Auch Zoos sammeln, nicht Einzelobjekte, sondern Tierarten. Durch Zuchtprogramme hoffen Zoos, bedrohte Arten zu erhalten. Bei der Forschung steht neben genetischen Untersuchungen die Ethologie im Vordergrund, und trotz aller Vorbehalte hinsichtlich einer unnatürlichen Umgebung stammen wesentliche Beobachtungen zur Verhaltensforschung aus Zoos. Dass Ausstellen und Vermitteln zu den ureigensten Aufgaben eines Zoos gehören, versteht sich von selbst, und die Arbeit der Vermittler an Naturmuseen hat weit mehr mit der Zoopädagogik gemein, als mit der „klassischen“ Museumspädagogik an Kunst- und Geschichtsmuseen. Ein Unterschied jedoch bleibt: die Größe der Tiere und damit die Größe des Geländes. Während in den meisten Zoos größere Wirbeltiere dominieren, kann ein Museum kleine Tiere zeigen, die im Zoo wohl nie die Aufmerksamkeit erlangen würden, die sie verdienen. Lebende Tiere sind ein weiteres Mittel, um das „Original Tier“ dem Besucher näher zu bringen.
Seit wir lebende Tiere haben, hat das Wort „Eingangsbuch“ eine völlig neue Bedeutung erhalten! „Eingegangen sind …“ Dass lebende Tiere eine spezielle Infrastruktur und geschulte Tierpfleger verlangen, versteht sich von selbst. Aber auch Museumstiere leben nicht ewig, und irgendwann stellt sich die Frage: Entsorgen Präparieren Inventarisieren? Auch hier hält sich der wissenschaftliche Wert in Grenzen, und mehr als übertrieben wäre es, jede einzelne Ameise zu Dokumentationszwecken aufzubewahren! Forschung füllt die Sammlungsräume Woher kommen also die wissenschaftlichen Objekte in der Studiensammlung? In der Mehrzahl sind sie Output aus Forschungsprojekten, sei es durch Mitarbeiter des Hauses selbst, sei es durch Gastwissenschaftler und Privatsammler, die in einem Naheverhältnis zum Museum stehen. Hier dominieren Kleintiere wie Spinnen, Insekten, Schnecken, sowie Herbarbelege und Exsikkate. An die Stelle von Vollständigkeit in der Systematik ist die Dokumentation der Artenvielfalt (oft regional begrenzt, z.B. auf Landesebene) getreten. Der Tauschhandel von Naturmuseen untereinander hat dadurch stark an Bedeutung verloren.
Gerade für Studien zur Biodiversität genügt es bei häufigen, leicht bestimmbaren Arten, die Beobachtung ihres Vorkommens an einem bestimmten Ort in einer Datenbank festzuhalten. Belegmaterial wird lediglich dann entnommen, wenn es gilt, seltene Arten zu dokumentieren oder Vertreter schwer bestimmbarer Gattungen später unter dem Mikroskop genauer zu studieren. Auch die intraspezifische Variabilität kann für statistische Untersuchungen am besten durch Museumsmaterial dokumentiert werden. Durch diese bewusste Beschränkung in der Sammeltätigkeit und die gleichwertige Behandlung von reinen Beobachtungsdaten und Objekten können die meist ohnehin beschränkten Platzreserven geschont werden. Auch der Arbeitsaufwand für die Präparation der Tiere und Pflanzen kann so minimiert werden, werden doch z.B. in einer einzigen Beobachtungsnacht mehrere hundert Schmetterlingsarten nachgewiesen. Und bei Wirbeltieren wäre die Dokumentation des Vorkommens durch Belegmaterial ohnehin nicht mit dem Tierschutzgedanken zu vereinbaren ganz zu schweigen von den Kosten für den Präparator. Natürlich ist auch diese Praxis nicht unumstritten, und die Natur hält zahlreiche Fallstricke für die Wissenschaftler bereit. Groß war die Überraschung (und die Bestürzung), als Genetiker 1991 feststellen mussten, dass sich hinter der seit ihrer Erstbeschreibung durch Linné im Jahr 1758 als Lasius niger bekannten und vermeintlich eindeutig bestimmbaren Schwarzen Wegameise zwei Zwillingsarten verbergen, die morphologisch kaum zu unterscheiden sind (Lasius niger und Lasius platythorax). Reine Beobachtungsdaten von Lasius „niger“ vor 1991 haben durch diese Entdeckung an Wert verloren, und nur Museumsbelege erlauben, historische Nachweise einer der beiden Zwillingsarten zuzuordnen. Hardliner gehen sogar so weit, zur Dokumentation eines Quetschpräparates vom Igel einen Unterkieferknochen (der die Begegnung mit dem Autoreifen meist unbeschädigt übersteht) von der Straße zu spachteln. In der Praxis entscheidet das Fachwissen des Sammlungskurators im Widerstreit zwischen Datensatz und Beleg.
Bei fliegenden oder laufenden Tieren erfolgt die Verortung meist ebenfalls über Mittelpunkt mit Vertrauenskreis, wobei das Verhalten des Tieres verbal notiert wird. Die Meinung über die Rasterkartierung, die in solchen Fällen oft angewandt wird, sind geteilt. Während die einen in ihr eine praktische Methode sehen, das Vorkommen speziell mobiler Tierarten rasch und unkompliziert festzuhalten, sehen andere in ihr ein anachronistisches Relikt aus der Vor-GIS-Aera, dem heute lediglich als Auswertetool besonders für populärwissenschaftliche und Übersichtsdarstellungen Bedeutung zukommt. Zu bedenken gilt, dass jedes Rastersystem, egal nach welchen Kriterien es erstellt wurde, ein Beobachtungsgebiet völlig willkürlich in Einzelfelder ohne ökologische Relevanz zerschneidet. Welche Methode auch zur Anwendung kommt: Es gilt den Fund- oder Beobachtungsort so genau wie möglich zu dokumentieren, ohne dabei jedoch Scheingenauigkeiten zu produzieren. Die Beurteilung der ökologischen Relevanz obliegt (speziell bei Einzelbeobachtungen durch Fachfremde) dem Spezialisten, wobei verbale Angaben zu Habitat und Verhalten unverzichtbare zusätzliche Informationen liefern. Während reine Beobachtungsdaten, die den üblichen Archivierungsproblemen aller digitaler Daten unterliegen, später nicht mehr nachprüfbar sind, stellen Sammlungsobjekte mit ihren Originaletiketten (sowie eventuell zusätzlich verfügbaren Informationsquellen wie Aufnahmeprotokolle und Feldtagebücher) die einzigen verlässlichen Belege über das Vorkommen einer Art an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt dar. Als solche können sie nicht ersetzt werden. Selbst wenn die Art noch heute am selben Ort vorkommt: Ein im Jahr 2008 gesammelter Beleg sagt nichts über die Verbreitung der Art zu früheren Zeiten aus! Bedenkt man ferner, wie viele ehemalige Lebensräume dem Landschaftswandel durch Bebauung, Landwirtschaft und Klimaänderungen zum Opfer gefallen sind (bzw. fallen werden), so wird klar, wie unwiederbringbar mancher historische Beleg inzwischen geworden ist.
Noch wertvoller ist Belegmaterial zu Publikationen, insbesondere Typenmaterial. Holotypen, die den Maßstab für die Definition einer Art darstellen, können platterdings nicht ersetzt werden. Dem tragen auch der Internationale Code zur Botanischen bzw. die Internationalen Regeln zur Zoologischen Nomenklatur (ICBN bzw. IRZN) Rechnung, indem sie vorgeben, dass im Verlustfall kein neuer Holotypus, sondern lediglich ein Neotypus nominiert werden darf. Auch wenn der ursprüngliche Autor kein typisierendes Exemplar definiert hat, kann ein späterer Bearbeiter aus dem Originalmaterial nur einen Lectotypus, keinesfalls aber einen Holotypus auswählen. Unter diesen Überlegungen erscheint es berechtigt, den Begriff der Authentizität auf alle naturwissenschaftlichen Sammlungsgegenstände auszudehnen (im Gegensatz zu F. Waidacher, der lediglich den Typen Authentizität zuspricht; Handbuch der Allgemeinen Museumskunde, 1993: p. 171). Naturmuseen haben sich in ihrer Sammlungstätigkeit von der bloßen Anhäufung von Kuriosa weit entfernt. Was für andere Museen möglicherweise gelten mag, hatte für Naturmuseen nie Belang: Während „museumsreif“ leider nur zu oft eine höfliche Umschreibung für „zu nichts anderem mehr zu gebrauchen“ ist, sind naturwissenschaftliche Sammlungen stets topaktuell, dokumentieren das Leben und spiegeln die Veränderungen in unserer Umwelt wider! Text: Dr. J. Georg Friebe, inatura Erlebnis Naturschau GmbH Fotos: Georg Friebe; Walter Niederer; MOMA Fotografenmeister; Christine Tschisner; Dietmar Walser
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