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neues museum - 2008/2
Thema: Naturmuseen – Natur im Museum

lebendig – präpariert – virtuell: Biologie sammeln

J. Georg Friebe

Bruno ist ausgestellt. Seit Ende März 2008 kann der wohl berühmteste Braunbär (Ursus arctos) Europas im Museum Mensch und Natur in München bestaunt werden – unnahbar hinter Glas, wie es sich für ein Museumsstück gehört. In die Schlagzeilen kam der ursprünglich schlicht JJ1 genannte Bär, als er im Mai 2006 von der Schweiz kommend in Vorarlberg eingewandert ist. Der erste Bärenbesuch im Ländle seit mehr als 125 Jahren wäre ja eigentlich ein Grund zur Freude gewesen, hätte JJ1 nicht gleich ein paar Schafe gerissen. In Vorarlberg blieb der Bär nicht lange. Über Tirol zog er weiter nach Bayern – und in die Medien, die ihn bald auf Bruno umtauften. Auf seinem Weg zeigte er ein „atypisches Verhalten“, das schließlich sein Todesurteil bedeutete. Obwohl er zuvor seine Verfolger wochenlang genarrt hatte, und weder Fotofallen noch Spürhunde das Tier aufspüren konnten, kam schon wenige Stunden nach Freigabe zum Abschuss die Vollzugsmeldung.

Nun also steht Bruno im Museum. Nicht etwa als bloßes Anschauungsobjekt: „Das ist ein Bär“ – diese Aussage ist heute so nicht mehr nötig. Bücher und Filme und nicht zuletzt das Internet haben dem Naturmuseum seine frühere Bedeutung als Ort zur Vermittlung von Artenkenntnis abgelaufen. Eine Szene aus seinem Leben ist nachgestellt, wie sie auf seiner Wanderung zwischen Vorarlberg und Bayern stattgefunden haben mag: Am 16. Juni 2006 plünderte der Bär einen Bienenstock in Kochel am See.

Bruno erzählt eine Geschichte, seine eigene Geschichte. Ist er aber auch ein wissenschaftliches Objekt? Wohl kaum. Aus einem Wiederansiedelungsprojekt entstammend und mit bekannter Abstammung kann der zugewanderte Braunbär kaum als Beleg für ein autochthones Bärenvorkommen in Bayern, aber auch nicht für klimatisch und/oder ökologisch bedingte Faunenverschiebungen gelten. Anatomie und Physiologie von Ursus arctos sind bekannt, und Bruno kann auch hier nichts Neues beitragen. Und für ethologische Studien sind tote Tiere ohnehin nicht zu gebrauchen. Seine museale Bedeutung liegt allein in seiner Geschichte. Durch seine Wanderung, durch sein Verhalten hat er wochenlang für Schlagzeilen gesorgt. Er stimulierte ein Interesse, von dem seine „braven“ Artgenossen nur träumen können. Im Museum soll er dieses Interesse wach halten. Die Ausstellung wird so ein Ort der Inszenierung.

Unfallopfer Tier: Das Präparat kann in keiner anderen Rolle auftreten! (Foto: Dietmar Walser)

Waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch biologische Schau- und Studiensammlung ident, so vollzog sich sehr bald eine Trennung: Das wissenschaftliche Objekt wurde in die Studiensammlung verbannt und fristet dort als Balg- oder Skelettpräparat, aufgespießt oder in Alkohol eingelegt, als Herbarbeleg oder als Exsikkat sein Dasein. Das Interesse des Publikums kann das wissenschaftliche Objekt (im Normalfall) nicht mehr erwecken, und biologische Ausstellungsobjekte werden längst nicht mehr nach ihrem wissenschaftlichen Wert ausgewählt. Eine Geschichte will erzählt werden, doch dafür eignen sich wissenschaftliche Belege meist nicht. Das Tier (sehr oft ein ehemaliges Zootier) wird speziell für die Ausstellung ausgewählt und präpariert. Eine andere Szene kann es schwer darstellen. Auch Bruno wurde (gängige Klischees bedienend) für seine künftige Rolle als Honigdieb präpariert. Hat das Tier – im Gegensatz zu Bruno – keine mediale Berühmtheit erlangt, so wird das Ausstellungsobjekt zum reinen Anschauungs-, ja Dekorationsmaterial.

Hat der aber scharfe Zähne!
(Foto: MOMA Fotografenmeister)

Manche Museen gehen einen Schritt weiter. Auch das Fernsehen erzählt, und bewegte Bilder vermögen mehr zu beeindrucken als ein totes Objekt. Filme und Fotos zeigen den Bären in allen Lebenslagen. Im Zoo sieht man das Tier dreidimensional, und auch der Geruchssinn wird im Tiergarten gefordert. Doch eines kann nur ein präpariertes Tier bieten: Wie fühlt sich ein Bär an, wie scharf sind seine Zähne? Bruno ist hinter Glas „geschützt“, aber in der inatura – Erlebnis Naturschau Dornbirn darf der Bär – ebenso wie (fast) alle anderen Präparate – gestreichelt werden. Mit Beschädigungen wird gerechnet, und der Wisent der inatura benötigt demnächst ein neues „Toupet“. Das Dekorationsobjekt wird zum Verschleißmaterial – ein Konzept, das mancherorts auf Ablehnung stößt, sind doch gute Präparate kleine Kunstwerke, die nach Meinung vieler (nicht zuletzt der Präparatoren) nicht vorsätzlich der Zerstörung preisgegeben werden sollten.

Der Fuchs wird von den Kindern stark beansprucht und musste bereits mehrmals ersetzt werden.
(Foto: Dietmar Walser)


Hat der Besucher die Möglichkeit, die Tiere zu berühren, so ist es unausweichlich, dass manche Präparate mit der Zeit ersetzt werden müssen. Doch die konsequente Fortführung des Konzeptes ist auch in der inatura nicht vollzogen: Noch sind auch die reinen Dekorationsobjekte in der Schausammlung in der wissenschaftlichen Datenbank erfasst. Obwohl keine Notwendigkeit zur dauerhaften Archivierung besteht, werden die Schauobjekte gleich wie wissenschaftliche Belege behandelt. Eine saubere Trennung auch auf Inventarebene wäre logisch und würde die Entinventarisierung von unbrauchbar gewordenen Objekten erleichtern.

Wie inventarisiert man einen Ameisenhaufen?
Noch weniger als Objekte zum Be-Greifen passen lebende Tiere in bestehende museologische Konzepte. Bislang waren diese den Zoos vorbehalten. Doch die Grenzen zwischen Naturmuseum und Zoo verschwimmen. Auch Zoos sammeln, nicht Einzelobjekte, sondern Tierarten. Durch Zuchtprogramme hoffen Zoos, bedrohte Arten zu erhalten. Bei der Forschung steht – neben genetischen Untersuchungen – die Ethologie im Vordergrund, und trotz aller Vorbehalte hinsichtlich einer unnatürlichen Umgebung stammen wesentliche Beobachtungen zur Verhaltensforschung aus Zoos. Dass Ausstellen und Vermitteln zu den ureigensten Aufgaben eines Zoos gehören, versteht sich von selbst, und die Arbeit der Vermittler an Naturmuseen hat weit mehr mit der Zoopädagogik gemein, als mit der „klassischen“ Museumspädagogik an Kunst- und Geschichtsmuseen. Ein Unterschied jedoch bleibt: die Größe der Tiere und damit die Größe des Geländes. Während in den meisten Zoos größere Wirbeltiere dominieren, kann ein Museum kleine Tiere zeigen, die im Zoo wohl nie die Aufmerksamkeit erlangen würden, die sie verdienen. Lebende Tiere sind ein weiteres Mittel, um das „Original Tier“ dem Besucher näher zu bringen.

Wie inventarisiert man einen Ameisenhaufen?
(Foto: Archiv inatura)

Denn Präparate sind tot, ja sie rufen – besonders bei Kindern – oft Bestürzung hervor: „Wurde das arme Tier extra für die Ausstellung ermordet?“ ist eine Frage, mit der Museumspädagogen immer wieder konfrontiert werden. Das „Haus der tausend Leichen“ nannte ein junger Besucher einst die (ehemalige) Vorarlberger Naturschau. Der Eindruck des Todes wird bei Balg- und Skelettpräparaten noch verstärkt. Selbst wenn ein Schimpansenskelett im Liegestuhl eine Studie zur vergleichenden Anatomie darstellt (wie im Muséum des sciences naturelles d'Orléans), hält der Effekt des Witzes nicht lange an. Doch das Leben selbst ins Museum zu bringen, war bislang verpönt. Aber muss ein Naturmuseum wirklich ein „Tempel des Todes“ sein?

Seit wir lebende Tiere haben, hat das Wort „Eingangsbuch“ eine völlig neue Bedeutung erhalten! „Eingegangen sind …“ Dass lebende Tiere eine spezielle Infrastruktur und geschulte Tierpfleger verlangen, versteht sich von selbst. Aber auch Museumstiere leben nicht ewig, und irgendwann stellt sich die Frage: Entsorgen – Präparieren – Inventarisieren? Auch hier hält sich der wissenschaftliche Wert in Grenzen, und mehr als übertrieben wäre es, jede einzelne Ameise zu Dokumentationszwecken aufzubewahren!

Forschung füllt die Sammlungsräume
Woher kommen also die wissenschaftlichen Objekte in der Studiensammlung? In der Mehrzahl sind sie Output aus Forschungsprojekten, sei es durch Mitarbeiter des Hauses selbst, sei es durch Gastwissenschaftler und Privatsammler, die in einem Naheverhältnis zum Museum stehen. Hier dominieren Kleintiere wie Spinnen, Insekten, Schnecken, sowie Herbarbelege und Exsikkate. An die Stelle von Vollständigkeit in der Systematik ist die Dokumentation der Artenvielfalt (oft regional begrenzt, z.B. auf Landesebene) getreten. Der Tauschhandel von Naturmuseen untereinander hat dadurch stark an Bedeutung verloren.

Forschungsprojekte liefern Daten und Belege
(Foto: Walter Niederer)

Dokumentation der Variationsbreite des Feld-Sandlaufkäfers (Cicindela campestris)
(Foto: inatura / Georg Friebe)

Gerade für Studien zur Biodiversität genügt es bei häufigen, leicht bestimmbaren Arten, die Beobachtung ihres Vorkommens an einem bestimmten Ort in einer Datenbank festzuhalten. Belegmaterial wird lediglich dann entnommen, wenn es gilt, seltene Arten zu dokumentieren oder Vertreter schwer bestimmbarer Gattungen später unter dem Mikroskop genauer zu studieren. Auch die intraspezifische Variabilität kann für statistische Untersuchungen am besten durch Museumsmaterial dokumentiert werden.

Durch diese bewusste Beschränkung in der Sammeltätigkeit und die gleichwertige Behandlung von reinen Beobachtungsdaten und Objekten können die meist ohnehin beschränkten Platzreserven geschont werden. Auch der Arbeitsaufwand für die Präparation der Tiere und Pflanzen kann so minimiert werden, werden doch z.B. in einer einzigen Beobachtungsnacht mehrere hundert Schmetterlingsarten nachgewiesen. Und bei Wirbeltieren wäre die Dokumentation des Vorkommens durch Belegmaterial ohnehin nicht mit dem Tierschutzgedanken zu vereinbaren – ganz zu schweigen von den Kosten für den Präparator.

Natürlich ist auch diese Praxis nicht unumstritten, und die Natur hält zahlreiche Fallstricke für die Wissenschaftler bereit. Groß war die Überraschung (und die Bestürzung), als Genetiker 1991 feststellen mussten, dass sich hinter der seit ihrer Erstbeschreibung durch Linné im Jahr 1758 als Lasius niger bekannten und vermeintlich eindeutig bestimmbaren Schwarzen Wegameise zwei Zwillingsarten verbergen, die morphologisch kaum zu unterscheiden sind (Lasius niger und Lasius platythorax). Reine Beobachtungsdaten von Lasius „niger“ vor 1991 haben durch diese Entdeckung an Wert verloren, und nur Museumsbelege erlauben, historische Nachweise einer der beiden Zwillingsarten zuzuordnen. Hardliner gehen sogar so weit, zur Dokumentation eines Quetschpräparates vom Igel einen Unterkieferknochen (der die Begegnung mit dem Autoreifen meist unbeschädigt übersteht) von der Straße zu spachteln. In der Praxis entscheidet das Fachwissen des Sammlungskurators im Widerstreit zwischen Datensatz und Beleg.

Datenerfassung im Museum
(Foto: inatura / Christine Tschisner)

Egal wie die Entscheidung ausfällt: Beleg wie Beobachtungsdatensatz sind ohne die Dokumentation des Fundortes gleichermaßen wertlos. Die Verknüpfung der Biodiversitäts-Datenbank mit einem Geographischen Informations-System (GIS) ist in Naturmuseen längst Standard, und auch Privatsammler gehen vermehrt dazu über, ihre Funde mit Koordinaten zu verorten. Verbreitungskarten einer Art am Bildschirm per Mausklick zu generieren, wird damit problemlos möglich. Bei Totfunden und Fallenstandorten können Punktkoordinaten angegeben werden. Ist der genaue Fundort nicht bekannt, so hat sich ein hypothetischer Fundpunkt mit Vertrauenskreis bewährt. Dies ist auch die sinnvollste Methode, wenn es gilt, historische Daten im Zuge einer Revision mit Koordinaten zu versehen. Manche Datenbanken lassen darüber hinaus auch die Digitalisierung einer Strecke oder Fläche zu, wenn etwa eine Pflanze nur auf einer bestimmten Wiese zu finden ist. Weniger einfach ist die Verortung bei (größeren) Tieren, deren Aktionsradius mehr als nur wenige Meter beträgt, während Nist- und Schlafplätze wiederum leicht zu erfassen sind.

Bei fliegenden oder laufenden Tieren erfolgt die Verortung meist ebenfalls über Mittelpunkt mit Vertrauenskreis, wobei das Verhalten des Tieres verbal notiert wird. Die Meinung über die Rasterkartierung, die in solchen Fällen oft angewandt wird, sind geteilt. Während die einen in ihr eine praktische Methode sehen, das Vorkommen speziell mobiler Tierarten rasch und unkompliziert festzuhalten, sehen andere in ihr ein anachronistisches Relikt aus der Vor-GIS-Aera, dem heute lediglich als Auswertetool – besonders für populärwissenschaftliche und Übersichtsdarstellungen – Bedeutung zukommt. Zu bedenken gilt, dass jedes Rastersystem, egal nach welchen Kriterien es erstellt wurde, ein Beobachtungsgebiet völlig willkürlich in Einzelfelder ohne ökologische Relevanz zerschneidet.

Welche Methode auch zur Anwendung kommt: Es gilt den Fund- oder Beobachtungsort so genau wie möglich zu dokumentieren, ohne dabei jedoch Scheingenauigkeiten zu produzieren. Die Beurteilung der ökologischen Relevanz obliegt (speziell bei Einzelbeobachtungen durch Fachfremde) dem Spezialisten, wobei verbale Angaben zu Habitat und Verhalten unverzichtbare zusätzliche Informationen liefern.

Während reine Beobachtungsdaten, die den üblichen Archivierungsproblemen aller digitaler Daten unterliegen, später nicht mehr nachprüfbar sind, stellen Sammlungsobjekte mit ihren Originaletiketten (sowie eventuell zusätzlich verfügbaren Informationsquellen wie Aufnahmeprotokolle und Feldtagebücher) die einzigen verlässlichen Belege über das Vorkommen einer Art an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt dar. Als solche können sie nicht ersetzt werden. Selbst wenn die Art noch heute am selben Ort vorkommt: Ein im Jahr 2008 gesammelter Beleg sagt nichts über die Verbreitung der Art zu früheren Zeiten aus! Bedenkt man ferner, wie viele ehemalige Lebensräume dem Landschaftswandel durch Bebauung, Landwirtschaft und Klimaänderungen zum Opfer gefallen sind (bzw. fallen werden), so wird klar, wie unwiederbringbar mancher historische Beleg inzwischen geworden ist.

Dass in den 1930er-Jahren in Vorarlberg Hopfen angebaut wurde, ist im Herbar der Inatura dokumentiert.
(Foto: inatura / Georg Friebe)


Noch wertvoller ist Belegmaterial zu Publikationen, insbesondere Typenmaterial. Holotypen, die den Maßstab für die Definition einer Art darstellen, können platterdings nicht ersetzt werden. Dem tragen auch der Internationale Code zur Botanischen bzw. die Internationalen Regeln zur Zoologischen Nomenklatur (ICBN bzw. IRZN) Rechnung, indem sie vorgeben, dass im Verlustfall kein neuer Holotypus, sondern lediglich ein Neotypus nominiert werden darf. Auch wenn der ursprüngliche Autor kein typisierendes Exemplar definiert hat, kann ein späterer Bearbeiter aus dem Originalmaterial nur einen Lectotypus, keinesfalls aber einen Holotypus auswählen. Unter diesen Überlegungen erscheint es berechtigt, den Begriff der Authentizität auf alle naturwissenschaftlichen Sammlungsgegenstände auszudehnen (im Gegensatz zu F. Waidacher, der lediglich den Typen Authentizität zuspricht; Handbuch der Allgemeinen Museumskunde, 1993: p. 171).

Naturmuseen haben sich in ihrer Sammlungstätigkeit von der bloßen Anhäufung von Kuriosa weit entfernt. Was für andere Museen möglicherweise gelten mag, hatte für Naturmuseen nie Belang: Während „museumsreif“ leider nur zu oft eine höfliche Umschreibung für „zu nichts anderem mehr zu gebrauchen“ ist, sind naturwissenschaftliche Sammlungen stets topaktuell, dokumentieren das Leben und spiegeln die Veränderungen in unserer Umwelt wider!

Text: Dr. J. Georg Friebe, inatura Erlebnis Naturschau GmbH
Fotos: Georg Friebe; Walter Niederer; MOMA Fotografenmeister; Christine Tschisner; Dietmar Walser

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