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| neues museum - 2006/4 Thema: Das Museum und seine Besucher |
| Schlüsselmoment 'Ankommen' oder: "Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck" Von Hadwig Kräutler Mein Beitrag zum 'Ankommen' im Museum betrifft die Erstbegegnung mit dieser Einrichtung, die grundlegend Atmosphäre und Kompetenz vermittelt und somit möglicherweise entscheidend wird für Handlungen und Gefühle, die die Museumsnutzung prägen - vielleicht nur für diese 'eine Stunde', vielleicht 'für immer' Beim 18. Österreichischen Museumstag "Das Museum und seine Besucher" sollten die drei wichtigsten Phasen eines Museumsbesuchs - Ankommen, Dasein, Weggehen - behandelt werden. Meine museologisch-museographisch ausgerichteten Überlegungen betreffen die Arbeits- und Erlebniswirklichkeit der MuseumsnutzerInnen und derjenigen MuseumsmitarbeiterInnen, die die konkrete Qualität des 'interface' mit den BenutzerInnen gestalten. Ich gehe einerseits auf allgemeine Aspekte der Zugänglichkeit, Erreichbarkeit und Verständlichkeit des 'Ankommens'-Ortes Museum etwas näher ein - dies in Hinblick auf erforderliche physische, intellektuelle und emotionelle Qualitäten - und unterstreiche mit Bildbeispielen - auch aus dem 'Belvedere' - die Komplexität der Museumswirklichkeit. Vorweg sei betont: 1. Museumsangebote ans allgemeine Publikum werden heute als Teil der freiwilligen und vergnüglichen Freizeitaktivitäten und des so genannten 'free choice'-Lernens wahrgenommen, also in Konkurrenz bzw. im Vergleich mit anderen, als angenehm, entspannend und der allgemeinen Bildung dienlichen, hoch-geschätzten 'edutainment'-Angeboten.
2. Jede Ankommens-Situation im Museum ist einmalig. Für jeden Museums-Ort gilt: Aussehen, Geschichte und Bedingungen des Gebäudes und des jeweiligen Umfelds sind spezifisch. Für jede Besuchssituation gilt: Es kommen Individuen in je unwiederholbarer und unterschiedlicher Lebens-Situation. 'Ankommen' hat mit hinter sich gelegtem Weg zu tun, mit Türen, Toren, Betreten von Neuland, oder - im Falle von Spezialinteressierten oder Privatgelehrten - auch mit bewusstem Wiederholen schon lieb-gewonnener Gewohnheiten oder gar Rituale. Diese 'Habitués' (BOURDIEU 1984) können Veränderung und Information als unnotwendig oder gar als Störung sehen. Das 'Ankommen' - egal ob der Erstkontakt mittels Medium (via Folder, Internet oder Mundpropaganda) oder beim Betreten des konkreten Museumsortes erfolgt - ist nicht nur bildlich gesprochen der Schlüsselmoment. Es zahlt sich aus, diesem Moment 'Ankommen' besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn wir die Situation der gedachten 'Normal-NutzerInnen' untersuchen wollen, müssen wir Museums-MitarbeiterInnen uns einerseits auf das 'Ankommen' konzentrieren und die physisch-materiellen Tatsachen in Betracht ziehen: Zielvorstellungen formulieren, die gegebene Wirklichkeit evaluieren und Maßnahmen entwickeln für eine gezielt verbesserte Praxis. Andererseits müssen wir uns von den eigenen Gewohnheiten distanzieren, damit relevante Erfahrungen entstehen. Alle sollen ankommen... Nehmen wir die unbescheidene, in einer pluralistischen Gesellschaft gar nicht 'unbedachte' Wunschvorstellung ernst: Alle sollen ankommen, um unsere Angebote zu nutzen! Dies setzt voraus, dass alle von der Existenz des Museums wissen, den Ort wissen, ihn erreichen und auch betreten können. Pragmatisch vorgehend können wir mit den Begriffen 'kompatibel/inkompatibel' verschiedene Rollenspiel-Situationen des physischen Ankommens durchgehen, simulieren, oder - mit etwas Zeit und Empathie - tatsächlich an unserem Museumsarbeitsort konkret beobachten. Durchaus plausible Personenkonstellationen sind: junges Pärchen; Schuklasse 14-Jähriger, Familie mit drei Kindern von 5 bis 10 Jahren, FremdenführerIn mit einer Gruppe von 25 RussInnen mittleren Alters, Gruppe von SeniorInnen mit vier Rollstühlen. Wir können uns diese 'Ankommens'-Situationen auch unter unterschiedlichen Wetterbedingungen vorstellen. Solche Übungen zeigen die Kompatibilität/Inkompatibilität des konkreten Museumsortes mit den Bedürfnissen der BesucherInnen drastisch auf. Auch Fachliteratur, Motivations- oder Kommunikationstheorien bieten Hilfe, um die unterschiedlichen Bedingungen des 'Ankommens' zu untersuchen. Dies könnte z.B. die Maslow?sche Bedürfnis-Pyramide sein, die hilft, Voraussetzungen für Motivation entsprechend ihrer Hierarchie zu berücksichtigen (BLACK 2005 und de.wikipedia.org) oder das 'contextual model' der amerikanischen Soziologen, Lern- und Erkenntnistheoretiker John Falk und Lynn Dierking, das Übereinstimmung von physischem, persönlichem und sozialem Kontext als unabdingbare Bedingung für persönliche Relevanz eines Museumsbesuchs sieht (FALK & DIERKING 2000). Die US-Amerkanische Visitor Services Association hat eine hilfreiche 'Visitors Bill of Rights' erstellt. Die ersten 3 Punkte dieser Liste der BenutzerInnen-Grundrechte betreffen das 'Ankommen' (BLACK 2005, 32): 1. Kommen Sie meinen körperlichen Grundbedürfnissen entgegen (Komfort, Wohlfühlatmosphäre, Temperatur und Sitzgelegenheiten). 2. Machen Sie es mir leicht, mich zu orientieren. 3. Geben Sie mir das Gefühl, willkommen zu sein. Solchen Forderungen wird mit deutlicher Wegführung zum Museum begegnet, mit Beschilderung, Wegleitung und Überlegungen zum Parkplatz, Zugangs- und Wartebereich (Regenschutz; Lift; Besucher mit besonderen Bedürfnissen), Garderobe, klarer Innenraumgliederung, Besuchsorientierung, Leitsystem, entsprechendem Raumklima, kontrolliertem Lärmpegel, Kinderfreundlichkeit, Behindertenfreundlichkeit, Toilettenanlagen, Restaurant, Schrift- und Bildinformation, Lichtführung, Objektpräsentation, Übersichtlichkeit, Erreichbarkeit. Wichtige Verstärker für ein gelungenes 'Ankommen' sind neben einem besonderen, sehenswerten Gebäude visuelle Vorinformation, Wiedererkennen (Stimmigkeit, Qualität und Ton des medialen Werbematerials, Aussehen und CI auch der Website), Übereinstimmung mit der tatsächlichen, willkommen-heißenden Atmosphäre und der freundlichen Besuchssituation.
Der erste Eindruck Entscheidend bleibt der erste Eindruck bei den Erstbesuchern und den (noch nicht gewonnenen) Passanten, der 'Appeal' der Eingangssituation: Was geschieht im Moment des Ankommens? Orientierung, Ticket-Kauf; auskunfts-freundliches und hilfsbereites Personal (Welche Gesichter und menschliche Stimmungen erleben die Besucher? Am Ort? Vorher? Am Telefon?). Natürlich sind all diese Aspekte ausschlaggebender Teil der 'Sprache des Museums', dem Thema des 17. Ö. Museumstages 2005. ('neues museum' 05/4 & 06/1, 82ff.) Nehmen wir an, Fahrplan, Technik, Logistik, Planung, Interessenslage - alles stimmt. Alle sind gekommen, physische Präsenz ist gegeben. Nun werden andere Momente, die der Museumssemiotik ausschlaggebend. Sind alle kompetent im Ungang mit den vielfältigen Zeichen und Zeichensystemen, die an diesem Ankommens-Ort gegeben sind? Verstehen sie diese Zeichen und Sprachen für die eigene Praxis zu nutzen? Unverbrauchtes "Neuland" Für Paul Valéry (1871-1945) schien schlüssig, es komme auf den Eintretenden an, ob das Museum 'Schatzhaus' oder 'Grab' sei. (Spruch über dem Eingang ins Musée de l?Homme, Palais Chaillot, Paris) Dies lässt sich in unserer offenen, post-postmodernen Wissens- und Informationsgesellschaft so sicher nicht mehr sagen. Ein solches An- und Abrufen einer beschaulich-konzentrierten Bildungshaltung ist aktuell nicht tragfähig. Die Angebote müssen heute anders formuliert sein - einem produktiv-kommunikativ-konstruktivistischen Prinzip entsprechend und geprägt vom Wissen um die gesellschaftlich-strukturellen Veränderungen. Alles, was den Menschen vor Ort längst selbstverständlich ist und durch deren Wahrnehmungsfilter absinkt, stellt unverbrauchtes 'Neuland' für die BesucherInnen dar und ist somit 'hochprozentig' bedeutungsvoll. Dies gilt besonders in einem Museum wie der Österreichischen Galerie Belvedere mit mindestens 80 Prozent EinmalbesucherInnen aus aller Welt. Das 'Ankommen' im Museum ist voller Erwartungen, Neugier, Hoffnungen, Unwissen, Unsicherheit, Vorfreude. Diesen Haltungen und Bedingungen entgegenzukommen, sie zu bestätigen, zu bestärken, zur Entfaltung zu bringen, ist Aufgabe und Thema der MuseumsmitarbeiterInnen in Zusammenarbeit und mit Hilfe der Kunst von Architekten und Gestaltern.
Transparenz der Angebote BesucherInnen - 'am richtigen Platz und willkommen' - wollen unmittelbar spüren, dass sie an einem ganz speziellen Ort angekommen sind. Sie wollen durch Information und strukturierte Angebote das Potential dieser Einmaligkeit erfahren und kompetent gemacht werden, um aktuell ihre persönliche Wahl zu treffen, entsprechend dem Motto: 'Wie genieße ich, was dieses Museum mir bietet?'. Hier wiederholt sich die Frage nach sozial-kultureller Präsenz, nach persönlich relevanter Begegnung in der Institution Museum, hier werden Inhalte und Angebote in Sammlung oder Sonderausstellung zum tragenden Element. Jede Situation erfordert das genaue Hinsehen, Hinhören, Erspüren, Erleben, Durchplanen, Umsetzen, Evaluieren und eventuell wieder Verbessern. Alles ist im Werden. Gerade weil der Begriff 'Museum' oft mit 'unveränderlich' und 'Unveränderbarkeit' assoziiert wird, haben Falk & Dierking, die Autoren des erwähnten 'contextual model', den Aspekt des 'Panta rhei' betont, Herakliths "Alles fließt, nichts bleibt, noch bleibt es je dasselbe". Wir wissen, das Konstrukt 'Museumsbesuch' mit den Phasen ANKOMMEN-DASEIN-WEGGEHEN, muss eigentlich immer in einer vierten, zeitlichen Dimension des sich ständigen Veränderns gedacht werden. Text: Mag. Dr. Hadwig Kräutler, Österreichische Galerie Belvedere, Wien, Abteilung Museologie/Konzepte/Projekte Dank für Abbildungsrechte und -bearbeitung geht an zahlreiche MuseumskollegInnen und EDV-Belvedere. Literatur: BLACK, G., The Engaging Museum. Developing Museums for Visitor Involvement (2005), 33. BOURDIEU, P., Distinction. A Social Critique of the Judgement of Taste (1984) FALK, J.H. & DIERKING, L.D., Learning from Museums: Visitor Experiences and the Making of Meaning (2000)
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