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neues museum - 2005/4 & 2006/1
Forum 1: Objekt & Atmosphäre
Wirkung und Einfluss von szenographischen Gestaltungsmitteln auf die Vermittlung von Inhalten im inszenierten Raum

Uwe R. Brückner

Wenn ich von inszeniertem Raum spreche, dann nicht auf der Basis aktuell polemischer Diskussionen, die die guten, weil authentisch ausstellenden Auratiker auf der einen Seite und die gefährlichen, weil die Kuratoren entmündigenden Inszenierer auf der anderen Seite sieht. Das ist eine Polarisierung, die, wie ich glaube, künstlich herbeigeredet wird, ein ideologisiertes Schubladendenken, das nur ausgrenzender Vorwand für merkantile Interessen ist.

Ich glaube, eine gute zeitgemäße Ausstellung benutzt immer inszenatorische, als auch traditionell architektonische Gestaltungsmittel. Die viel zitierte Wunderkammer als Ursprung allen Sammelns und Ausstellens wird oft missbraucht als Alibi für rein objektbezogenes, auratisches Ausstellen. Obwohl doch gerade die Wunderkammer des 18. und 19. Jahrhunderts ein hochinszenatorisches Gestaltungsbeispiel ist, das ganze Generationen von Gestaltern mit Inszenierungsideen versorgt hat.


Ausgewählte Beispiele

Einige wenige ausgewählte Beispiele können das Potential inszenierter Räume und Ausstellungen aufzeigen und lassen erschließen, wie durch den dadurch erzielbaren Mehrwert, verborgene auratische Qualitäten von Exponaten aktiviert und dadurch Besucher für abstrakte oder komplexe Themen interessiert werden können.

Eines der konsequentesten und gelungensten Beispiele für eine inszenierte Ausstellung mit sowohl ästhetischem als auch pädagogischem Anspruch ist das Naturhistorische Museum in Paris – das Muséum national d'Histoire naturelle. Dort findet, der für eine erfolgsversprechende Ausstellung notwendige Dialog zwischen traditioneller Substanz und zeitgemäßer Inszenierung statt.

Im entkernten, neu organisierten großen Saal, mit seiner vertikal-thematischen Anordnung, sind Meerestiere im Keller und Vögel gemäß ihrer Lebensräume bis unters Dach verteilt. Dazwischen ist in der großen Halle der Archezug der Tiere als theatrale Geste inszeniert, die längst ikonographisches Wahrzeichen des Hauses geworden ist. In diesem neu gestalteten, wie auch im historischen, restaurierten Teil wird den Exponaten überall der notwendige Respekt zuteil, und das trotz zweier historisch völlig unterschiedlicher Gestalterhandschriften.
Allen inszenierten Räumen mit dem Anspruch auf ein "Gesamtkunstwerk" liegen in der Summe, künstlerisch schlüssig initiiert, die gleichen Raumparameter zu Grunde: der physisch-substantivische, der narrativ-verbische, der atmosphärisch-adjektivische sowie der dramatisierte Raum. Diese Raumparameter sollen im Folgenden anhand von Inszenierungsbeispielen genauer beschrieben und ihr Wahrnehmungs- und Wirkungspotential erläutert werden.

Alle diese Parameter haben natürlich einen gemeinsamen Bezugspunkt: ihre Bestimmung, möglichst adäquaten Raum für den Inhalt – die auszustellenden Objekte und die intendierten Botschaften – zur Verfügung zu stellen.
Wenn wie beim Jüdischen Museum Berlin, die Architektur bereits gebaute Botschaft ist, wird die Dialogfähigkeit zwischen dem Gebäude – also dem physischen Raum – und dem Inhalt besonders wichtig.
Das funktioniert solange, wie Raum und Ausstattung das gleiche Ziel verfolgen.
Es kann dann grenzwertig kompetitiv werden, wenn die beiden Autoren unabhängig voneinander ihre eigene Handschrift verfolgen.

Dass selbst genügende, autistische Architekturskulpturen schwer zu bespielen sind, weiß man spätestens seit Coop Himmelb(l)aus Pavillon des Groninger Museums oder Frank Gehrys zentraler Halle des Guggenheim Bilbao. Wenn dann dazu noch ein hochdotierter Kurator aus Übersee kommt, mit seinen gutbürgerlichen Vorstellungen, kann es zu merkwürdigen Überlagerungen kommen.
"Weniger ist mehr!" wird dann gerne gefordert, oder "Ästhetik statt Inszenierung!" Neben der Frage warum hier ein Gegensatz bestehen soll, stellt sich vor allem die Frage: Ist das die Lösung – oder nur ein anderes ideologisches Extrem? Oder: Wird da nicht Ästhetik mit Ästhetizismus verwechselt – und heraus kommt eine pathologische Distanz zwischen Exponat und Besucher?

Nicht die Museen müssen wieder elitär werden, sondern das Profil der Museen muss wieder individuell, unverwechselbar und damit exklusiv werden, statt sich in Budget fressenden Vitrinenorgien zu verlieren, in denen Objekte stumm, isoliert und kontextlos vor sich hin archivieren. Ausstellungen machen heißt Inhalte aufschließen und nicht Objekte wegsperren.


Die vier grundlegenden Gestaltungsparameter:

• Raumparameter 1 / Gestaltungspotentiale des physischen Raumes

Die Bestimmung eines Raumes erfolgt durch seine Umgrenzung, die Ausgrenzung des Umfeldes, die Eingrenzung des Handlungs-, Denk- und Spielraumes, sein Volumen, seine Dimension, seine Raumhülle und ihre haptische Materialität, seine Beleuchtung und sein akkustisches und narratives Potential. Wand, Boden und Decke bilden durch ihr Material und ihre Oberflächen Orte, mit großem Einfluss auf das Milieu in dem Inszenierungen stattfinden sollen.
Der Dialog zwischen Architektur und Ausstellung und deren funktionellem Auftrag handelt vom Ort, dem WORIN und dem Inhalt, dem WAS. Aus diesem Anspruch hat sich unser Credo „form follows content“ entwickelt.
Ein kongeniales Beispiel im Sinne eines Gesamtkunstwerks mit höchstem ästhetischem Anspruch, konnte ich vor einigen Jahren auf Einladung eines indischen Kollegen und Freundes besuchen: das Jantar Mantar Observatorium in New Delhi. Die Funktion eines Observatoriums architektonisch attraktiv umgesetzt, den inhaltlichen Auftrag, mathematische Berechnungen zu visualisieren und eine funktionale wie theatrale Begehbarkeit zu ermöglichen, zeigt dieses Ensemble auf beeindruckende Weise.

Abb. 1: Westfälisches Museum für Archäologie, Herne: "Römische Invasion" Abb. 2: Westfälisches Museum für Archäologie, Herne: "Evolution"


Westfälisches Museum für Archäologie in Herne (Abb. 1 und 2)

Ein etwas weniger spektakuläres, jedoch sehr ambitioniertes Beispiel für die selbstbewusste Darstellung der Archäologie in Westfalen, ist in Herne zu besichtigen. Hier gehen die untertage liegende Ausstellungshalle und die Ausstattung einen Dialog ein.

Das Konzept basiert auf einer integrativen statt additiven Gestaltung. Ein begehbares archäologisches Grabungsfeld, auf dem sich die Besucher frei bewegen können, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit, Exponate, die häufig im originalen Fundkontext gezeigt werden können und eine Didaktik, die sich in Form konzentrierter Informationsvermittlung, in unmittelbarer Nähe der Fundsituation befindet, bilden ein gemeinsames gestalterisches Ganzes, eine gut einsehbare Grabungslandschaft auf 2.400 qm.
Selbstverständlich gibt es in der Ausstellung auch klassische Vitrinen, aber auch diese wurden als inhaltsunterstützendes Gestaltungsmittel eingesetzt. In der Installation zur kurzen Phase der römischen Intervention in Westfalen zieht die (Vitrinen-)Marschkolonne ein und hinterlässt letztendlich nur einen Sohlenabdruck (im Boden versenkte Vitrinen im Vordergrund).

Eine Keramikinstallation zeigt die restaurierten Exponate in dreidimensionaler Fundlage und statt einer Schrankvitrine mit mühsamem Nummernsuchspiel genügt ein Tastschutz in ausreichend geringer Entfernung.
Die vielen in-situ Fundsituationen und der direkte Kontakt zu den Exponaten ist besonders bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt. Wertvolle Fundstücke, wie die Schädelfragmente von Neandertaler und Homo sapiens sind exklusiv in einem 4 x 4m großen Kubus inszeniert, in individuell maßgeschneiderten Vitrinen platziert, die in ihrer Umgebung zurücktreten und den Focus auf die Exponate und ihre raumgroßen Computertomographie-Rekonstruktionsfotos verstärken.

Was für permanente Ausstellungen gilt, gilt auch für temporäre Ausstellungen, wenn es darum geht ein symbiotisches Verhältnis zwischen bestehendem Raum und der Ausstattung herzustellen.


Abb. 3: "Menschen, Zeiten, Räume" im Martin-Gropius-Bau, Berlin: Projektion im Innenhof Abb. 4: "Menschen, Zeiten, Räume" im Martin-Gropius-Bau, Berlin: Inszenierung eines Slavenbootes

Menschen, Zeiten, Räume. Archäologie in Deutschland / Martin-Gropius-Bau, Berlin (Dez. 2002 bis März 2003, Abb. 3 und 4)

Die Wirkungsweise von Ort, Raum, Ausstellung und Inhalt zeigt die zentrale Installation im Innenraum des Martin-Gropius-Baus in Berlin für die große nationale Archäologieausstellung.
Eine Großprojektion, mit dem Motiv des zerbombten Zustands des Martin-Gropius-Baus von 1945 in Überblendung mit dem Urzustand und der restaurierten Nachkriegsfassade, ermöglicht einen unmittelbaren assoziativen Zugang zum Ausstellungsthema Archäologie und dem Gebäude, das vor dem Krieg die Archäologiesammlung beherbergte.
Der Bombenschutt in 300 Fundkästen aus den 20 Bundesländern in der Outline der Bundesrepublik Deutschland verweist auf die nationale Bedeutung, die regionale Verantwortung und den wissenschaftlichen Auftrag der Archäologie für die Gesellschaft. Der inszenierte Raum wird Zeuge und Träger von Bedeutung.

Was für den großen räumlichen Kontext gilt, funktioniert auch im Objekt-Inhalt-Verhältnis, wie das Beispiel der Grube Messel mit präparierten Funden und authentischem unbearbeitetem Schiefer zeigt, oder das Gräberfeld von Lauchheim, dessen Grabungsplan einen Raum im Raum bildet. Darüber sind die Funden über den jeweiligen Befundzeichnungen arrangiert.
Bei der Inszenierung eines Slavenbootes sprechen die Exponate (Faksimiles) in der Tat für sich selbst. Die Plankennägel in ihrer ursprünglichen Positionierung rekonstruieren nicht nur die Form des ehemaligen Bootes sondern auch dessen Aura quasi unmittelbar aus dem Grabungsprofil.


• Raumparameter 2 / Wirkung des narrativ-verbischen Raumes

Wenn der Raum selbst zum Träger von Information wird, wenn durch Text, Grafik, Wort und Bild der Raum zum erzählenden Medium wird, entsteht ein unmittelbarer Dialog zwischen Raum und Rezipient, entsteht eine begehbare Story.

Durch seine autarke Beweglichkeit in einer Ausstellung kann der Rezipient die Geschichte in ihrer Abfolge beeinflussen und verändern. Das Auslösen und das Erlebbarmachen ist Aufgabe der Szenographie.
Man kann hier vom verbalen Volumen oder der gebauten Botschaft sprechen: der narrative Raum als Antwort auf die Frage nach der Information, der Botschaft, der Raum und das WAS die Erzählung und das WOVON.
Je komplexer der Inhalt und je anspruchsvoller das Thema, umso leichter sollte der Zugang dazu sein. Die Aufgabe der Gestaltung ist es, diese Inhalte innerhalb einer räumlichen Wahrnehmung zu codieren, d.h. Inhalt oder Botschaft auf den Punkt zu bringen, assoziative Chiffren zu erfinden und deren Auflösung möglichst attraktiv in Aussicht zu stellen. Der Zugang der Inhaltsvermittlung erfolgt dann durch interaktives Decodieren dieser gestalterischen Chiffren, durch entsprechende Schlüssel für den intuitiven, kognitiven oder explorativen Rezipienten.

"Liebe.komm, Botschaften der Liebe" / Museum für Kommunikation Frankfurt (2003) Abb. 5

Bei der Ausstellung „Liebe.komm“ im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main 2003, hatten wir den ganzen Ausstellungsraum mit einem Liebesroman in roter Typo bedruckt, der versteckte Zitate in grüner Typo enthielt. Die Botschaften, Liebesbriefe, Erotik und Zitate der Leidenschaft decodieren sich erst durch den Blick durch die „rosarote Brille“. Durch diese subtile Ansprache und den gezielten Einsatz von Texten als Botschaften und deren Anordnung in der Ausstellung als Leitsystem zur Besucherführung wird der Reipient selbst Teil der Inszenierung. Die Story, die Narration selbst generiert die Szenographie.


Abb. 5: "Liebe.komm", Museum für Kommunikation Frankfurt: Besucher als Teil der Inszenierung Abb. 6: Schloss Dyck: Herbarium

Ausstellungen zur Gartenkunst / Schloss Dyck (2003) Abb. 6

Üblicherweise kann von einem Buch nur eine Doppelseite ausgestellt werden. Der ganze große Rest wird dann meist in eine prosaische Zusammenfassung gepackt. Der größte Teil des Inhalts und der Gesamteindruck bleiben so verborgen. Auf Schloss Dyck wurde für die "Ausstellung zur Gartenkunst" ein kompletter Raum aus den von Fürst Joseph verfassten Büchern generiert. Die Originale, konservatorisch optimal versorgt, waren prominent in der Mitte des Raumes platziert, umgeben von der Reflektion ihrer eigenen Aura in Form sämtlicher Seiten als hinterleuchtete Faksimiles.
Mit dem Effekt, dass sich die Besucher im Durchschnitt ca. 20 Minuten durch den Raum lesen. Mit diesem szenographischen Kunstgriff wird Lesen zum explorativen Erlebnis und nicht zur ermüdenden Pflicht.

Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart (Abb. 7 und 8)

Nicht alle Themen können wie in archäologischen Museen über Exponate transportiert werden. In 200 Jahren Landesgeschichte stecken oft politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse. Diese sind, das gilt besonders für die Zeitgeschichte, meist an Protagonisten und deren Biographien gebunden und das fordert wiederum einen narrativen Zugang zu diesem Metier.
Die starke partizipatorisch angelegte Dauerausstellung im Haus der Geschichte Baden-Würrtemberg eröffnet mit einem überraschenden Prolog. Eine begehbare interaktive Landkarte mit den vornapoleonischen Besitz- und Machtverhältnissen lässt die Besucher erfahren, wie die politische Flurbereinigung Napoleons den deutschen Südwesten zu Gunsten der Häuser Baden und Württemberg veränderte und welchen Preis die dafür bereitgestellten Soldaten im Russlandfeldzug zahlen mussten

Ein inhaltlich und gestalterisch anspruchsvolles Beispiel für eine narrative Rauminstallation stellt der Bereich der zwei Weltkriege dar. Diese beiden Zeitfenster sind lediglich mit einer 10mm starken transluzenten Glaswand voneinander getrennt, auf die jeweils zur Hälfte gleichzeitig Bilder des I. und des II. Weltkrieges projiziert werden. Eine Metapher, die unkommentierend die Wechselwirkungen der beiden Desaster aus der Sicht der Nachgeborenen assoziiert, eine narrative Wand die den Raum physisch trennt aber inhaltliche Bezüge ermöglicht.
Beim Raum zum Thema Wirtschaft stecken in vielen Exponaten, wie z.B. dem Steiff-Teddybären, unterschiedlich viele und interessante Geschichten. Der Besucher kann sie mittels einer interaktiven, Monitor gesteuerten Kamera abrufen. Dieses sehr beliebte System appelliert erfolgreich an die natürliche Neugier der Besucher.


Abb. 7: Haus der Geschichte Baden-Württemberg: Interaktive Karte Abb. 8: Haus der Geschichte Baden-Württemberg: Wirtschaft

Besonders historische Museen bewahren eine ungeheure Menge an Sekundärobjekten, wie Hörspiele, Interviews, Tagebücher, Musikkonserven und Texte auf.
Diese zunächst schwer vermittelbar erscheinenden Exponate bilden eine spannende Ressource. Die Baden-Württemberg-Lounge am Ende des Ausstellungsparcours nutzt gerade dieses vergessene Material und komponiert daraus einen 360°-Film – "Kulturlandschaften", eine Collage aus einem spektakulären Helikopterflug und Interviews mit Kulturschaffenden aus dem deutschen Südwesten.


• Raumparameter 3 / Wahrnehmung im atmosphärisch-adjektivischen Raum

Ein wichtiger, oft als rein emotionaler Zugang missverstandener Raumparameter ist die Raumatmosphäre. Durch das Herstellen entsprechender Raummilieus mittels assoziativer Raumbilder wird der Zugang zu komplexen Themen erleichtert, die Affinität der Besucher zu vermeintlich uninteressanten oder komplexen Themen gefördert.
Durch die Nutzung der atmosphärischen Aggregatszustände des Raumes kann selbst das nicht Ausstellbare erlebbar gemacht werden. Es entsteht im besten Falle eine Dialektik zwischen dem Objekt, der Raumatmosphäre und dem zu transportierenden Thema. Der empfundene Raum unterstützt die Bereitschaft, sich Inhalten intuitiv und explorativ zu nähern statt nur über die cognitive Erfahrung. Eine besondere Rolle beim Generieren assoziativer, imaginärer Raumeindrücke oder tatsächlicher Raumbilder spielt hier die Dialektik zwischen real und virtuell. Im Spannungsfeld zwischen Intention und Wirkung, zwischen Ort, Inszenierung und Rezipient stellt sich die Frage nach dem Ort und dem WIE.

"Expedition Titanic" / Speicherstadtmuseum Hamburg (1997) Abb. 9

"Kneeplays" nannte Robert Wilson seine Zwischenspiele zwischen zwei Szenen oder Bildern eines Theaterstücks. So nannten auch wir die atmosphärisch dichten, textfreien Kunsträume, die einigen wenigen Exponaten gewidmet waren. In diesen konnte durch eine unerwartet unmittelbare Inszenierung eine äußerst intensive Beziehung zwischen Exponat und Besucher aufgebaut werden. Unerwartet, verstörend aufdringlich, lichtüberflutet mit einem seltsam drückenden Ton aus dem Off präsentiert sich der sogenannte "Champagnerraum". Ein Unraum ohne Konturen, ohne Ecken und ohne Dimension. Die zwei Exponate, ein Arbeiterschuh und sechs original verkorkte Champagnerflaschen in knappen, maßgeschneiderten Vitrinen scheinen im stillen Dialog, in einem Lichtblock gefangen.


Abb. 9: „Expedition Titanic“, Speicherstadtmuseum Hamburg: Champagnerraum

Sehr sophisticated und übersetzerisch war die Inszenierung der Funkmeldungen von und zur Titanic als Timeline im zentralen Flur der Ausstellung. Unterschiedlich schnell eingestellte Metronome, im Kontext mit den Funksprüchen, assoziierten die immer schneller ablaufende Zeit der Titanic.
15 Themenkabinette später, gegen Ende des Parcours, zeigt sich ein anderer Raum, aber mit erkennbar verwandter Intention, der sogenannte Mythosraum. Ein runder, selbstreflexiver heller Raum mit einem einzigen Exponat im Zentrum: einer Glocke, wie sie Frederic Fleet geläutet hatte, bevor die Titanic den Eisberg rammte. Überhöhte Stühle an den konzentrischen Wänden sollen das geräuschvolle Scharren mit den Füßen im weißen Kies, der den Bodenbelag bildet, verhindern und verlangen vom Rezipienten Konzentration auf die aus der Wand dringenden Berichte über Schiffsunglücke. Es entsteht ein wortloser aber rücksichtsvoller Dialog zwischen den Sitzenden und den Stehenden und der bedeutungsgeladenen Raumatmosphäre.


• Raumparameter 4 / Wirkung und Reflektion im dramatisierten Raum

Der vierte, den Faktor Zeit bewusst instrumentalisierende Raumparameter betrifft den rhythmisierten, choreographierten Raum mit Spannungsbogen, die dramaturgisch geschickt gewählte Abfolge von Narrationen, die Gliederung nach dramaturgischen Strukturen und den synchronisierten Einsatz aller Medien.
Der dramatisierte Raum als Antwort auf die Frage nach dem Ort und seiner Verwandlungsfähigkeit, nach der Zeit als Gestaltungsfaktor, nach dem Ort, seiner Wahrnehmung und der Wirkung auf den Rezipienten und dessen Reflexionspotential.

Mit dem dauerhaften Einsatz moderner, digitaler Medien in Ausstellungen können seit einigen Jahren auch Themen dargestellt werden, die nicht dinglichen Ursprungs sind, wie historische Ereignisse, Biographien oder Schicksale dokumentiert in Form von Texten, Film oder Hörspielen. Wie das Projekt "Grenzen (er)leben" zeigt, kann mit dramatisierten begehbaren Installationen auch das eigentlich nicht Ausstellbare erlebbar gemacht werden.


Abb. 10: "Grenzen (er)leben", Expo.02, Arteplage, Biel: Außenansicht Abb. 11: "Grenzen (er)leben", Expo.02, Arteplage, Biel: Innenraum


"Grenzen (er)leben" / Expo.02, Arteplage Biel (Abb. 10 und 11)

Beim Projekt "Grenzen (er)leben" war nicht nur das Thema, sondern der ganze Gestaltungsprozess eine grenzwertige Angelegenheit. Den Schweizer Kulturvertretern der acht Grenzkantone ging es nicht darum physische, politische oder gesellschaftliche Grenzerfahrungen darzustellen – so wie von uns im Wettbewerb vorgeschlagen – sondern um die Auseinandersetzung mit sperrigen, individuellen, schicksalhaften Grenzerfahrungen aus den Randbereichen der Gesellschaft.

Glücklicherweise hatte die Expo.02 im Vergleich zur Expo Hannover einen wesentlich höheren künstlerischen Anspruch formuliert, sodass durchwegs anspruchsvolle Themen – staatlich subventioniert – interpretiert und diese künstlerisch umgesetzt werden sollten Im zentralen, 12 x 14m großen, Innenraum eines in einem Wald von Schlagbäumen schwebenden Kubus mit einer Grundfläche von ca. 20 x 20m wurde eine 360° Panoramaprojektion auf transluzenter Folienhaut gezeigt.
Wie sollte man Gewalt in der Familie, Working Poor, Cloning, Invalidität oder Transsexualität auf einer Expo einem Publikum anbieten, das mit Kind und Kegel eine Menge Eintritt bezahlt um kurzweilig und abwechslungsreich unterhalten zu werden? Die Antwort in diesem Fall lautete mittels Codierung tatsächlicher Geschichten als Hörspiele und einer Entindividualisierung der Protagonisten.

Hinter dem Projektionsraum, durch Schlitze in der Membran betretbar, konnten die Besucher in 28 Kabinen sieben verschiedene Hörspiele in vier verschiedenen Sprachen verfolgen und gleichzeitig die synchronisierten Projektionssilhouetten der dazugehörigen Protagonisten betrachten. Der Innenraum wurde zum dramatischen Erzählraum, der je nach Standort des Betrachters entweder zwischen dem individuellen Schicksal in den Kabinen und dessen öffentlicher Relevanz in der Gesellschaft in Gestalt einer Ganzraum-Projektion wechseln konnte und die Geschichten dadurch jeweils eine andere Bedeutung bekamen. Die Gunst der Besucher und der Medien für diesen Pavillon zeigt, dass auch unpopuläre Themen durch anspruchsvolle Inszenierungen ein breites Publikum finden.


Abb. 12: "Expedition Titanic", Speicherstadtmuseum Hamburg: Raum der Stille


Epilog
Mit dem letzten Beispiel (Abb. 12), dem "Raum der Stille" der vielzitierten Titanic-Ausstellung, darf ich zusammenfassen welchen Einfluss inszenierte Gestaltung auf Wahrnehmung und Wirkung im Museum haben. Diese Ausstellung hatte nur ein Ziel, die darin ausgestellten Exponate optimal und wirkmächtig in Szene zu setzen. Hier zieht sich der minimalistisch dunkle Raum in undefinierbare Dimensionen zurück; mit einem künstlichen Horizont aus winzigen Lichtern, wie diese von den Überlebenden in den Rettungsbooten gesehen wurden. Die Vitrinen, schier unsichtbar, scheinen im Nachtdunkel zu schweben. Die Inszenierung lässt durch diese absolute Reduktion des Environments genügend Assoziationsspielraum für die Besucher bei maximaler Konzentration auf den Inhalt.

Objektbezogenes, auratisches Ausstellen ist also KEIN Widerspruch zum inszenatorischen Gestalten. Das "Entweder Oder in der Inszenierung" – das klingt nach flacher, opportunistischer Polemik mit dem Ziel innovative Kuratoren und Gestalter von lukrativen Budgets großer Museen mit vermeintlich konservativer Haltung fernzuhalten.
Zeitgemäß gestalten heißt inszenatorisch gestalten. Man kann nicht nicht inszenieren. Selbst ein einzelnes Reiskorn in einer Vitrine platziert, entsprechend ausgeleuchtet und mit dem notwendigen Informationshintergrund versehen, bedeutet: Inszenierung.
Selbstverständlich ist Inszenieren eine Frage der Dosierung, ist abhängig vom ökonomischen und qualitativen Einsatz gestalterischer Mittel um ein wirkungsvolles und zeitgemäßes Milieu für Ausstellungen, um ihrem Vermittlungsauftrag gerecht zu werden, und die Begeisterung bei Besuchern auch für vermeintlich komplexe oder unattraktive Themen zu erzeugen.

Text:
Prof. Uwe R. Brückner, Atelier Brückner GmbH, Stuttgart;
Architekt und Bühnenbildner, Prof. für Ausstellungsgestaltung und Szenographie an der HGK Basel

Fotos:
Atelier Brückner, Stefan Brentführer, Uwe Ditz, Bernd Eidenmüller, Peter Studer

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