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neues museum - 2005/4 & 2006/1
Thema - Museumstag 2005 - "Die Sprache des Museums"
Bekenntnisse eines Infotainment-Freaks

Hans-Albert Treff

"Der Besucher kommt nicht, um Wissenschaft zu betreiben; er sucht vor allem nach Zerstreuung, wobei er freilich keineswegs abgeneigt ist, sich beim Amüsieren gleichzeitig zu informieren."
(Jules Simon)

Wien, Wien, nur du allein...
Es ist mir eine Ehre, aber auch ein großes Vergnügen, etwas zum 17. Österreichischen Museumstag beitragen zu dürfen. Ich will auch ohne Umschweife verraten, warum mich die Einladung nach Wien so erfreute. Da rundet sich etwas ab: Der 17. November 2005 ist mein 65. Geburtstag und 13 Tage später findet die "Beförderung" in ein Pensionärsamt statt.
Wien also als letztes Gastspiel zu Dienstzeiten. Wien spielte aber auch während meines musealen Lebens eine Rolle und sogar schon vorher. Zu Letzterem zitiere ich aus dem kleinen Berufsbild "Auf den Saurier gekommen – 17 Jahre Museumsplanung", das ich 1989 auf Wunsch des Verbandes Deutscher Biologen für dessen Mitteilungen in der Naturwissenschaftlichen Rundschau verfasste. Das war ziemlich genau zur Halbzeit meines Museumslebens.

"Das erste Museum, das ich in meinem Leben zu Gesicht bekam, war das Naturhistorische Museum in Wien. Es war im Jahr 1962. Meine Empfindungen in den düsteren Sälen mit lauter toten Tieren, ausgestopft, in Alkohol, als Skelette oder gar versteinert, waren Langeweile, Beklemmung und Ablehnung. Und hätte mir damals eines der Dinosaurier-Knochenmonster glaubwürdig ins Ohr geflüstert, dass ich 10 Jahre später selbst in einem Museum tätig werden würde, hätte ich umgehend meine sechs Semester Biologiestudium an den Nagel gehängt und umgesattelt ..."

So eine despektierliche Beurteilung outet man natürlich viele Jahre später gerne vor dem Hintergrund wohltuender kollegialer Kontakte mit den Direktoren des Naturhistorischen Museums Wiens, ob Paget, Kollmann oder Lötsch, sowie der Anregungen, die man sich dann ja immer wieder in diesem Haus geholt hat.

Einige Bemerkungen zum Titel des Beitrags
Bekenntnisse sollen eine individuelle Selbstanalyse mit bekennendem Charakter sein, am besten ein Geständnis oder ein Schuldbekenntnis darstellen. Da sollten die Erwartungen nicht allzu hoch angesetzt werden!
Eine weitere Bekenntnisoption ist aber auch der emphatische Aspekt, nämlich das überzeugte Engagement und das nachdrücklich begeisterte Eintreten für etwas.

Was aber ist ein Freak? Im guten alten Englisch ist es immer noch eine Laune der Natur, eine Missgeburt, oder jemand mit einer absonderlichen Persönlichkeit. Eine positive, liebevolle Wortbedeutung im Sinne des emphatisch Bekennenden hat sich vor allem im Deutschen manifestiert – und so bitte ich, meinen "Freak" zu interpretieren.

Ähnlich schaut es mit dem "Infotainment" aus. Ursprünglich war dies im Amerikanischen eine kritische Bezeichnung für die Bemühungen der Fernsehleute, jegliche Information – ob zu Politik, Kultur, Erziehung oder Bildung auf möglichst unterhaltsame Weise darzubieten, was immer mehr zu billiger und effekthascherischer Machart führte. "Wir amüsieren uns zu Tode" hat Neil Postman, der als Wortschöpfer des Infotainment-Begriffes gilt, sein diesbezüglich 1985 erschienenes Buch betitelt.

Aber eben auch hier hat ein Bedeutungswandel stattgefunden. Im positiven Sinne verstehe ich daher Infotainment im Museum als eine Methode, an den Besucher heran zu kommen und ihn zu motivieren, sich an dem Gebotenen emotional zu beteiligen. Dies mit der ganzen Palette möglicher Emotionen – von Spaß, Freude und Staunen über Verlegenheit und Zweifel bis hin zu Betroffenheit, Angst oder gar Abscheu. Natürlich bedarf es dazu aber auch eines entsprechend großen Arsenals an Vermittlungsmethoden, denn eines ist klar: Monotonie ist ein Motivationskiller.

Der für die Pariser Weltausstellung von 1889 verpflichtete Historiker und Politiker Jules Simon hat schon damals formuliert: "Der Besucher kommt nicht, um Wissenschaft zu betreiben; er sucht vor allem nach Zerstreuung, wobei er freilich keineswegs abgeneigt ist, sich beim Amüsieren gleichzeitig zu informieren."
Den Begriff Edutainment verwende ich übrigens weniger gern, da er eine Leistung umschreibt, die wir vermutlich nicht erfüllen können.
Um vom Infotainment im Museum Mensch und Natur zu berichten, nutze ich dessen Werdegang als roten Faden.

"Mr. Gulo" und sein wahres Ich


Putziges und Nervöses zum Auftakt
Der offizielle Startschuss für unser Museum erfolgte 1970. In München hatte es seit Ende des Zweiten Weltkrieges kein allgemeines naturkundliches Schaumuseum mehr gegeben. Zunächst wurde für die zu errichtende Institution die Bezeichnung "Naturkundliches Bildungszentrum" gewählt. Da die Wiener Dinosaurier stumm geblieben waren, trieb mich 1972 das Schicksal in die Dienste dieses Bildungszentrums, für das ein Planungsstab installiert worden war. Ein Naturkundemuseum im althergebrachten Stil sollte es nach dem Willen des damaligen Generaldirektors der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, Prof. W. Engelhardt, nicht werden. Stattdessen sollten aktuelle Fachrichtungen und gesellschaftlich relevante Aspekte der geologischen und biologischen Wissenschaften vermittelt werden, einschließlich der Biologie des Menschen. Von "LifeScience" sprach damals noch niemand, aber heute ist dies eine weitgehend zutreffende Umschreibung dafür. Die methodische Konzeption sollte nach modernsten Möglichkeiten der Wissensvermittlung für jedermann attraktiv verwirklicht werden.
Mit solchen Vorsätzen konnte ich mich, der ich immer noch kein anderes Naturmuseum als das von Wien kannte, prächtig identifizieren.

Rückblickend war das erste Arbeitsjahr putzig sinnlos. Wir bastelten ein Puppenstuben-Museum mit vielen Miniaturmodellen, die mit den "raffiniertesten" Animationseffekten ausgestattet waren – von der Fotosynthese über die Alpenentstehung bis hin zum Riesenzahn, der im Zeitraffer von Karies zerstört wird.
Ich hatte aber durchaus großen Spaß an der Sache. Auf mein Nieren-Miniaturmodell z.B. war ich damals genauso stolz wie auf ein Herzmodell mit Infarktsimulierung. Etwas naiv war freilich unsere Überzeugung, dass man dies alles später einfach in größerem Maßstab würde bauen können.
Über unser Miniaturmuseum produzierten wir einen 45-minütigen Tonfilm (8-Millimeter-Format), dessen größte Stunde bei einer Vorführung vor den Abgeordneten des Kulturpolitischen Ausschusses im Bayerischen Landtag schlug. Diese ließen sich dabei ihren Leberkäse schmecken, während wir mit den Unbilden des ständigen Filmreißens an Schnittklebestellen zu kämpfen hatten.

1973 hatte ich erstmals Gelegenheit, nordamerikanische Museen und Science-Center-Institutionen zu besuchen. Interessiert war ich vor allem an Häusern, bei denen Interaktives, Funktionsmodelle und sonstige Installationen zu bewundern waren. Da gingen einem so richtig die Augen auf, durchaus verbunden mit keimender Demut, wenn man z.B. vor einem Nierenmodell mit beeindruckenden Lichteffekten (Museum of Science and Industry, Chicago) an das Bastelwerk von zuhause dachte.
In anderer Beziehung blieb dagegen eine gewisse Arroganz präsent. Vitrinen mussten schon besonders raffiniert eingerichtet sein, um Aufmerksamkeit zu wecken und um Dioramen, waren sie auch noch so gut, machte ich eher große Bögen. Deren Gattung hatte in unseren Planungsköpfen zu dieser Zeit überhaupt keinen Stellenwert.

Nachhaltig beeindruckend war vermutlich das Rendezvous mit ELIZA in der Lawrence Hall of Science von Berkeley in Kalifornien. Sie war sehr anhänglich. Ich gebe die beiderseits von gewisser Anspannung gekennzeichnete Zwiesprache in jeder Hinsicht ungeschönt weiter. Nach der ersten Kontaktaufnahme verlief sie wie folgt:


E: HELLOW TREFF, TELL ME ALL ABOUT YOUR PROBLEMS.
T: I HAVE THE PROBLEM TO VISIT MANY MUSEUMS ALL OVERN THE USA <--
E: CAN YOU ELABORATE ON THAT.
T: I HOPE, BUT CAN YOU GIVE ME ANY ADVICE TO STAND IT BETTER <--
E: DOES THAT QUESTION INTEREST YOU?
T: YES <--
E: WHAT MORE CAN YOU TELL ME ABOUT THAT?
T: ELIZA, NOW YOU MAKE IT TO EASY FOR YOU <--
E: OH, I MAKE IT TO EASY FOR YO.
T: NOT FOR ME, FOR YOURSELF <--
E: PLEASE TELL ME MORE.
T: NOW YOU CAN RUTSCH ME UP THE BUCKEL DU DEPPERTES LUADA <--
E: WHAT MAKES YOU THINK I CAN RUTSCH YOU?
T: LASS MA MEI RUAH, I MAG NIMMA <--?
E: DO YOU SAY YOU MAG NIMM FOR SOME SPECIAL REASON?
T: PFUERTI ELIZA THAT MEANS BY BY <--
E: PLEASE GO ON.


Vielleicht lässt sich ja sogar eine Kausalität finden zwischen diesem frühen tète à tète mit einer Computerdame und den über 60 heute im Ausstellungsbereich des Museum Mensch und Natur eingesetzten PC-Systemen. Damals war an so etwas freilich noch nicht einmal vage zu denken. Konkret reifte hingegen im Planungsstab für das Naturkundliche Bildungszentrum sehr bald der Gedanke, dass es sinnvoll wäre, die didaktischen und methodischen Intentionen im Rahmen eines Ausstellungs-Pilotprojektes zu testen. Mittlerweile waren die Werkstätten für ein solches Vorhaben personell und technisch ausreichend aufgebaut.

Wir planten und realisierten drei Jahre lang die Ausstellung "Nerven und Gehirn", die dann 1977 im Deutschen Museum der Öffentlichkeit erstmals vorgestellt wurde und uns ein großes Erfolgserlebnis bescherte. Nach 10-wöchiger Präsentation in der damaligen prächtigen Sonderausstellungshalle gleich neben dem Haupteingang des Museums, zeigten wir "Nerven und Gehirn" in etwas verkleinerter Form für weitere sechs Jahre in einem uns im 2. Stock zur Verfügung gestellten Ausstellungsraum.

Ein überaus wichtiger Faktor für die allgemeine Beliebtheit und Wertschätzung dieser Ausstellung waren zweifellos die vielen interaktiven Exponate, an denen man sich betätigen konnte. Ob es darum ging zu verstehen, wie das Prinzip der Erregungsleitung in Nervenfasern funktioniert, wie Nervenzellen als Rechner wirken, wie die Lage einer Rückenmarksverletzung das weitere Schicksal eines Betroffenen beeinflusst, wie ein Rückenmarksreflex abläuft oder wie Seelisches und Körperliches verzahnt sind, usw. – immer musste man selbst aktiv werden, um den Exponaten ihre Informationen zu entlocken.
Beim Gedächtnistest, beim Reaktionstest, beim Pupillen-Reflextest und weiteren Selbstversuchen waren die Besucher dann sogar noch persönlicher in den Prozess der Vermittlung eingebunden.

Generell hatten wir bei unserem Job von Anfang an das Ziel, die Besucher nicht bilden oder gar erziehen zu wollen, sondern in erster Linie gut zu unterhalten. Sie müssen nicht gescheiter nachhause gehen, aber sie sollten dahingehend zufrieden sein, wie sie ihr kostbarstes Gut, nämlich ihre Zeit investiert haben.

Interaktive Exponate sind sicherlich vorzügliche Hilfsmittel, zur guten Unterhaltung beizutragen, müssen aber freilich auch so konzipiert sein, das es Spaß macht, sich mit ihnen zu beschäftigen. Unser Reflexmann z.B. reagierte mit einem lauten "au, au, au", wenn ihm die schwere Kugel auf die Zehen fiel, und kicherte hämisch, wenn er dank vorheriger Knopfdruck-Warnung durch den Besucher seinen Fuß rechtzeitig zurückziehen konnte. Die Funktion des Kleinhirns wurde an "Johnny dem Tastenreißer" demonstriert, dem man das Kleinhirn ausschalten konnte, um zu hören, wie sich daraufhin sein Klavierspiel verändert. Das "Ungeheuer von Loch Ness" schließlich wurde zum Testen der Reaktionszeit eingesetzt und blieb nur dann brüllend eine Weile sichtbar, wenn man bei seinem plötzlichen Auftauchen entsprechend schnell reagierte.

Let’s Make a Museum
Natürlich hatten wir gehofft, dass ein Erfolg dieses Pilotprojektes "Nerven und Gehirn" die Errichtung eines Museumsgebäudes für uns maßgeblich fördern und beschleunigen würde. Dies trat aber nicht ein. Es fand zwar 1980 ein Wettbewerb statt, dessen Ergebnis ein vorzüglicher Museumsentwurf des dänischen Architektenteams Dissing & Weitling war, aber diesen zu verwirklichen, erwies sich letztlich aus finanziellen Gründen als unmöglich. 120 Millionen Mark Baukosten waren auch schon damals schrecklich viel Geld – zumindest für ein Naturmuseum. 1982 fiel die Entscheidung, das geplante Traumschloss vorerst nicht zu realisieren. 1984 gab es dann wenigstens grünes Licht, den Nordflügel eines echten Schlosses, nämlich von Schloss Nymphenburg, zu nutzen. Hinzu kam die Bereitstellung von vier Millionen Mark zur Renovierung der 2.500 qm großen Räumlichkeiten.

Ab nun konnte geplant und realisiert werden, was 1990 unter der Bezeichnung Museum Mensch und Natur eröffnet wurde. Es waren die Abteilungen:

1. "Erdkruste im Wandel", 2. "Bunte Welt der Minerale", 3. "Geschichte des Lebens", 4. "Nahrung für die Menschheit", 5. "Von der Vielfalt der Arten", 6. "Spielerische Naturkunde - nicht nur für Kinder", 7. "Von der Art des Menschen" sowie 8. "Nerven und Gehirn II".

Im Sinne des Bekenntnischarakters dieses Beitrages hier nun dazu einige punktuelle Anmerkungen:

Ad 1.: Als Einstimmung in die Geologieabteilung, aber auch in das gesamte Museum, dient ein großes Diorama (!), das den Zustand vor 4 Milliarden Jahren beschreibt, als schon alle geologischen Prozesse, die das Antlitz der Erde formen, abliefen, aber noch keinerlei Leben existierte.

Ad 2.: Von Anfang an war die Frage von neugierigen Lokalpatrioten nicht ganz einfach zu beantworten, warum eine Raumwand mit Fotos von Objekten aus der Schatzkammer von Wien und nicht mit solchen aus der von München geschmückt ist.
Am Durchgang zur nächsten Abteilung fand sich bis 2001 ein Großfoto des berühmten Mineralienstraußes, den Maria Theresia ihrem Mann schenkte, und auf den man im Naturhistorischen Museum Wien mit Recht so stolz ist. Danach musste es weichen für zwei Mineralien-Bildschirmprogramme.

Ad 3.: In der Evolutionsabteilung dominieren neben vielen Fossilien zwölf Dioramen, in denen Lebensbilder aus den verschiedenen Perioden der Erd- und Lebensgeschichte vermittelt werden. Zum Zeitpunkt der konkreten Erstausstattung des Museums war unsere "Missachtung" von Dioramen also immerhin schon soweit geschwunden, dass wir sie für sehr geeignete Medien hielten, in die Urzeit zurückzublicken.

Ad 4.: Diese Abteilung existiert in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr. In ihr war vor allem unter ökologischen Aspekten über die Produktion von Nahrung für eine wachsende Weltbevölkerung berichtet worden. Das Themenspektrum reichte von Agrargeografie über Haustierhaltung, wichtige Nahrungspflanzen, Bodenbearbeitung, Düngung, Bewässerung und Pflanzenschutz bis hin zum Problem des Überfischens der Weltmeere.

Ganz ähnlich wie bei "Nerven und Gehirn" musste auch bei dieser sehr informativen Präsentation das meiste Ausstellungsgut erst einmal produziert werden. Dabei versuchten wir wiederum, möglichst viel Interaktivität einzubauen. Dass wir dabei – geblendet vom Erfolg der Nervenschau – etwas des "Guten" zuviel umsetzten, zeigte die spätere Erkenntnis, dass manche Inhalte wohl vor allem deshalb eine so liebevolle methodische Aufbereitung durch uns erfahren hatten, weil sie sich für eine interaktive Darbietung gut eigneten. Den Konsumbedürfnissen unserer Kunden entsprachen sie deshalb noch lange nicht.

Merke: Auch im Museum sollte das berühmte erziehungswissenschaftliche Dogma vom "Primat der Didaktik gegenüber der Methodik" eigentlich nicht außer Kraft gesetzt werden.

Es fiel dann 1995 ein Großteil der Exponate, z.B. zu den Themen Boden, Düngung, Pflanzenschutz, Bewässerung etc., einer Selektion zum Opfer. Der frei gewordene Raum wurde für eine Bärenschau genutzt, die wohl vor allem deshalb unsere bisher erfolgreichste Sonderausstellung war, weil Bären ähnlich den Dinosauriern absolute Selbstläufer sind, und weil dank der Firma "Bärenmarke" ein Jahr lang täglich Plüschbären und Milchdrinks zum Verwöhnen der Kundschaft verfügbar waren.


Out of Africa Haustieridylle mit Massentierhaltung im TV

Ad 5.: Ebenfalls passé! Eingeschränkt durch Brandschutzauflagen wurde in mehr oder weniger dicht bestückten Glasvitrinen exemplarisch über Phänomene der Biodiversität berichtet. Mitmach-Interaktivität war nicht geboten. Trotz Objekten, die für den Fachmann durchaus spannend waren, kam bei den Besuchern – ganz anders als im anschließenden Saal – in der Regel keine Begeisterung auf.

Ad 6.: Die Abteilung "Spielerische Naturkunde – nicht nur für Kinder" stellt zweifellos das Flagschiff des Museums Mensch und Natur dar. Bei allen interaktiven Stationen geht es darum, Fragen zu bearbeiten bzw. Aufgaben zu lösen, wobei jeweils Belohnungspunkte, in manchen Fällen aber auch Strafpunkte verteilt werden. Und so muss man denn z.B.:
- wohl bekannte Blüten den meist weit weniger gut bekannten grünen Teilen bestimmter Pflanzen zuordnen;
- in einer Schar von zehn gleichgroßen Tieren die fünf Wirbeltiervertreter identifizieren;
- unter 15 Gliederfüßern jeweils die drei erkennen, die Spinnen, Insekten, Krebse, Tausendfüßer oder Skorpione sind;
- herausfinden, welche Tiere welche Methode von Brutpflege bzw. Brutfürsorge betreiben;
- bestimmte Tiere ihren Heimatkontinenten zuordnen;
- Vögel an ihrem Gesang erkennen;
- Tiere identifizieren, die sich durch typische Bewegungsweisen auszeichnen
usw.

Gern berichte ich, dass das ursprüngliche Vorbild für diese Abteilung der damals bestehende Kindersaal des Naturhistorischen Museums von Wien war. Da aber vorherzusehen war, dass uns jegliches Personal für eine solche Einrichtung fehlen würde, entschieden wir uns für automatisierte museumspädagogische Hilfskräfte.
Ein erster Test, wie eine solche interaktive Station ankommt, erfolgte 1985 bei einem Schulfest meiner Kinder. Ein Jahr später probten wir im Rahmen einer Vorschau auf das geplante Museum mit einem Dutzend solcher Stationen.

"Natur mit Fantasie betrachten – Abteilung für Kinder" nannten wir das, was wir im Sinn hatten, damals noch. Doch dann merkten wir bei dieser Generalprobe sehr schnell, dass, was wir für Junge konzipiert hatten, auch für Ältere genau das Richtige war. Es wurde umgehend umdisponiert, die einzelnen Stationen erhielten Sitzgelegenheiten und heute herrscht in der "Spielerischen Naturkunde – nicht nur für Kinder" für mich immer dann eine besonders faszinierende Atmosphäre, wenn im Familienverbund sowohl mit den Mitmach-Exponaten als auch untereinander intensiv kommuniziert wird.

Mit dem berühmten Kobold "Pumuckl" verpflichteten wir noch einen Museumspädagogen der ganz anderen Art für diese Abteilung. Ellis Kaut, seine Mentorin, schrieb eigens dafür vier Hörspiele, in denen der Pumuckl (Stimme: Hans Clarin) und Meister Eder (Stimme: Gustl Bayerhammer) Pflanzen ergründen, die dabei auf Bildschirmen vorgestellt werden.
Vor kurzem wurde übrigens auch die Evolutionsabteilung mit einer Serie von Stationen à la "Spielerische Naturkunde" nachgerüstet und damit ihr Marktwert beim Publikum nachhaltig gesteigert.

Ad 7.: Auch diese Ausstellung existiert nicht mehr. Es war ein kleiner Rundgang zum Thema "Mensch" mit entwicklungsgeschichtlichen, anthropologischen, biologischen und sogar aktuellen sozialkundlichen Bezügen.
Ich muss einräumen, heute selbst nicht mehr zu verstehen, warum wir diese Präsentation nach rund sechs Jahren etwas anderem "geopfert" haben.

Ad 8.: "Nerven und Gehirn II." war eine neu gestaltete Version unseres so erfolgreichen Pilotprojektes im Deutschen Museum. Weil auch sie zum Markenzeichen unseres Museums wurde, gibt es mittlerweile "Nerven und Gehirn III." Gerade bei diesem Typ von naturwissenschaftlicher Informationsvermittlung ist regelmäßiges "Updaten" zweifellos eine conditio sine qua non.


Nerven und Gehirn III – Museum MENSCH UND NATUR, München


Das mir noch Wichtige in aller Kürze
• Seit 1998 haben wir mit "Gen-Welten" eine weitere überaus relevante LifeScience-Thematik im Ausstellungsprogramm. Obwohl sehr interaktiv und methodisch abwechslungsreich gestaltet, hält sich die Akzeptanz im Vergleich zu "Nerven und Gehirn" doch in Grenzen. Die Abteilung müsste vermittlungspädagogisch besser erschlossen werden (Life-Führungen, Einsatz akustisches Führungssystem etc.).

• Arm dran war bisher im Museum Mensch und Natur, wer kein Deutsch konnte. Mit Mr. Gulo, einem in Dienst gestellten, umfunktionierten Vielfraß, hat da jetzt in der brandneuen Dauerausstellung "Zum Fressen gern – Von den Mahlzeiten der Tiere" eine ganz neue Ära begonnen. Mr. Gulo kommentiert zweisprachig das Wesentliche an 20 Hörstationen, davon 10 vorzugsweise – aber natürlich nicht ausschließlich – für Kids. Weil der Vorbild-Vielfraß aus Kanada stammt, ist sein Deutsch nicht ganz so perfekt wie sein Englisch. Optisch vorgestellt wird Mr. Gulo am Anfang der Ausstellung in einer 3D-Animation. Mit ihm haben unsere sprechenden Steine (Geologie), der Urvogelgeist "Archie" (Evolution), der Regenwurm "Max der Schieber" sowie der erwähnte Pumuckl (beide "Spielerische Naturkunde") und last but not least der Kleinbühnendarsteller Gregor Mendel ("Gen-Welten") einen ganz neuen Mitstreiter erhalten.
Besonders stolz sind wir aber auch auf die drei Großdioramen in dieser Abteilung mit Kängurus, Löwen und Wildschweinen. Ich sage nur: "As time goes by".

• Es trübt den Abschied vom Museum Mensch und Natur die Tatsache, dass die Frage meiner Nachfolge offenbar nur mit Hilfe von Anwälten und Richtern gelöst werden kann. Aber glücklicherweise ist es gar nicht so leicht, sich einfach in Rambo-Manier über bestimmte Regeln und Normen hinwegzusetzen.
Aktenkundig tritt im Verlauf des Verfahrens zu Tage, dass von "Mächten", die hier nicht näher benannt werden sollen, ein Kurswechsel dahingehend angestrebt wird, das Museum Mensch und Natur mehr zu einem Erfüllungsgehilfen der in erster Linie Systematik und Taxonomie betreibenden Sammlungsinstitutionen und derer Ziele zu machen, und weniger zu einem Vermittler moderner und relevanter LifeSience- und Humanbiologie-Inhalte. Wen mag es da noch wundern, wenn zusätzlich auch die bisherige Infotainmentstrategie in Frage gestellt wird.

Text:
Dr. Hans-Albert Treff, war bis Ende 2005 leitender Sammlungsdirektor des Museums Mensch und Natur, München

Fotos:
Hans-Albert Treff

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