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| neues museum - 2004/3 Thema: Die fast unbekannte Quelle |
| Über die Sonderausstellungsdatenbank im Institut für Museumskunde, Berlin Elena Semenova, Axel Ermert Seit den 1960 Jahren spielen Ausstellungen in der Kulturlandschaft Deutschland eine immer größere Rolle. Jedes Jahr finden allein in deutschen Museen etwa achttausend Sonderausstellungen statt. Die Themenvielfalt fasziniert und verwundert: von klassischen Ausstellungen zur Bildenden Kunst und Handwerken über diverse historische und geographische Ereignisse bis zu Reflektionen über das menschliche Wesen auf allen Ebenen. Es ist kaum möglich, ein Thema zu nennen, dem die Ausstellungsmacher ihre Aufmerksamkeit nicht gewidmet haben. Die gesamte Palette der Ausstellungsthematiken bezeichnet nicht nur die quantitativen Entwicklungsgänge im Ausstellungswesen, sondern spiegelt tiefere, innere Prozesse wieder, lässt sie nachweisen und definieren. Die Ausstellung ist seit langem nicht mehr nur die Präsentation von Museumsschätzen. Ihre Funktion im Museumsleben ist viel komplexer geworden. Durch dieses Medium bestimmt das Museum seine Sichtweise der Welt und seine Einstellungen, verhilft den Besuchern zu einer eigenen Denkweise und erfüllt seine Aufklärungsfunktion, d.h. macht den Stand der Forschung in verschiedenen Wissenschaftsgebieten bekannt, hilft zuweilen auch bei der Orientierung in der heutigen gigantischen Informationsmenge. Die Ausstellung appelliert sowohl an ästhetische und ethische Werte des Menschen als auch an sein Erkenntnisstreben. Eine moderne Ausstellung setzt sich nicht nur das Ziel, den Besuchern etwas zu zeigen und ihnen Kenntnisse zu vermitteln. Sie ist auch das Angebot, die Aufmerksamkeit des Publikums auf und durch ein aufbereitetes Thema zu fokussieren und sie darauf auch in den Erkenntnisprozess selbst einzuschließen. Der Rezipient wird zum aktiven Teilnehmer des Kommunikationsprozesses - und die Ausstellung zu einer Art von Gesellschaftsspiegel. Ausstellungen reagieren schnell auf bestimmte Veränderungen in den Interessen, Vorlieben und Meinungen der Gesellschaft. Ihre Beweglichkeit ist durch eine ihrer wesentlichen Eigenschaften bedingt: Eine Ausstellung hat eigentlich ein ganz kurzes Leben. Hier liegt ihre Stärke, aber gleichzeitig auch ihre Schwäche: Die gesamte Information verschwindet nach ihrem Ende (abgesehen vielleicht von internen Aufzeichnungen bei den Dokumentationssystemen der einzelnen Museen und abgesehen von eventuellen Ausstellungskatalogen natürlich). Niemand wird bestreiten, dass Ausstellungen zum gemeinsamen intellektuellen Gut einer Gesellschaft gehören. Und damit dieses nicht für immer verloren geht, müssen sie auch öffentlich sichtbar dokumentiert werden. Diese bedeutende Aufgabe hat das Institut für Museumskunde (IfM) übernommen. Hier wird schon seit 10 Jahren ein einzigartiger Versuch unternommen, Daten über sämtliche Ausstellungen der Museen in Deutschland festzuhalten. Die Sonderausstellungsdatenbank in IfM ist zum heutigen Zeitpunkt die vollständigste Quelle zu diesem Thema. Abgesehen von wenigen Websites mit der Information zu laufenden Ausstellungen finden sich Angaben zur Ausstellungen nur in einzelnen Katalogen. Aber erstens können sich nicht alle Museen den Luxus leisten, zu jeder Ausstellung einen Katalog zu veröffentlichen und zweitens zeigt dieser eine Ausstellung aus einer anderen Sichtweise: Der Katalog beschreibt innerhalb e i n e r Ausstellung entstandene Kontexte und beschäftigt sich in erster Linie mit den Objekten. Im Unterschied zu den Ausstellungskatalogen wird die Ausstellung in der Datenbank des Institutes als Ganzes, als eine Entität betrachtet. Die Relevanz dieser Sichtweise wird heute auch von neueren Studien herausgestellt*. In Zentrum der Sonderausstellungsdatenbank des IfM steht nicht der Leihverkehr (diese wichtige Aufgabe wird auf andere Weise gelöst), sondern die Information zur Ausstellung selbst. Hier wird angestrebt, die Grundausrichtung festzuhalten. Archiv und Nachschlagewerk Die Beschreibungsweise der Datenbank ist knapp - es sind überwiegend formale Daten - aber der Informationsgewinn dabei ist groß. Wie jede Datenbank ist die Ausstellungsdatenbank nicht nur eine Art von Archiv, wo Information aufbewahrt wird, sondern auch ein Nachschlagewerk, mit dessen Hilfe die Information vermittelt wird. Von hier aus können die gesammelten Daten zur praktischen Verwendung kommen. Kurz skizziert lassen sich diese Anwendungen auf folgende Weise beschreiben: - In erster Linie kann diese Datenbank für Ausstellungsmacher sehr hilfreich sein. Schon beim ersten Schritt in der Ausstellungsvorbereitung der Themenauswahl ist es immer empfehlenswert sich zu erkundigen, wie oft der Inhalt schon behandelt worden ist und wie viele Präsentationen es bereits dazu gegeben hat. Die Ausstellungsdatenbank erfasst alle nötigen Daten, wie den Titel und die Beschreibung durch Schlagworte, den Ausstellungszeitraum, den Ort der Präsentation, sowie den Veranstalter. Diese Informationen sind eine Grundlage für die bewusste Auswahl des Ausstellungsthemas, wobei die Inhalte sich selbstverständlich frei interpretieren lassen. Nur ein Beispiel dazu: Während der letzten zehn Jahre wurden in Deutschland fast sechshundert Ausstellungen zum Thema Ostereier gezeigt eine eindrucksvolle Zahl, für den Ausstellungsmacher ein wichtiger Grund zum Nachdenken. Hier wird keinesfalls behauptet, dass dieses Thema zu einer Art von Rettungsanker für Museen geworden ist. Die große Anzahl kann auch ein Zeichen von lebendigem Interesse der Besucher sein, und nicht nur von fehlendem Einfallsreichtum. Ebenso weist ein noch nicht behandeltes Thema nicht unbedingt auf ein neues Ausstellungsfeld hin. Wenn ein bisher nicht behandeltes Themengebiet ausgewählt wird, muss man immer damit rechnen, dass der Mangel an Konkurrenz auch mit fehlendem Interesse begründet sein kann. Umgekehrt muss das aber nicht automatisch bedeuten, dass eine allseits beliebte Thematik durch eine zusätzliche Variation noch weitere Bedeutung erhält. Welche Schlussfolgerungen aus diesen Informationen gezogen werden, das können nur die Ausstellungsmacher selbst bestimmen, ihre Erfahrung, Kenntnisse, Fingerspitzengefühl sind hierfür entscheidend. Hier ist professionelle Analyse erforderlich. Vor einer Umsetzung des Konzeptes ist es allerdings hilfreich und vernünftig, den Stand der Themenbehandlung zu erkunden, genau so wie in der Wissenschaft: Jede Forschung beginnt mit der Beschreibung des Forschungsstandes. Und hier ist die Ausstellungsdatenbank im Institut für Museumskunde eine Quelle. - Die produktivste Form der Kommunikation Gedankenaustausch lässt sich nur auf der Basis von möglichst vollständigen Informationen verwirklichen. Heutzutage ist das Bild der Ausstellungslandschaft in Deutschland oft einseitig. Der fatale Teufelskreis, bei dem nur die Ausstellungen von großen und berühmten Museen im Fokus der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und sogar von Fachleuten stehen, sollte durchbrochen werden. In kleineren Museen, trotz Personal- und Sachmittelmangel, entstehen des öfteren Ausstellungen zu ganz neuen Themen, oder es werden unerwartete Aspekte bei der Behandlung schon populärer Inhalte sichtbar. Für die Darstellung eines realen, facettenreichen Bildes auf diesem Gebiet ist die Ausstellungsdatenbank äußerst hilfreich. - Die klassische Teilung der Ausstellungsarten in objektorientierte und themenorientierte Ausstellungen hat in der letzten Zeit ihre Eindeutigkeit verloren. Eine ausführliche Analyse der neuen Entwicklung steht noch aus. Bestimmte Entwicklungstendenzen im Ausstellungswesen können mithilfe dieser Datensammlung erhellt werden. - Die Ausstellungsdatenbank ist bei der Erstellung von statistischen Überblicken hilfreich, wovon das Museumsmarketing profitieren kann. - Die Datenbank wendet sich nicht nur an Museumsleute. Eine Ausstellung ist auch ein soziologisches Phänomen. Sie spiegelt die Gesellschaft wieder, mit all ihren Präferenzen, ihren Interessen und Tabus. Schon ein ganz oberflächlicher Überblick über die Ausstellungsthematiken deutet auf interessante Verteilung der Akzente hin. So z.B. haben die historischen Themen gewidmeten Ausstellungen einen deutlichen Schwerpunkt in dem Bereich negativer geschichtlicher Ereignisse, in Deutschland natürlich besonders der Zeit des Nationalsozialismus. Andererseits zeigt sich eine wachsende Zahl von Ausstellungen zu anthropologischen Themen, zu existentiellen Grundlagen des menschlichen Daseins. Diese grobe Skizze erhält keinen Anspruch auf eine wissenschaftliche Zuverlässigkeit dieser Beobachtungen. Nur eines kann deutlich festgestellt werden: Die Geisteswissenschaftler finden hier ein interessantes Feld für die Forschung. Die Ausstellungen sind Hinweise auf aktuelle gesellschaftliche Diskurse und damit eine unersetzliche Quelle bei der Beschreibung des Standes moderner Diskussionen. Zusammengefasst wendet sich die Sonderausstellungsdatenbank des IfM nicht nur an den engen Kreis der Fachleute, Museumsmitarbeiter und Museumsforscher, sondern auch an Soziologen, Philosophen und Geschichtswissenschaftler. Neben anderen wissenschaftlichen Quellen sollte auch die Datenbank für Forschungen in Betracht gezogen werden. Elena Semenova, Philologin, Ausstellungsmacherin; zurzeit: Weiterbildung zur Wissenschaftlichen Dokumentarin bei gGFFD, Potsdam Axel Ermert, Institut für Museumskunde, Berlin * Siehe z.B.: Die Ausstellung als Medium. Fachgruppentag im Deutschen Museumsbund Halle a.d. Saale 3. - 5. November 2001 Jana Scholze, Medium Ausstellung. Lektüren musealer Gestaltung in Oxford, Leipzig, Amsterdam und Berlin. Transcript-Verlag, 2004 Projekt "Medium Ausstellung" in der Universität Weimar, Prof. Wolfgang Sattler, Stefan Kraus, Claudia Baue. 2004 Zitat: Niemand wird bestreiten, dass Ausstellungen zum gemeinsamen intellektuellen Gut einer Gesellschaft gehören. Und damit dieses nicht für immer verloren geht, müssen sie auch öffentlich sichtbar dokumentiert werden. Weitere Informationen erhalten Sie beim Institut für Museumskunde Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz In der Halde 1 D-14195 Berlin Tel. +49/ 30 8301 460 Fax +49/ 30 8301 504 ifm[@]smb.spk-berlin.de www.smb.spk-berlin.de/ifm
25. Januar - 12. April 2003, Historisches Waisenhaus, Ausstellungsetage, Die Franckeschen Stiftungen zu Halle/Saale. (Fotos: Rita Richter)
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