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| neues museum - 2003/4 Wir haben den elfenbeinernen Turm schon lange verlassen |
| Gerhard M. Tarmann "Wir haben den elfenbeinernen Turm schon lange verlassen" ist eine dreiste Behauptung. Dieser Satz enthält viele offene und verdeckte Vorurteile. Einige davon spiegeln Dinge wider, die auch für uns Museumsbedienstete aktionsbestimmend sind. Eine kurze Analyse: 1. Die Aussage "Wir haben den elfenbeinernen Turm schon lange verlassen" ist natürlich nur sinnvoll jenen gegenüber, die wissen, was der Elfenbeinturm bedeutet. Ernst Peter Fischer, Professor für Wissenschaftsgeschichte in Konstanz, gibt in einem Aufsatz eine Erinnerung an die originelle Definition des Elfenbeinturms: Als der Begriff vom Elfenbeinturm (im modernen Sinne) zum ersten Mal erwähnt wurde, diente er als Symbol für die selbstgewählte Isolation eines Künstlers bzw. Wissenschaftlers, "der in seiner eigenen Welt lebt, ohne sich um Gesellschaft und Tagesprobleme zu kümmern....." (Begriff des 19. Jahrhunderts aus dem französischen Künstlerkreis). Im Western Österreichs wird eine Aussage über den Elfenbeinturm meist etwas modifiziert und hört sich etwa so an: "Die müssen endlich einmal von ihrem elfenbeinernen [sic] Turm herunter [sic] (nicht "heraus") geholt werden". Wird dieser Begriff zitiert, ist er sehr oft Ausdruck der Verachtung allen jenen gegenüber, die sich nicht mit den dem Sprecher essentiell erscheinenden Belangen des Lebens (wie z.B. Profitmaximierung usw.) befassen. Wege der Kunst und der Wissenschaft werden in der Allgemeinheit oft wenig verstanden und schon wird der Elfenbeinturm zitiert. 2. Die Aussage "Wir haben den elfenbeinernen Turm schon lange verlassen" impliziert aber auch das Eingeständnis, dass wir zumindest zeitweise in einem Elfenbeinturm sitzen oder gesessen haben. 3. Diese Aussage enthält ferner eine klare Distanzierung. Wir stellen fest, dass wir uns keinesfalls im Elfenbeinturm befinden. Wovor distanzieren wir uns? Bedarf unsere Tätigkeit einer Rechtfertigung oder gar Entschuldigung? Warum wollen wir keineswegs zu jenen gehören, die zumindest zeitweise im Elfenbeinturm sitzen? "Wir alle brauchen zeitweise den Elfenbeinturm!" Unsere Gesellschaft ist heute extrem vom Kurzzeit-Kosten-Nutzen-Gedanken geprägt. Tätigkeiten zur Erweiterung des geistigen Horizonts, zum Erlangen tieferer Kenntnis über unsere Welt und ihrer komplexen Zusammenhänge waren vor 100 Jahren, in einer Zeit, in der das Bildungsbürgertum eine wesentliche Stellung in der Gesellschaft hatte, allgemein anerkannt. Allgemeinbildung und Fachwissen genossen hohen Stellenwert. Da künstlerische Kreativität, aber auch das Erlangen von fundiertem Fachwissen Zeit, außerordentliches Interesse und eine intensive Identifikation mit der Materie erfordern, sind sie nur erreichbar, wenn Ruhe zum Denken und Reflektieren als fester Bestandteil künstlerischer oder wissenschaftlicher Arbeit gegeben und akzeptiert ist. Wir alle brauchen daher zumindest zeitweise den Elfenbeinturm ! Menschen ohne Zugang zu dieser Erkenntnis halten alles, was zeitintensiv der Förderung unserer Persönlichkeit und unseres Wissens dient für unnötig und für eine selbstbefriedigende Zeit- und Geldverschwendung. Druck der Öffentlichkeit Der Druck der Öffentlichkeit auf unsere musealen Institutionen ist heute enorm. Außerordentliche, oft unrealistische Erwartungshaltungen sollten befriedigt werden. Politik und Geldgeber schließen sich oft und gerne den Standardforderungen nach möglichst hohen Besucherzahlen und maximaler Marktorientiertheit an. Für die Forschenden, die Musischen, die Kunstsinnigen entsteht dadurch ein tödlicher Kreislauf. 1. Das allgemeine Unverständnis des Wertes von an und für sich wichtigen, für das Entwickeln neuer Ideen aber auch für das Weiterbestehen von Sammlungen und Datenarchiven essentiellen, aber zeitintensiven musealen Tätigkeiten, führt gelegentlich zu unqualifizierter, von uns oft als "bösartig" empfundener Kritik. Wer von uns kennt sie nicht? Es gibt zahllose Beispiele, wie: - Gut bezahlte Mitarbeiter leben da in einer "geschützten Werkstätte" - Was soll diese "weltfremde Tätigkeit" - Und das soll der Steuerzahler finanzieren? - Die sollen doch endlich einmal von ihrem elfenbeinernen Turm herunter kommen und sich der Realität stellen! 2. Als gut wird heute jemand eingestuft, der in der Öffentlichkeit gerne auftritt, oft gesehen und gehört wird, in den Medien "wirksam", kurzum "allgemein beliebt" ist und zudem (heute ein sehr wichtiger Begriff) "Managementqualitäten" hat. 3. Dies führt zur oft absurden Situation, dass hochbegabte Forscher, musisch und künstlerisch Tätige und sensible, kreative Mitarbeiter sich in hektischer Hilflosigkeit unter diesem Druck bemüßigt fühlen, diesen Anforderungen durch hyperaktive Kompensationshandlungen gerecht zu werden. 4. Um ihre geliebte Tätigkeit, sei es Forschung oder Kunst weiter durchführen zu können, ziehen sich immer mehr Kollegen in das Refugium ihrer Freizeit zurück. Wir werden wieder zu Amateuren! Amateure, die sich ihren Elfenbeinturm wieder bauen, um überleben zu können. Nun, es darf die Frage gestellt werden: Ist daran was Schlechtes? Unsere Überheblichkeit lässt es nur ungern zu, dass wir uns auf die Stufe von Amateuren stellen lassen. Wie unterschiedlich sind doch die Empfindungen wenn wir etwa die Sätze vergleichen: "Eines muss man ihm lassen, es ist wirklich ein guter Amateur" oder "Na ja, er ist halt doch ein alter Profi". Im März 2002 gab Siegfried Rietschel, der ehemalige Direktor der Landessammlung für Naturkunde in Karlsruhe, in München anlässlich eines Referates einen sehr treffenden Vergleich: Was ist ein Amateur? Das Wort "Amateur" (amare = lieben) wird allgemein mit "Liebhaber" übersetzt. Demnach könnte man "Profi" mit "Ehemann" übersetzen. Nun, dreimal darf man raten, wer sich um das Gebiet seines Interesses und das Objekt seiner Begierde mehr bemüht, ein guter Amateur, oder ein alter Profi. Aus der Sicht des bisher Gesagten müsste man nun den Titelsatz modifizieren in "Wir haben den elfenbeinernen Turm schon lange verlassen müssen". Analysieren wir nun kurz einige dieser Erwartungshaltungen, die uns so viel Kopfzerbrechen bereiten. 1. Die Erwartung der Politik: - gute Publicity für die jeweilige Kulturpolitik - ein Repräsentationsforum (Eröffnungen, Events, Presse etc.) - Evaluierung der Investitionen (Nutzen für die Wirtschaft z.B. durch Tourismus o.ä.) - Nutzen für die Bildungspolitik (Schulen, Lehrerausbildung etc.) - im Falle von Regional- oder Lokalmuseen: heimische Besonderheiten sollen im Lande (Bezirk, Gemeinde etc.) bleiben 2. Wirtschaft: - Impulse für den Fremdenverkehr - PR-Forum für die Wirtschaft (Sponsoring von Ausstellungen, Events, Publikationen etc.) 3. Wissenschaft: - umfassende Dokumentation - einwandfreie Aufarbeitung des Sammlungs- und Archivmaterials - leichte Zugänglichkeit zur Information 4. Durchschnittsbürger: - plakative Aufbereitung von Information (tolle Events und Ausstellungen, Presseinfos etc.) - viel Präsenz in der Öffentlichkeit 5. Moderne Jugend: - "Junges Museum" (Themen, die die Jugend bewegen, wie Stellungnahme zu brisanten Zeitthemen, die eventuell durchaus auch das Establishment in Frage stellen etc.) - "Es muss sich lohnen, dass man sich blicken lässt." (Der Besuch im Museum muss "in" sein.) 6. Medien: - Sensationen (außergewöhnliche Ereignisse, Erkenntnisse, Neuentdeckungen o.ä.) - plakative Aufbereitung der Information - persönliche Information aus erster Hand von kompetenten Fachleuten - klare, präzise Aussagen und Stellungnahmen ohne Ausreden Wir müssen es schaffen, unsere Tätigkeit so durchzuführen, dass wir das, was wir aus unserer Überzeugung als Museumsleute unbedingt tun müssen, jenen, die an uns Anforderungen stellen, so verkaufen, dass die Vernetzung zwischen musealer Tätigkeit und den gängigen Lebensansprüchen der Menschen klar wird. Nur so kommen wir zu einem besseren gegenseitigen Verständnis. Der ungeheure Nutzen für die Bevölkerung, der in unserer Tätigkeit steckt, wird von uns Museumsleuten viel zu wenig an die Öffentlichkeit gebracht. Natürlich ist es schwierig, für manche Dinge Verständnis zu bekommen, doch es ist möglich. Hier liegt ein enormes Potential in musealer Tätigkeit, über dessen Tragweite sich weder Normalbürger, noch Medien und auch nicht die Politik völlig im Klaren sind. Den Weg zu finden das ist unsere Aufgabe ! Konkrete Beispiele wie sich solche Wege finden lassen Beispiel 1: Tausende aufgespießte Schmeißfliegen Schmeißfliegen leben von Aas. Sie sind von allem, was dem Menschen stinkt und ihn anekelt begeistert. Wie kann man so etwas sammeln, präparieren ("aufspießen"), fein säuberlich bestimmen, mit großem Aufwand mit Etiketten versehen und über Jahrzehnte in einem Museum aufbewahren und pflegen? Wo liegt der Nutzen? Hier kommt ein ganz wichtiger Begriff ins Spiel und den müssen wir den Nichtfachleuten näher bringen: der Begriff des Originals. Jedes der hier gezeigten Tiere (Abb. 1) ist ein Original, ein Weltunikat. ![]() Abb.1 Im konkreten Fall stammt es aus einer historischen Aufsammlung aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, aus der Umgebung von Wien. Jedes einzelne Exemplar trägt Merkmale einer bestimmten Art. Es ist ein Beweis dafür, dass die entsprechende Art, der es zuzuordnen ist, an einem bestimmten Tag, an einer bestimmten Stelle vorkam, dass sich dieses Exemplar unter gewissen Bedingungen entwickelt haben muss und dass es eine bestimmte genetische Information enthält. Doch was nützt uns das? Abgesehen davon, dass wir unterschiedliche Arten nur bestimmen können, wenn wir Vergleichsmaterial haben, gibt es in diesem Fall noch mindestens zwei für die Menschen sicherlich viel verständlicheren Nutzen. Da Schmeißfliegen Aas fressen, akkumulieren sie auch die in den toten Tieren enthaltenen angereicherten chemischen Substanzen wie z.B. Schwermetalle. Ein Forscherteam der Landwirtschaftlichen Universität Brno (Leitung Prof. Dalibor Povolny) untersuchte kürzlich Schmeißfliegen auch aus der Umgebung von Wien auf ihre chemischen Inhaltsstoffe. Unsere 100 Jahre alten Originale aus derselben Gegend ermöglichten nun einen Vergleich der Umweltbelastungen von heute mit denen aus der Zeit der 90er Jahre des 19. Jh. Das Ergebnis war verblüffend, denn viele Giftstoffe, wie unter anderem auch Schwermetalle, waren schon vor über 100 Jahren ein Problem. Teilweise liegen die historischen Werte sogar über jenen von heute. Dies ist wohl auf die damals übliche Verwendung von Braunkohle und die außerordentlich geringen Umweltstandards zurückzuführen. Hier konnten wichtige Umweltdaten aus auf den oberflächlichen Blick sehr unattraktivem Sammlungsmaterial gewonnen werden, weil es irgendwann einmal systematisch gesammelt wurde, gut präpariert, gepflegt, archiviert und zugänglich war. Aber es gibt noch einen zweiten sehr wichtigen Grund Schmeißfliegen zu sammeln und zu bestimmen. Wieder war es Professor Povolny, dem ich diese Information verdanke. Die forensische Entomologie (Insektenkunde in der Kriminalistik) bedient sich der Schmeißfliegen als wichtige Indikatoren zur Bestimmung des Zeitpunktes, wann eine Leiche wo abgelegt wurde. So lässt sich der Zeitpunkt der Deponierung, aber auch eventuelle Transporte eines Leichnams von A nach B nachweisen. Heute bedient man sich genetischer Methoden zur Bestimmung der Fliegenmaden. Essentiell ist jedoch bevor dies möglich wird, dass richtig bestimmtes Vergleichsmaterial von Fliegen in Museumssammlungen vorliegt. Ferner bedarf es genauer Kenntnis der Lebensweise und Entwicklungsgeschwindigkeit der Tiere. Beispiel 2: Neue Äpfel aus Südtirol Südtirol ist ein historisches Wein- und Obstland. Diese heute autonome Provinz Italiens stellt mit über 18.000 ha Apfelanbaufläche (= 11% EU) die größte zusammenhängende Apfelanbaufläche Europas dar. Südtirol ist aber auch ein Land mit einer überaus reichen und einzigartigen Flora und Fauna und es ist ein bedeutendes Fremdenverkehrsland in den Alpen. In den historischen Sammlungen der Museen (auch in der des Innsbrucker Ferdinandeums) befinden sich zahllose Originalbelege von Tieren und Pflanzen, die diese Reichhaltigkeit belegen. Zahlreiche Schutzgebiete wurden zum Erhalt der einzigartigen Flora und Fauna ausgewiesen, wie z.B. die berühmten Vinschger Leiten, die inneralpine Trockensteppengebiete darstellen. Bei einem Forschungsprojekt des Ferdinandeums über Kulturwiesen und -weiden in Südtirol mussten wir in den Jahren 1998 und 1999 feststellen, dass in den talnahen Bereichen des Landes, wie unter anderem auch an den wegen ihrer hohen Biodiversität und einzigartiger Artenzusammensetzung seit langem als Schutzgebiete ausgewiesenen Vinschger Leiten, nahezu die gesamten Schmetterlingspopulationen zusammengebrochen sind. Ähnliche Rückgänge beobachteten inzwischen auch andere Insektenforscher an Käfern und die Vogelkundler bei Singvögeln. Der wahrscheinlichste Grund für dieses Artensterben ist die Verwendung von hochwirksamen Häutungshemmern gegen den Apfelwickler im Apfelbau seit etwa Mitte der 80er Jahre und die besondere Tagesthermik der Winde (Abb. 2). ![]() Abb.2 Was tun ? Für ein Fremdenverkehrsland wie Südtirol ist es kein Renommee, wenn die Gäste durch "totes Land" spazieren. Wir haben tunlichst vermieden, die Ergebnisse zu skandalisieren und den Medien Gelegenheit zu geben, Panikmache zu betreiben. Stattdessen haben wir die zuständigen Verantwortlichen informiert und Vorschläge zu Behebung des Problems unterbreitet. Die Beweislage war so erdrückend, dass das Land Südtirol einen bisher in Europa einzigartigen Entschluss gefasst hat: Seit dem Jahre 2000 wurde das Spritzen mit den hochwirksamen Häutungshemmern flächendeckend eingestellt und es wird mit hohem finanziellen Aufwand nunmehr ausschließlich mit den nur auf den Apfelwickler artspezifisch wirkenden, aber natürlich viel teureren Sexuallockstoffen gearbeitet, bisher mit einwandfreiem Erfolg. Somit erzeugt einer der bedeutendsten Apfelproduzenten in Europa seit nunmehr drei Jahren "biologischere" Äpfel. Dies wird natürlich bereits kräftig vermarktet, mit Stolz und mit Recht. Die schwer gestörten Talgebiete Südtirols haben nun eine Chance, sich wieder zu erholen. Unser Museum begleitet diesen Prozess mit einem Monitoringprojekt an einer der am besten bekannten Indikatorgruppen, den Widderchen (Zygaenidae), um festzustellen, ob und wie eine Wiederbesiedelung von gestörten Gebieten erfolgt. Es war und ist also museale Forschungs- und Dokumentationsarbeit, die hier richtungsweisende Grundlagen für die Landwirtschaft, den Tourismus und den Naturschutz, also zum Wohle der Bevölkerung liefern konnte und kann. Beispiel 3: Die Helle Not Kontinuierliche museale Forschungsarbeit ist unverzichtbar. Für ein Landesmuseum wie das Ferdinandeum ist es eine der vorrangigsten Aufgaben, die Veränderungen im Land zu dokumentieren und den Status quo mit dem historischen Wissen zu vergleichen. Seit Jahrzehnten werden daher Freilandregistrierungen, wie z.B. die Dokumentation der nachtaktiven Insekten durchgeführt (Abb. 3). ![]() Abb.3 Dabei wurde nicht nur von uns, sondern auch an vielen anderen Orten festgestellt, dass weißes und bläuliches Licht Insekten viel stärker anlockt, als gelbes oder rotes. Für die Registrierungen werden daher Quecksilberdampflampen mit weißem Licht und mit einem hohen UV-Anteil, den die Insekten besonders gut sehen, verwendet (Abb. 4). ![]() Abb.4 Allerdings findet dieses weiße Licht auch bei Straßenbeleuchtungen und Industrieanlagebeleuchtungen Verwendung. Dies wurde in den letzten Jahrzehnten zu einem massiven Naturschutzproblem. Die Zahl der Beleuchtungen stieg immens. Insekten werden angelockt, fliegen die ganze Nacht um die Lampen, werden dadurch geschwächt und desorientiert und die Weibchen finden oft nicht mehr an die Brutplätze zurück. Sie werden dann Opfer von Fressfeinden (Vögel, Fledermäusen) oder legen die Eier unkontrolliert an Masten, Stämme und Mauern und die ausschlüpfenden Larven verenden. So kommt es im Bereich solcher Lampen zu einer Art "Ausfischungseffekt". Verschwinden die Insekten, verschwinden natürlich auch die Fledermäuse und die insektenfressenden Singvögel. Zusammen mit der Tiroler Umweltanwaltschaft wurde von uns daher ein Projekt durchgeführt, das den Namen "Die Helle Not" bekam. Ziel ist es, möglichst viele Gemeinden dazu zu bringen, von weißen auf gelbe Lampen umzurüsten. Dies hat zahllose Vorteile: 1. Gelbe Natriumdampfhochdrucklampen brauchen bei gleicher Helligkeit 40% weniger Strom. 2. Obwohl sie etwa 2,5 Mal teurer sind, wiegt die weitaus längere Lebensdauer und die Stromersparnis den Mehrpreis nach 5-6 Jahren auf. 3. Die Lockwirkung auf Nachtfalter ist etwa 10 Mal geringer als jene der weißen Quecksilberdampflampen. 4. Quecksilber ist schwer zu entsorgen, die Natriumdampflampen sind auch aus dieser Sicht umweltfreundlicher. 5. Durch die geringere Lockwirkung verschmutzen die Lampen weniger. 6. Gelbe Lampen sind bei Nebel verkehrssicherer (daher sind sie z.B. in der Poebene schon lange in Gebrauch). 7. Gelbes Licht hat einen beruhigenden Effekt auf die Menschen. Wichtig war es nun, die richtige Taktik zu finden, wie man die Gemeinden dazu bringt, umzurüsten. Es wurde daher eine umfangreiche, reich bebilderte Info-Broschüre verfasst (Abb. 5) und Pilotgemeinden wurde ein geringes Startgeld gewährt. ![]() Abb.5 Dies wurde vom Land Tirol finanziert. Der Erfolg war außerordentlich. Inzwischen haben in Tirol über 30 Gemeinden komplett umgestellt, viele weitere sind dabei umzustellen und auch die Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck ist dabei alle ihre Lampen von weiß auf gelb umzustellen. In anderen Bundesländern laufen derzeit ähnliche Aktionen und auch im Ausland. Das Projekt wurde im Herbst 2002 mit dem FORD Umweltpreis ausgezeichnet (bei 103 Mitbewerbern). Aber die Geschichte geht noch weiter und zeigt, wie kurios sich manche Dinge entwickeln können. Wegen des doch beträchtlichen Unterhaltungswertes möchte ich Ihnen diese weitere Entwicklung nicht vorenthalten. FORD ist ein internationaler Konzern. Zufällig zur gleichen Zeit, als wir in Wien den FORD Umweltpreis 2002 erhielten, war FORD dabei, in den USA im Staate Michigan in Dearborn einen riesigen Freizeitpark mit Hotelkomplex zu beleuchten. Ingenieure hatten dort ebenfalls vorgeschlagen, aus Ersparnisgründen gelbes Licht zu verwenden. Dies wurde aber zuerst nicht positiv aufgenommen, da man bereits das in der Anschaffung billigere weiße Licht eingeplant und budgetiert hatte. Unser FORD Preis war nun der Anlass, dass die Dinge neu überdacht wurden und man investierte 300.000 U$ zusätzlich in 1521 gelbe Natriumdampflampen, mit dem Hinweis auf den Naturschutz und unsere Idee. Diese Entscheidung war ungewöhnlich. Sie rief Wirtschaftsexperten auf den Plan und plötzlich erschien ein Journalist des renommierten Wall Street Journals hier in Innsbruck und interviewte uns, wie es denn möglich sei, dass ein kleines Provinzmuseum irgendwo in den Alpen Europas FORD in den USA dazu bringe, eine so beträchtliche Summe nur in gelbe statt weiße Lampen zu investieren. Wir gaben willig Auskunft. Das Ergebnis war dann tatsächlich außerordentlich. Am 29. Januar 2003 fand sich das computerüberarbeitete Gesicht des Autors neben den Porträts der Herren Wladimir Putin und George W. Bush auf der Titelseite des Wall Street Journals, begleitet von einem ziemlich umfangreichen, so richtig im Stile des American Way of Life gestalteten Artikels: kleiner Bub hat Schlüsselerlebnis begeistert sich für Schmetterlinge bekommt seinen Traumberuf hat immer noch tolle Ideen macht Projekt bekommt Umweltpreis beeinflusst amerikanische Wirtschaft und ist jetzt im 7. Himmel. Sie sehen, biedere Museumsarbeit kann zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Beispiel 4: Hochklassige, dynamische Präsentation, engagierte Vermittlung Natürlich ist die Ausstellungstätigkeit in einem Museum ein zentrales Thema. Diese Tätigkeit wird allgemein verstanden und wenig angezweifelt. Sicherlich sind sich alle hier einig, dass höchste Qualität ein absolutes Muss ist. In jedem Fachgebiet sind hier ohne Kompromiss die höchsten Standards anzusetzen, sei es eine Kunstausstellung oder eine Präsentation in einem Lokalmuseum. Selbst das Präparat eines einfachen Eichhörnchens kann ein Meisterwerk sein (Abb. 6). ![]() Abb.6 Doch wie springt der Funke auf den Besucher über? Wir müssen die Sinne der Besucher anregen, Erstaunen, Begeisterung oder Nachdenken erzeugen und zwar anhaltend. Das Erlebnisgefühl in unseren Museen bedarf einer Nachhaltigkeit, es sollte im Idealfall zu Schlüsselerlebnissen führen. Hier kommt wieder das Original ins Spiel. Die Aura eines Originals ist durch nichts zu ersetzen! Dies gilt auch für die Begeisterung und das Engagement der Kuratoren und Mitarbeiter an einer Ausstellung. Das "Feuer" der Begeisterung erzeugt eine unmessbare Energiewolke, die auf den Besucher überspringt. Computeranimationen und Multimediashows haben zwar einen hohen unmittelbaren Erlebniswert, Nachhaltigkeit können sie wegen ihrer "Unpersönlichkeit" nur ganz selten vermitteln. Hier kommt auch guter, einfühlsamer und an den jeweiligen Besucher angepasste Vermittlungsarbeit durch museumspädagogisch gut geschulte Kräfte größte Bedeutung zu. Das fliehende Eichhörnchen auf dem Bild erzählt eine Geschichte, viele Geschichten, wenn man will. Es enthält die Seele des Präparators und lässt der Fantasie des Betrachters Raum. Fantasie, Begeisterung und Erlebnisgefühl liegen sehr nahe beieinander. Beispiel 5: Kommunikation, Tagungen, Kongresse Was interessanter Weise von der Öffentlichkeit ebenfalls gut verstanden wird, ist Informationsaustausch. Vorträge, Tagungen, Symposien und Kongresse sind allgemein geachtet und anerkannt. Vermutlich ist es die Gewohnheit, die uns hier entgegen kommt. Kongresse bringen Gäste, beleben die Wirtschaft und somit ist es auch in Ordnung, wenn Museumsleute sich treffen. Trotzdem darf der "Tagungstourismus" nicht zum Selbstzweck werden. Wir sind da schon auch gefordert, schwierige Dinge in Angriff zu nehmen und zu zeigen, dass wir zu brisanten Fragen kompetent Stellung nehmen können und wollen. Als ein mögliches positives Beispiel möchte ich den ersten internationalen Kongress über Katastrophen und Katastrophenmanagement in Sarajevo (18. 21. April 2001) nennen, den unser Museum gemeinsam mit dem Zemaljski Muzej, dem Landesmuseum für Bosnien und Herzegowina, durchgeführt hat. Die Organisation war eine absolute Gratwanderung sowohl in finanzieller als auch in menschlicher Hinsicht, waren doch tödlich verfeindete ethnische Gruppen dazu zu bewegen, ihre Erfahrungen in einem bewaffneten Konflikt preiszugeben und während des Kongresses zusammenzuarbeiten (Abb. 7). ![]() Abb.7 Das Experiment gelang. Es war die erste internationale Veranstaltung in Bosnien nach dem Krieg, wo alle ethnischen Gruppen gleichberechtigt teilnahmen, sich niemand ein Blatt vor den Mund nahm und alle in Eintracht auch wieder auseinander gingen. Die fachlichen Erfahrungen waren einzigartig. Wir haben uns natürlich aktiv sehr engagiert (z.B. Restaurierungsworkshops) (Abb. 8). ![]() Abb.8 Für das Ansehen Österreichs und die österreichische Museumslandschaft war es ein großer Achtungserfolg. Beispiel 6: Zurück zum "Elfenbeinturm" Es gibt Dinge im Leben, die muss man einfach tun. Jeder Künstler, jeder Forscher, jeder Kurator, ja eigentlich jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter in jeglicher Position braucht Highlights im Leben, die ihr oder ihm die Kraft für neue Aktivitäten geben. Viele dieser Dinge sind der Öffentlichkeit vorerst oft nicht verständlich zu machen. Die heute leider nur allzu gängige Vorgangsweise, dass Projekte und Aktivitäten nur genehmigt oder ermöglicht werden, wenn das Endergebnis bereits weitgehend feststeht, ist hier völlig ungeeignet, Enthusiasmus und Ideen entstehen zu lassen. Wir hier in Innsbruck haben natürlich auch solche Nischen gefunden, die uns unsere Begeisterung erhalten. Viel davon geschieht in der Freizeit im unserem Elfenbeinturm. Eines unserer faszinierendsten und inzwischen erfolgreichsten Projekte ist die Erforschung unbekannter Gebirgslebensräume in den Alpen. Hier weiß man vorher nie was hinterher herauskommt. Wir hatten eine gute Schule. Mit Stolz kann ich und einige meiner Kollegen darauf hinweisen, dass es ein Amateur war, der uns diese Begeisterung mitgegeben hat der Altmeister der alpinen Schmetterlingsforschung Dr. h.c. Karl Burmann. Seine Idee, die Hochlagen der Alpen zu erforschen war und ist auch eines unserer vorrangigen Ziele. Burmann konnte dabei zahlreiche Weltneuentdeckungen machen, wie z.B. den Monte-Baldo-Spanner (Psodos baldensis) dessen Typenlokalität, die sich in einer senkrechten Felswand befindet, die derzeit einzige weltweit ist. Zu Recht haben ihm seine Freunde am Monte Baldo, einem seiner Haupttätigkeitsgebiete, eine Gedenktafel errichtet (Abb. 9). ![]() Abb.9 Der Pioniergeist Burmanns hat für uns auch heute noch eine ungeheure Faszination. So gelang es uns, in den letzten 20 Jahren über 60 für die Wissenschaft neue, weltweit bisher unbekannte Schmetterlingsarten im Alpenraum zu entdecken und wissenschaftlich zu beschreiben, 60 neue Tierarten hier im Herzen Europas. Einer davon ist der Tauernwickler (Ancylis habeleri) (Abb. 10), der steile, südexponierte Wiesen in den Hohen Tauern bewohnt. Seine nächsten Verwandten leben in Transkaukasien. ![]() Abb.10 Diese Art und zwei weitere, die wir auf diesen Wiesen neu entdeckt haben sind die derzeit stichhältigsten Beweise für die Existenz einer vermutlich spätglazialen Kaltsteppenperiode, die von Vorderasien bis in die Ostalpen gereicht haben muss. "Lasst uns gute Amateure sein!" Der Elfenbeinturm als Refugium ist wichtig, doch müssen seine Türen offen sein, damit man die Welt noch sieht, die ihn umgibt. Sonst könnte es sein, dass ein plötzlich aufkommendes Gewitter (Abb. 11) uns den Weg in die Welt versperrt und wir den Blick für das Gesamte verlieren. Wir müssen ihn verlassen können, um gehört zu werden. ![]() Abb.11 An uns alleine liegt es, wie wir die Quadratur des Kreises, das schier unmöglich Scheinende, bewältigen. Nur wenn wir kreativ neue Wege zu gehen bereit sind ohne die alten Ideale zu vergessen, haben wir in einer immer oberflächlicheren, auf Massen-Kurzinformation programmierten Welt eine Chance zu bestehen. Bieten wir den Leuten das, was sie lieben: - exklusive Originalität - hochkarätige Fachkompetenz - freundliches Zuhören und Eingehen auf ihre Fragen, Wünsche und Sorgen - nachhaltige Erlebnisse Zeigen wir ihnen aber vor allem eines: unsere Begeisterung, unsere Freude und unser Engagement. In diesem Sinne wünsche ich mir und Ihnen allen: Lasst uns gute Amateure sein! Autor: Dr. Gerhard M. Tarmann, Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Naturwissenschaftliche Sammlungen Fotos: Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum
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