|
Der Kampf auf dem Minenfeld
von Thomas Trenkler
Allerorts werden neue Museen und Kunsthallen errichtet. Das ist schön. Und viele sind erfolgreich. In Wien hingegen liefern sich die Direktoren eine Materialschlacht. Manche werden dabei zu Grunde gehen. Oder fast.
Keine andere Metropole in Europa könne zur Zeit, heißt es immer wieder, mit einem derart dichten Ausstellungsprogramm aufwarten wie Wien. Die Weltenbummler durch das globale Kunstdorf, die dies voll Anerkennung aber auch mit einem Kopfschütteln der Fassungslosigkeit wie Überforderung feststellen, werden sicher Recht haben: Einige Institutionen, darunter die Generali Foundation, glänzen mit exzellenten wie komplexen Inhalten. Die Leiter anderer Häuser hingegen trachten sich gegenseitig mit massenkompatiblen Ausstellungen, die sie mitunter "Blockbuster" wohl in Unkenntnis der eigentlichen Bedeutung des Fremdwortes nennen, zu überbieten. So wurde aus der pittoresken Museumslandschaft ein ziemliches Minenfeld.
Seit dem Frühjahr mischt auch Klaus Albrecht Schröder, Direktor der jahrelang geschlossenen Albertina, wieder mit. Über der Rolltreppe zum herausgeputzten Palais weisen drei quadratische Tafeln die Laufkundschaft auf gegenwärtige Attraktionen hin. Schließlich hat Schröder, um permanent Neues bieten zu können, auch drei Foren für Wechselausstellungen: neben der Pfeilerhalle, die bereits existierte, die unterirdische Bastei- und die Propter-Homines-Halle.

Albertina, Wien
Den Sommer über wurde auf der mittleren Tafel für die Brassaï-Retrospektive geworben, auf den beiden äußeren für "Leonardo da Vinci bis Egon Schiele" samt der Laufzeit "24. Juni bis 28. September". Eine Ausstellung, könnte mancher meinen. Und sie muss wohl, wenn sie gleich auf zwei der drei Flächen angekündigt wird, eine wirklich wichtige sein. Eine derart wichtige Überblicksschau, dass für die Florentina-Pakosta-Personale, die ebenfalls gezeigt wurde (von 4. Juni bis 28. August), kein Platz auf den Ankündigungstafeln vorhanden war. Allzu verständlich aus Sicht des Marketing-strategen: Einer Pakosta wegen wird wohl kaum ein Tourist die Bastei der Albertina erklimmen. Da Vinci und Schiele geben vergleichsweise natürlich weit mehr her. Und allerorts ließ Schröder, der Reizworte auch gerne einmal auf ihre Wirksamkeit abtesten lässt, Plakate für "Leonardo da Vinci bis Egon Schiele" affichieren. "Die Albertina präsentiert eine Auswahl von rund 60 der schönsten und bedeutendsten Handzeichnungen aus ihrem einzigartigen Bestand", war auf der Homepage der Grafischen Sammlung zu lesen.
Doch welch herbe Enttäuschung: Statt "Meisterwerke" von Raffael und anderen, wie angekündigt, gab es lediglich Reproduktionen, pardon: Faksimiles, zu sehen. Und als Kritik laut wurde, meinte der Direktor wutentbrannt, von einer "Ausstellung" sei nie die Rede gewesen, bei "Leonardo da Vinci bis Egon Schiele" handle es sich lediglich um Ausstattungsware für die Prunkräume. Um Antworten war Schröder, ein Mann mit Whippet und Witz, bekanntlich nie verlegen.
Trickreich agierte im hitzigen Sommer auch Jörg Haider, spitzbübischer Landeshauptmann von Kärnten und zugleich dessen Kulturreferent: Die renovierten Räume der Landesgalerie gab er flugs als Museum Moderner Kunst Kärnten (MMKK) aus. Dies geschah, wie viele meinen, nur deshalb, um Arnulf Rohsmann, den langjährigen Leiter der Galerie, zu neutralisieren, weil dieser über die ausgestellten Künstler (wie Sebastian Weissenbacher) Kritik am Rechtspopulisten Haider zuließ, vielleicht sogar beförderte. Rohsmann schiebt nun, zum Stillschweigen verurteilt, eine ruhige Kugel im Abseits. Museum ist aus der Galerie dennoch keines geworden: Zur Eröffnung wurde nicht ein Best-of der Sammlungsbestände dargeboten, wie andernorts üblich, sondern die "Cutouts" von Alex Katz, eine ziemlich flache Angelegenheit, wenn sie sich auf 14 Säle erstreckt. Im Gegensatz zu Schröder versteht Haider aber nicht viel von Vermarktung (abgesehen seiner eigenen Person): Hinweisschilder gab es zumindest bis in den August hinein keine. Daher verirrte sich auch fast niemand in die ehemalige Burg im Stadtzentrum von Klagenfurt: Drei Angestellte saßen beim Lokalaugenschein an den drei Kassen; in der Ausstellung selbst aber war man mit den ausgeschnittenen Pappfiguren allein.
In St. Pölten wird einem das kaum passieren. Binnen zehn Monate besuchten rund 100.000 Personen das dortige Landesmuseum. Eine beachtliche Menge in Relation zur Einwohnerzahl der niederösterreichischen Kleinstadt (49.000), auf die Carl Aigner, der Direktor, nicht ohne Stolz und smartem Lächeln hinweist. Das Konzept also, von jedem Sammlungsgebiet ein paar beste Stücke in einer spektakulären Eventarchitektur von Hans Hollein mit Treppen, Brücken und einem imposanten Wasserweg (vom Gletscher bis zur Donau) auszustellen, ging auf: Zwei Drittel der Menschen kommen der naturgeschichtlichen Sammlung wegen und nehmen die zeitgenössische Kunst in der einverleibten ehemaligen Shedhalle gleich mit.

Niederösterreichisches Landesmuseum
Für eine vielleicht noch eindrucksvollere Erfolgsgeschichte zeichnet Direktor Peter Baum in Linz verantwortlich: Das Lentos wurde bei der Eröffnung Mitte Mai dieses Jahres regelrecht gestürmt. Die Polizei will 22.000 Besucher ermittelt haben, Baum bezifferte sie in seiner zurückhaltenden Art mit 16.000. Und in den drei darauf folgenden Monaten lösten über 35.000 Personen eine Eintrittskarte.
Das neue Gebäude für die städtische Sammlung der Kunst des 20. Jahrhunderts wie der Gegenwart, die bisher als Neue Galerie bezeichnet wurde, ist zweifellos der stringenteste Museumsbau in Österreich der letzten Jahrzehnte. Es verzichtet ganz im Sinne des Direktors, der demnächst in Pension gehen wird , auf jeden modischen Schnickschnack: Das Lentos ist eine klar gegliederte, hoch funktionelle "Schachtel". Jürg Weber schnitt im Erdgeschoss eine 60 Meter lange, offene Skulpturenhalle, durch die man auf Urfahr blickt, aus dem mehr als doppelt so langen Baukörper. Und das Obergeschoss, der eigentliche Ausstellungstrakt, wird über eine durchgehende Glasdecke belichtet. Ummantelt ist der schmale Quader mit einer semitransparenten Glashülle: Tausende Male wiederholt sich auf dieser der in Chrom applizierte Schriftzug "Kunstmuseum Lentos", der bei Sonnenschein das Ambiente wiederspiegelt, ansonsten das Anthrazit des Betons durchschimmern lässt.

Kunstmuseum Lentos, Linz
Fast wäre auch das Grazer Kunsthaus nach den Plänen des Schweizer Architekten errichtet worden. Aber die Bevölkerung votierte, mobilisiert von den Freiheitlichen, mehrheitlich gegen den heiklen Standort, dem baugeschichtlich ältesten Teil der Stadt am Fuße des Schlossbergs: Umgesetzt wurde schließlich nach einem neuerlichen Wettbewerb und unter Druck der Kulturhauptstadt, die Graz 2003 sein durfte, ein Kunsthaus am rechten Ufer der Mur nach den Entwürfen von Peter Cook und Colin Fournier. Die "blaue Blase" mit seinen Noppen und dem Stachel, die Ende September eröffnet wird/wurde, bereitete bei der Detailplanung ob ihrer eigenwillig-bauchigen Formen erhebliche Probleme. Revolutionär ist die Konstruktion der Polyesterhülle, die ursprünglich "frei schwebend" sein sollte, allerdings nicht: Sie ähnelt mit ihren Stahlträgern, auf die man die Außenhaut montierte, diversen Palmenhäusern der Wende zum 20. Jahrhundert. Teuer kommt das verspielte Kunsthaus dennoch: Die Errichtungskosten werden zumindest 43,6 Millionen Euro betragen und damit um ein Drittel höher liegen als jene für das Lentos. Die Ausstellungsfläche hingegen ist um rund ein Drittel kleiner. Und Peter Pakesch, als neuer Intendant des Landesmuseums Joanneum auch Chef der Kunsthalle, wird es ungleich schwerer haben, die Räume in den Griff zu bekommen als Baum beziehungsweise dessen Nachfolger in Linz. Denn statt schlichten "white cubes", die sich dem Kunstwerk unterordnen, beeindruckt die architektonische Skulptur von Cook/Fournier mit einer mächtigen Halle, die sich selbst genug ist.
Doch nicht nur in den Landeshauptstädten etabliert man im hitzigen Wettstreit neue Kunsthallen und -museen: Im Örtchen Attersee zum Beispiel wird seit einigen Jahren den Sommer über die Atterseehalle, ein nüchterner Zweckbau, mit Themenausstellungen (natürlich immer unter Beteiligung des Schutzpatrons Hans Christian) bespielt. In Schwertberg, wo im vergangenen Sommer erstmals ein Festival ausgerichtet wurde, dient der malerische Meierhof des Schlosses als hoch passabler Veranstaltungsort für Ausstellungen. Und seit dem Mai macht das Benediktinerstift Admont in der Obersteiermark mit einem großzügig angelegten, sehr nobel eingerichteten Museum samt Wechselausstellungshalle Staunen: Die Mönche ließen sich die Umsetzung des Konzeptes, das Direktor Michael Braunsteiner nach einer Evaluierung der Bestände vorgelegt hatte, rund 20 Millionen Euro kosten. Dass die Objekte alsbald wieder verstauben, ist kaum zu erwarten: Jedes Jahr werden namhafte Künstler (heuer waren es unter anderem Erwin Wurm, Werner Reiterer und Constanze Ruhm) eingeladen, sich mit dem Stift auseinander zu setzen. Die Ergebnisse lassen sich sehen.

Erfreuliche Aktivitäten:
Stift Admont
www.stiftadmont.at
All diese Aktivitäten konkurrenzieren sich aber nicht wirklich. In Wien hingegen tobt ein Kampf um die potentiellen Besucher, die nur zögerlich mehr werden. Bereits im Winter 2001/2002, als Schröder noch mit der Realisierung seiner neuen Albertina beschäftigt war, ließ sich ein beinharter Verdrängungswettbewerb konstatieren. Und dies hat sich seither nicht geändert: Die Direktoren strapazieren die Klassische Moderne, statt Inhalte aufzubereiten, die zur Geschichte und Sammlung des jeweiligen Hauses passen. Manche gehen dabei unter oder fast: Das Museum Moderner Kunst zum Beispiel, dessen Neubau im Sommer 2001 eröffnet wurde, darbt glanzlos dahin. Am Standort Museumsquartier kann es aber kaum liegen, auch wenn diverse Direktoren bekritteln, dass sich im Areal nur Menschenmassen tummeln würden, die keine Affinität zur Kunst hätten: Das Leopold Museum zog am gleichen Standort mit dem grafischen Werk von Henri de Toulouse-Lautrec gut 150.000 Personen in fünf Monaten an. Mangelndes Besucherinteresse hat wohl auch mit Inhalten zu tun. Und Martin Kippenberger (im Mumok) verkauft sich eben weit schlechter als Toulouse-Lautrec. Auch wenn beide tote Bohemiens sind.
Diese Anmerkung soll aber nicht als Vorwurf verstanden werden oder gar als Plädoyer, populistische Programme zu fahren: Das Museum Moderner Kunst erhält nicht ohne Grund eine ungleich höhere finanzielle Unterstützung des Bundes als das Leopold Museum, das gemäß den ursprünglichen Überlegungen sogar fast deckungsgleich operieren sollte (und nun immerhin mit 2,5 Millionen Euro jährlich bezuschusst werden muss trotz der Werke von Egon Schiele): Auch wenn das Museum Moderner Kunst nun privatwirtschaftlich geführt wird, ist es nicht seine vordringliche Aufgabe, Gewinne zu erwirtschaften. Direktor Edelbert Köb kann, ja soll es sich leisten, Ausstellungen anzubieten, die nur von einer Minderheit wahrgenommen und rezipiert werden.
Im Kampf mit den subventionierten Giganten haben jene Institutionen, die nicht von der öffentlichen Hand gestützt werden, aber einen erheblichen Wettbewerbsnachteil. Der Unternehmer Karlheinz Essl, der für seine Sammlung ein eigenes Museum samt Wechselausstellungshalle in Klosterneuburg errichten ließ, hält jedoch, höchst bewundernswert, nach wie vor an seinem doch eher spröden Konzept, auch unbekannten Künstlern Raum zu geben, fest. Ingried Brugger hingegen muss ihr Kunstforum den Sommer über in einen marokkanischen Souk verwandeln lassen, in dem Teppiche und Nippes verkauft werden. Dass Schröder, ihr Exmann, dem auf Klassische Moderne spezialisierten Kunstforum mit Edvard Munch zugesetzt hat und auch in Zukunft zusetzen wird, lässt sich schwer leugnen.
Und im März 2004 wird zu allem Überdruss noch das Liechtenstein Museum eröffnen: Das gleichnamige Palais im Alsergrund, in dem das Museum moderner Kunst bis zu seiner Übersiedelung ins Museumsquartier untergebracht war, wird gegenwärtig um rund 20 Millionen Euro restauriert (auf eine weit subtilere Art und Weise als die Albertina). Zumindest 300.000 Besucher jährlich sind das Ziel von Johann Kräftner, dem Direktor, denn dann bilanziere sein Haus ausgeglichen. Dass der Markt auch im Segment der Alten Meister ziemlich gesättigt ist, weiß Kräftner natürlich. Man werde sich die Besucher streitig machen müssen, sagt er. "Das wird ein beinharter Verdrängungskampf."
Klaus Albrecht Schröder hatte um den Bogen zu schließen angesichts der Abertausenden Quadratmeter Ausstellungsfläche, die es in Wien bereits gibt, im Jänner 2001, als über die Wiener Museumslandschaft breit diskutiert wurde, ein schlagendes Rezept zur Hand: Man müsse, sagte er kalt, Ausstellungsfläche vom Markt nehmen. Und ging mit guten Beispiel voran: Schröder ließ für sein Weltgeltungsmuseum nicht nur eine neue Halle für Wechselausstellungen errichten, sondern gleich deren zwei (auf Kosten historischer Bausubstanz).
Seine Rechnung hatte Schröder aber ohne die zuständige Ministerin gemacht. Denn Elisabeth Gehrer weigerte sich im Frühjahr 2003, dem Direktor eine Anhebung der jährlichen Subvention von 5,1 auf 7,2 Millionen Euro angedeihen zu lassen: Wenn Schröder mit Sponsorgeldern wie im Falle der Propter-Homines-Halle neue Räume schafft, müsse er auch wissen, wie er sie bespielen könne. Die Zeiten einer normativen Kraft des Faktischen, als man alles auf die Politik abwälzen konnte, seien eben vorbei.
Schröder wusste zwar nicht, wie er die Bespielung seiner neue Halle finanzieren sollte: Er sagte kurzerhand eine Ausstellung ab. Und tat damit, was er einst selbst geraten hatte: Er nahm (zumindest temporär) Ausstellungsfläche vom Markt.
Seinem Beispiel folgte wenig später auch Wilfried Seipel, der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums: Er gibt spätestens Ende 2004 die Dependance, das Palais Harrach, auf, weil er die Kosten (450.000 Euro pro Jahr allein für Miete und Betrieb, ohne Ausstellungsprogramm) nicht mehr aufbringen kann. An seinem ehrgeizigsten Plan hält er aber nach wie vor fest: der unterirdischen Erweiterung des KHM im Bereich Maria-Theresien-Platz, die inklusive Einrichtung 35 bis 40 Millionen Euro kosten wird. Keine Sorge: Der Kampf geht sicher weiter.
Thomas Trenkler, Kulturredakteur beim "Standard", Wien
|