![]() |
| ÖMB | Museen | neues museum | Veranstaltungen | Journal |
| Aktuell | Archiv |
Das Bildnis eines behinderten Mannes |
| Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jahrhundert bis 31. Mai 2007 Schloss Ambras, Innsbruck Das Bildnis eines behinderten Mannes aus der Kunst- und Wunderkammer in Schloss Ambras bei Innsbruck wirft viele Fragen auf: Welche Rolle hatten behinderte Frauen und Männer im 16. Jahrhundert? Welche Blicke wurden damals auf sie gerichtet? Sind die Blicke auf behinderte Personen heute anders? Wie wollen sie selbst angeschaut werden? Das Bild unterscheidet sich wesentlich von Porträts vergangener Jahrhunderte: Es zeigt den Kopf eines Mannes mit durchaus höfischen Attributen, erkennbar an Kopfbedeckung und Halskrause und möglicherweise auch am selbstbewussten Blick. Der Körper des Mannes jedoch ist nackt, den Blicken der BetrachterInnen preisgegeben, verletzbar und alles andere als "höfisch" anzuschauen. Diese Widersprüchlichkeit, diese Ambivalenz machen den Mann auf dem Bild interessant. Weder seine Person, seine Herkunft und Lebensweise, noch der Künstler/die Künstlerin sind namentlich bekannt. Er kann genauso in die Kategorie des (einfluss)reichen Adeligen wie in die eines armen Untertanen oder Bettlers passen, der lediglich als Schauobjekt mit Hut und Halskrause porträtiert wurde. Das Bildnis des behinderten Mannes erklärt also nicht, es legt nicht Zeugnis ab über die Lebensweise vergangener Jahrhunderte, ganz im Gegenteil, es wirft Fragen auf. Fragen über Fragen, die nicht nur die Vergangenheit betreffen sondern bis in die Gegenwart reichen. Nur eines scheint den BetrachterInnen klar zu sein: Der Mann auf dem Bild hat ganz offensichtlich eine Behinderung. Die Ausstellung ist in sechs Leitgedanken gegliedert und versucht, dieses eindrückliche Bildnis im Rahmen der Bildkultur vom 16. bis ins 21. Jahrhundert zu erfassen - in spielerischen, lehrreichen, historischen, künstlerischen Annäherungen an den Umgang mit Darstellungen von Behinderung. Dabei werden unterschiedliche Blicke zum Thema gemacht: der neugierige, der medizinische, der mitleidige, der emanzipierte Blick in Geschichte und Gegenwart. Ein Wörterbuch und ein Begriffsnetz bieten Assistenz für das Verständnis der verschiedenen Motive. "Lasst uns die abwegige Verblüffung abschütteln, die uns bei ungewohnten Erscheinungen überkommt", schrieb 1588 der französische Edelmann und Philosoph Michel de Montaigne, ein Zeitgenosse des Schlossherrn Erzherzog Ferdinand II. Menschen, die nicht der Norm entsprachen, Zwerge, Riesen, Haarmenschen oder so genannte Krüppel, galten als "ungewohnte Erscheinungen". Wie sieht es heute aus? Ist eine Person mit Behinderung eine "ungewohnte Erscheinung"? Ungewohnt sicherlich nicht, aber möglicherweise nicht "hineinpassend" in gesellschaftliche Normvorstellungen und in ein Wertedenken, das Leistungsfähigkeit, Schnelligkeit, Jugendlichkeit an höchste Stelle setzt. Autobiografien und Selbstdarstellungen behinderter Menschen begegnen den Blicken der anderen aber auf emanzipierte Weise: Sie dokumentieren durch ihre Arbeiten, dass die Sicht, die man/frau von sich selbst hat, sich meist erheblich von der Sichtweise unterscheidet, die andere von einem haben. Sie veranschaulichen, dass die behinderte Frau und der behinderte Mann Expertin und Experte in eigener Sache sind. "Man muss den Blick verändern, mit dem man es betrachtet, nicht das Werk", notierte der französische Künstler Jean Dubuffet um 1980. Die in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten von KünstlerInnen mit Behinderung regen die BesucherInnen dazu an, den eigenen Blick auf Behinderung zu reflektieren. Aber auch der umgekehrte Blick, nämlich der der Menschen mit Behinderung auf die Welt wird thematisiert. Durch das Zusammenstellen dieser unterschiedlichen Positionen verdeutlicht die Ausstellung den Wandel der Betrachtungsweise in Bezug auf Behinderung und Menschen mit Behinderung. Die Veränderung besteht darin, dass man/frau vom Sammlungsobjekt zum Dokument der Existenz, von der medizinischen Diagnose zur kulturellen Bedeutung, von der Fürsorge zur Teilhabe, von der Fremdbestimmung zur Aufmerksamkeit für Autonomie wechselt. Die Ausstellung ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts, in dem das Kunsthistorische Museum Schloss Ambras, das Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck, sowie Selbstbestimmt Leben Innsbruck zusammengearbeitet haben. Zur Ausstellung ist ein Katalog erhältlich. Das Bildnis eines behinderten Mannes bis 31. Mai 2007 Kunsthistorisches Museum, Sammlungen Schloss Ambras, Innsbruck tgl. 10-17 Uhr Führungen: Mi & Sa 13.30 Uhr sowie gegen Voranmeldung. www.khm.at/ambras
|
| © Österreichischer Museumsbund | Kontakt/Impressum | ... powered by IS |