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Kunst und Kultur des Islam

bis 1. November 2006
Kunsthalle Leoben

Seit Jahren vermittelt die Kunsthalle Leoben in ihren Ausstellungen Kunst und Kultur vergangener Zeiten und exotischer Länder. Heuer zeigt sie Kunst des Islam. Österreich hat Kultur und Religion dieser Länder seit langem erforscht und schließlich auch toleriert.

Die Türkenkriege verbreiteten zwar mehr Schrecken als Faszination, doch nach ihrem Ende erforderte die enge Nachbarschaft Österreichs mit dem Osmanischen Reich die Auseinandersetzung mit dieser fremden Welt. Im Jahr 1754 wurde die Orientalische Akademie in Wien gegründet, aus welcher der 1774 in Graz geborene Orientalist Joseph v. Hammer-Purgstall hervorging. Seine zehnbändige Geschichte des Osmanischen Reiches ist bis heute ein Standardwerk geblieben, seine Zeitschrift "Fundgruben des Orients" steht am Anfang der wissenschaftlichen Orientalistik. Nicht zuletzt sei erwähnt, dass Österreich als erster europäischer Staat im Jahr 1912 den Islam als Religionsgemeinschaft anerkannte.

Orientalistik war aber in erster Linie Sprachwissenschaft, die Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst und dem Kunsthandwerk erfolgte eher marginal. Hier bedeutet nun die Ausstellung in Leoben eine Bereicherung des Wissens und dazu noch ein ästhetisches Vergnügen. Sie ist das Ergebnis der Zusammenarbeit mit Wiener Museen, besonders dem KHM und dem MAK, sowie dem Lindenmuseum Stuttgart und dem Nationalmuseum Damaskus. Der Gestaltungsplan verbindet historische Entwicklung des Islam mit dessen regionaler Ausbreitung. Die Anordnung der Vitrinen ist übersichtlich, die rund 250 Objekte sind deutlich beschriftet, Raumtexte ergänzen die Informationen.

Im Zentrum des Islam steht die "Mutter der Bücher", der Koran. Er wurde Mohamed in arabischer Sprache geoffenbart und steht am Beginn des klassischen Arabisch. Die Schrift ist von stark ornamentalem Charakter, so dass sie in Verbindung mit Farben und Zierleisten prachtvolle Handschriften und Druckwerke ergibt. Dem täglichen Gebrauch dienten sehr kleine Korane, die auch als Amulette fungierten. Ein achteckiges Exemplar von 6 cm Durchmesser aus dem Jahr 1545 stammt vermutlich aus Persien und gehört der Österreichischen Nationalbibliothek. Aus dem 19. Jh. kommt ein Prachtstück: Der schwarze Ledereinband ist mit Goldornamenten verziert, die Seiten sind mit Blumen bemalt und mit Gold gehöht. Im 8. Jh. kam es im Islam zum Bilderverbot: Menschen dürfen nicht dargestellt werden. In Persien schien man sich an dieses Verbot nicht allzu streng gehalten haben, denn zwei Miniaturen aus dem 16. Jh. zeigen einen aristokratischen Krieger und eine vornehme Dame, die gerade Hände und Füße mit Henna bemalt.

Vermutlich dem privaten Gebrauch diente eine Handschrift aus dem 18. Jh.: In 30 kleine Feldern sind die arabischen Schriftzeichen eingetragen; vielleicht wollte der Verfasser damit seinen Kindern den Zugang zur Schrift erleichtern. Auch Fliesen wurden mit Schrift ornamentiert und werden dadurch zu eigenständigen Bildern.
Eng verbunden mit dem Glauben war der Talisman, der den Muslim auf seinen Wegen beschützen sollte. Ein besonders eindrucksvolles Objekt ist eine kleine ovale Scheibe aus rotbraunem Achat, in den die 99 Namen Allahs in arabischer Schrift eingeritzt sind. Diese Namen beziehen sich auf die vielen Seiten der göttlichen Natur, die dennoch sein Wesen nicht erfassen können. Ein anderer Talisman besteht aus einem quadratischen Karneol, der vermutlich auf dem Handelsweg aus Ostindien importiert wurde. Die Namen Allahs und der ersten vier Kalifen sind in Kufischer Schrift eingraviert und zwar spiegelverkehrt, so dass der Talisman auch als Sigel benützt werden konnte.

Weniger friedlich als Bücher und Amulette, aber ebenso kostbar ausgeführt sind die Waffen und Rüstungen. Ebenso interessant wie die Objekte selbst ist ihre Geschichte. Aus dem KHM Wien kommt die Rüstung eines Mamlukenfürsten. Sie wurde um 1500 in Syrien oder Ägypten aus vergoldetem Eisen angefertigt und kam über Portugiesisch Indien an den Hof der Habsburger. Im Inventar von Schloss Ambras wurde sie als Rüstung eines "Königs zu Cuba in Indien" geführt. Vermutlich ist es ein Beutestück und erhielt seine Bezeichnung durch die häufige Verwechslung der Westindischen Inseln mit Indien.

Die Panzerhaube und das Panzerhemd eines Spahis - so hieß ein Angehöriger der türkischen Reiterei - war ein Huldigungsgeschenk des Fürsten von Siebenbürgen an Kaiser Leopold I. Prachtvoll verzierte Schwerter, Streitkolben, Säbel und Sturmhauben waren viel zu schön für Schlachten und Kriege, es waren fürstliche Geschenke. Ein Reflexbogen zum Abschießen von Pfeilen besteht aus mehreren Schichten von Hartholz, Büffelhorn und Rindersehnen, die in mehreren Schichten mittels Fischleim verbunden wurden. Zwischen den Arbeitsgängen lagen lange Trocknungszeiten, so dass die Herstellung eines solchen Bogens mehrere Jahre dauerte.

In die älteste Zeit der Islamischen Kultur führen Funde aus dem Wüstenschloss Quasr al-Hair al Gharbi. Es wurde Anfang des 8. Jhs. in der Syrischen Wüste nahe Palmyra erbaut. Dort wurden Skulpturen gefunden, wie sie später nicht mehr hergestellt wurden, etwa die Statue eines bärtigen Mannes oder Teile einer Ziege und Rahmenfragmente. Diese Objekte bestehen aus bemaltem Gips, eine Stucktechnik, die aus dem Iran gekommen sein dürfte.

Höchsten Ansprüchen an Schönheit des Materials und der Form genügen die Objekte des Privatlebens, die Schalen und Becher, die Kästchen und Kannen. Das türkische Kaffeeservice ist ein fester Bestandteil der europäischen Kultur geworden, aber im Orient trank man den starken Kaffee aus kleinen Porzellanschälchen, die in einer Halterung aus Metall stehen. Mit den Fingerspitzen hob man das Schälchen aus dieser Halterung, um sich die Finger nicht zu verbrennen. Bettler kamen gar nicht in diese Gefahr, sie hatten nur ganz einfache, ovale Schalen. Etwas Besonderes ist hingegen Exemplar aus hellgrünem Nephrit, mit Gold und Stückchen aus Bergkristall und farbigem Glas überzogen. Sie kam vom prunkvollen Hof der Safawiden, die einem Bettlerorden entstammten.

Kostbare Teppiche künden von Reichtum, Kompass und Quadrant von arabischen Seefahrern. Und für historisch interessierte Besucher gibt es das Schreiben Sultan Süleymans an Kaiser Ferdinand I. und ein Bild des Lagers in Karlowitz, wo nach Prinz Eugens Sieg bei Zenta die Friedensverhandlungen zwischen Österreich und der Türkei geführt wurden.

Der Besucher verlässt die Ausstellung mit erweitertem Wissen über dieses Kapitel Weltkultur und im Sinne wechselseitiger Toleranz wäre eine Ausstellung christlicher Kunst in einem arabischen Land sehr zu begrüßen.
Der umfassende Katalog bringt reiches Bildmaterial und informative Texte, doch ist er leider in einer derart kleinen Schrift gedruckt, dass die Lektüre auch guten Augen ohne Sehhilfe fast unmöglich ist.

Christa Höller

Die Welt des Orients - Kunst und Kultur des Islam
bis 1.November 2006

Kunsthalle Leoben
tgl. 9-18 Uhr
www.leoben.at



Abb.: Koran, VR China, Xinjiang
(Ost-Turkestan), Kashgar, um 1825/26 (© Museum für Völkerkunde Wien)

Abb.: Federkasten, Iran, 19. Jahrhundert (© Linden-Museum Stuttgart)

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